Stell dir vor, es ist WM und Israel fährt hin

Israel und der Fußball: Eine Beziehung mit Hindernissen

 

Der israelische Fußball ist international nicht gerade für seine Schönheit oder Schnelligkeit bekannt, vor allem, wenn die Nationalelf spielt. Denn die «Nivcheret» (zu Deutsch: Auswahl) scheitert eher selten am Gegner, sondern meist an sich selbst. Günter Netzer, ehemaliger deutscher Fußballprofi und Sportkommentator der ARD, fasste die Spielweise 2001 in der Sportschau treffend zusammen: «Die Israelis spielen einen hervorragenden Fußball, den sie nicht in Ergebnisse umwandeln können.»

 

Dies schlägt sich auch in der Teilnahme an internationalen Wettkämpfen nieder - bisher nahm Israel nur an der Fußballweltmeisterschaft 1970 in Mexiko teil. Der Sportreporter der israelischen Zeitung «Jerusalem Post», Jeremy Last, erklärt dies mit «einer Kombination von Faktoren, hauptsächlich jedoch der Qualität, der Erfahrung und der Professionalität».

 

Seit 1994 ist die Situation noch schwieriger geworden, weiß der Journalist: Israel wurde Mitglied der UEFA. Die Gegnerin der Qualifikation um die Teilnahme an den Weltmeisterschaften sind fortan die Mannschaften starker europäischer Fußballnationen: Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Spanien oder Griechenland. Zuvor musste sich Israel - und dies ist auch der Grund für Israels Teilnahme in Mexiko - über den Asiatischen Verband qualifizieren. Da es aus dem Asiatischen Verband für die Weltmeisterschaft 1970 nur vier Meldungen gab und aus dem Ozeanischen nur zwei, spielten die sechs Mannschaften gemeinsam um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Da sich mit Nordkorea eine der sechs Mannschaften weigerte, gegen Israel zu spielen und deshalb disqualifiziert wurde, musste Israel nur gegen Neuseeland und Australien antreten.

 

In Israel jedoch will man die Teilnahme nicht nur auf die schwache Gruppe reduzieren. Vielmehr erinnert man an den damaligen Trainer Emmanuel Scheffer, der die Mannschaft konsequent zur Qualifikation geführt haben soll. Der Trainer, der das Amt 1968 übernahm, begrüßte die Mannschaft - so die Legende - an seinem ersten Arbeitstag mit den Worten: «Ab jetzt haben wir dreimal Training». Die Spieler nahmen es zur Kenntnis und wollten wissen, an welchen Tagen sie zum Training kommen sollen. «Um 7 Uhr, um 11 Uhr und um 15Uhr», soll Scheffer geantwortet haben. Trotz des scheinbar intensiven Trainings schied die Mannschaft dann allerdings bereits in der Vorrunde aus. Folglich ging jemand anderes in die Sportannalen des Landes ein: der Spieler Mordechai Spiegler. Er schoss das erste Tor für die israelische Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft. Es blieb bisher auch das einzige.

 

"Judenclubs":

