Politischer Anschlag?

Brandanschlag auf Wormser Synagoge weckt Erinnerungen an Pogromnacht

 

Eigentlich sollte man denken, dass Brandanschläge auf Synagogen in Deutschland der Vergangenheit des Dritten Reiches angehören sollten. Dass dem nicht so ist, zeigt der Vorfall im rheinland-pfälzischen Worms Mitte Mai. In der Nacht vom 17. Mai verübten hier ein oder mehrere unbekannte Täter einen Brandanschlag auf die Synagoge der 135-köpfigen jüdischen Gemeinde in der Judengasse. Das teilte die Polizeidirektion in Worms mit. «Die Landesregierung wird alles dafür tun, damit diese verabscheuungswürdige Tat schnell aufgeklärt wird und der oder die Täter gefasst werden», so die offizielle Erklärung des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) gegenüber dem «SWR».

 

Der Anschlag des 17. Mai konnte glücklicherweise früh erkannt, größerer Schaden abgewendet werden. Gegen 1.40 Uhr nachts machte eine Anwohnerin die Polizei auf den Anschlag aufmerksam. Sie hatte Lichter gesehen und das Geräusch zersplitternden Glases gehört, so die Anwohnerin. Nach bisherigem Stand der Ermittlungen seitens der Wormser Polizei wurden zwischen sechs und acht Brandherde am Sandsteingebäude der Synagoge gelegt. Dabei wurden Brandbeschleuniger benutzt. Auch ein Molotow-Cocktail sei zum Einsatz gekommen. Dieser wurde gegen ein Fenster der Synagoge geworfen, das dadurch zerbrach. Der Molotow-Cocktail blieb am Fenster hängen. Rund um die Wormser Synagoge wurden Bekennerschreiben mit der Aufschrift gefunden: «Sobald ihr nicht den Palästinensern Ruhe gebt, geben wir euch keine Ruhe.» Ob der Anschlag von palästinensischer, rechts- oder linksextremer deutscher oder anderer Seite erfolgte, bleibt vorerst offen. Verletzt wurde bei dem Anschlag niemand. Die polizeiliche Bewachung der Synagoge wurde erhöht.

 

Die Polizei in Rheinland-Pfalz ermittelt nun in alle Richtungen wegen versuchter schwerer Brandstiftung. «Versuchte schwere Brandstiftung deshalb, weil das Gebäude in wesentlichen Bestandteilen nicht selbstständig gebrannt hat», führt der Leitende Mainzer Oberstaatsanwalt Klaus-Heinz Weber gegenüber der «Jüdischen Zeitung» aus. Um die Ermittlungen zu beschleunigen, hat die Polizei eine 35-köpfige Sonderkommission gebildet. Außerdem wurde eine Telefonhotline eingerichtet, bei der die Bevölkerung Hinweise zu Tathergang und Tätern geben kann. Die Polizei hat auch umgehend mit einer Flugblatt-Aktion begonnen, um weitere Zeugen zu finden. Bisher fiel die Resonanz auf die Aktion jedoch gering aus. Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz sprach am 18. Mai zudem eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro für Hinweise aus, die zur Ergreifung der Täter führen.

 

Bei den Wormser Bürgern sorgte der Anschlag für Empörung und Solidaritätsbekundungen mit der Jüdischen Gemeinde. So halten hunderte Bürger seit dem 17. Mai vor der durch den Anschlag rußgeschwärzten Synagoge eine Mahnwache ab. «Tagtäglich wiederholt sich das in irgendeiner Form», so der Wormser Oberbürgermeister Karl-Heinz Weber (SPD). «Wir wollen, dass unsere jüdischen Bürger sich hier sicher und geborgen fühlen»,so Weber.

 

«Die erste Reaktion war natürlich Entsetzen! Ich wohne ja selbst in Worms und ich bin dann gleich da hingefahren», sagt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz und Worms, Stella Schindler-Siegreich, im Gespräch mit der «Jüdischen Zeitung». Ihrer Ansicht nach richetete sich die Aktion gegen eine jüdische Gemeinschaft, jüdische Menschen, die getroffen werden sollten. «Es war ein Angriff auf eine jüdische Institution und Juden und das ist für mich eine Form von Rassismus, die man einfach nicht tolerieren kann in der Bundesrepublik. Und auch wir als jüdische Gemeinschaft müssen uns damit auseinandersetzen», führt Schindler-Siegreich weiter aus.

 

Die Synagoge in Worms wurde im Jahre 1034 errichtet. Im Laufe der Geschichte wurde sie immer wieder zerstört, so durch die verheerenden christlichen Kreuzzüge im 12. Jahrhundert. Danach musste sie in romanischer Form im Jahre 1174-75 neu aufgebaut werden. Im Zuge der NS-Diktatur und der Pogromnacht 1938 wurde sie niedergebrannt. Der Neuaufbau und die Wiedereinweihung erfolgten im Jahr 1961.

 

Mögliche Hinweise zum Anschlag in Worms nimmt die Polizei unter 0 800 656 56 51 entgegen.

Christian Kausche

«Jüdische Zeitung», Juni 2010