Rechtsextreme Fans von Bayern München würden den Titel «Judenclub» wohl weit von sich weisen und auf Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspur zeigen, doch die Fangruppe «Schickeria München» erinnert jedes Jahr mit dem antirassistischen Kurt-Landauer-Turnier an das jüdische Erbe des Vereins. Denn beim Aufstieg des FC Bayern an die nationale Spitze und zum ersten nationalen Meistertitel war der Sohn jüdischer Kaufleute, Kurt Landauer (1884-1961), federführend. Der Präsident musste zwar 1933 einem nichtjüdischen Präsidenten weichen, doch kehrte er 1947 direkt aus dem Schweizer Exil zu Bayern München zurück. Die Zeit der NS-Herrschaft war für den FC Bayern sportlich und finanziell ein Desaster und so brauchte man Landauer, der in den Nachkriegsjahren dem Klub aufgrund seiner guten Kontakte bei den Verhandlungen mit der Stadt oder der amerikanischen Militärverwaltung einen Startvorteil gegenüber dem lokalen Konkurrenten verschaffen konnte. Doch auch schon die Gründungen des Clubs war im Wesentlichen den jüdischen Freunden Josef Pollack (1880-1958) und Gustav Rudolf Manning (1873-1953) zu verdanken. Gemeinsam mit Fußballpionier Walther Bensemann (1873-1934), der später auch die Fußballzeitung «Kicker» ins Leben rief, gründete man den FC Bayern München. Auch Tottenham Hotspur aus Nordlondon wird als «Judenclub» bezeichnet, obwohl es wie bei Bayern München nur einige wenige jüdische Spieler und Präsidenten gab. Doch die Fans von Tottenham wurden durch gegnerische Fußballfans antisemitisch beleidigt, obwohl die Mehrzahl der Fans überhaupt keine Juden sind: «Yiddos! Yiddos! Does your Rabbi, does your Rabbi, does your Rabbi know you're here?» schrien Arsenal-Fans auch am 3. April 1976. Bereits seit einem Jahr war dies regelmäßig zu hören. Doch an diesem Tag hatten die Tottenham-Fans genug: Ein Hooligan-Trupp stürmte die Nordkurve, wo die Arsenal-Fans standen, und skandierte dort: «Yiddos took the North Bank! Yiddos took the North Bank!» Seit diesem Tag bezeichnen sich die Tottenham-Anhänger selbst stolz als «Yids», also als Juden, und deuten so den eigentlich abwertend gemeinten Spitznamen positiv um.

«Dass die Tottenham-Anhänger den rassistisch gemeinten Spitznamen, statt sich vor ihm zu ducken, sich als Ehrennamen zu Eigen machten, das hat dem Spott die Wirkung genommen», erklärt John M. Efron, Professor für jüdische Geschichte an der Universität von Kalifornien in Berkeley, das Phänomen.

«Nichts schweißt eine Gruppe mehr zusammen als eine Attacke von außen», erklärt der Fußballsoziologe Gunter A. Pilz diese Reaktionen. Nichts wirkt da so gut wie Antisemitismus - ein Jude genannt zu werden heißt, marginalisiert zu sein. Um sich nach außen abzugrenzen, nimmt man vollkommen die Identität der Gruppe, in diesem Fall des Vereins, an.

Doch je mehr die Ajax- und Tottenham-Fans die jüdische Identität annahmen, umso schlimmer wurden die Beleidigungen. Anfangs ging es meist um die Beschneidung oder jüdische Essensgewohnheiten, dann rückte der Holocaust in den Mittelpunkt der Schmähungen. Die schlimmste Form: Alle Fans auf der Tribüne zischen und imitieren so das Ausströmen von Gas. «Die nichtjüdischen Tottenham-Fans haben darauf so entsetzt reagiert, wie man es nur von wirklichen Juden erwarten würde», sagt Efron. «Wenn sie ins Stadion gehen, fühlen sie sich wirklich als Juden und nennen auch jeden Spieler, den sie mögen, einen „Yiddo".» Das bekannteste Beispiel ist für Efron hierbei Jürgen Klinsmann, der 1994 nach Tottenham kam: «Zur Melodie von Mary Poppins sangen die Fans ihm zu Ehren: Chim chiminee, chim chiminee, chimchim churoo, Jürgen was a German, but now he is a Jew!»                 JW

Mangelnde Spielpraxis

 

Da sich in all den Jahren im Asiatischen Verband nicht nur Nordkorea weigerte gegen Israel zu spielen - im Asiatischen Verband waren auch Syrien, der Libanon und weitere Länder, die Israel bis heute feindlich gegenüberstehen - konnte Israel in der Zeit vor dem Austritt 1974 keine internationalen Erfahrungen sammeln. Auch danach blieb es schwierig, da man versuchte, über verschiedene Verbände mehr Spielpraxis zu erlangen, bis man 1994 endlich ständiges Mitglied der UEFA wurde. Die Aufnahme hatte aber auch andere Vorteile: Es spielen nun immer mehr israelische Profis bei europäischen Vereinen und tragen mit ihren Erfahrungen zur Stärkung der Nationalmannschaft bei. Vorreiter war Ronnie Rosenthal, der in den 1980er Jahren bei Brügge, Udine, Liverpool und Tottenham spielte. Sein Engagement bei Udine Calcio 1988 war allerdings nur von kurzer Dauer, denn er spielte kein einziges Spiel. Nach medizinischen Tests und der Einigkeit in sportlicher und finanzieller Hinsicht verkündete der Vorstand von Udine auf einer Pressekonferenz die Vertragsunterzeichnung für zwei Spielzeiten. Doch noch vor seinem ersten Einsatz annullierte der Vorstand den Vertrag Rosenthals - mit der Begründung mangelnder physischer Fitness. Doch ganz Italien kannte den wahren Grund: Am Vorabend der Annullierung war das Stadion mit antisemitischen Parolen verunstaltet worden. Rosenthal folgten dennoch etliche israelische Spieler in alle Herren Länder. Bei dem deutschen Bundesligisten Borussia Mönchengladbach spielen zurzeit der israelische Nationalspieler Roberto Colautti sowie der ehemalige Nationalspieler Gal Albermann.

 

Inzwischen zieht es sogar Spieler ohne israelische Pässe in die israelische Liga. Pro Team sind fünf Ausländer erlaubt und so schießen in der Ligat ha'Al zumeist Männer aus Afrika und der ehemaligen Sowjetunion die Tore. Ein deutscher Spieler hat bisher noch nicht für ein israelisches Team gespielt. Der bekannteste deutsche Export bleibt wohl der kurze Auftritt Lothar Matthäus' als Trainer bei Maccabi Netanya in der Saison 2008/2009.

 

Dies alles hat dennoch nicht dazu beigetragen, dass Israel nun an der Weltmeisterschaft in Südafrika teilnimmt. Jeremy Last von der «Jerusalem Post» sieht folgende Ursache: «Ich beschuldige hauptsächlich den inzwischen ehemaligen Trainer Dror Kashtan. Zum ersten Mal, seit man Mitglied in der UEFA ist, war Israel in einer Qualifikationsgruppe, die man tatsächlich hätte anführen können, aber ein Mangel an Motivation und vom Trainer initiierten Glauben brachten des Teams Chancen zum Scheitern.» Für die Zukunft des israelischen Teams ist er jedoch optimistisch: «Luis Fernandez, der neue Trainer, hat Glück, Israel hat für die Qualifikation zur Euro 2012 eine leichtere Gruppe als die Male zuvor. Doch, wieder liegt die meiste Verantwortung beim Trainer!»

 

Nervosität und Callgirls

 

Doch gerade wenn die Qualifikation einmal unter guten Vorzeichen steht, scheinen die Israelis nervös zu werden: Bei der Qualifikation zur EM 2000 schien das Ziel so nahe wie noch nie. Zunächst hatte sich Israel mit einem Sieg gegen Österreich den zweiten Platz in der Qualifizierungsgruppe gesichert, der zum «Endspiel» gegen Dänemark berechtigte. Doch dann setzte es eine peinliche 0:5-Niederlage im ausverkauften Nationalstadion in Ramat Gan. Als wäre das noch nicht genug Schmach für die Fans, bekamen sie wenig später die Ursache für die Niederlage aufgetischt: Vier Nationalspieler hatten sich am Vortag des wichtigen Länderspiels mit Callgirls amüsiert. Ein weiteres Mal war man an sich selbst gescheitert.

 

 Julia Wolbergs

«Jüdische Zeitung», Juni 2010