Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Schulsystem ohne Verbindlichkeiten?Ultraorthodoxe Schulen stehen im Fokus einer neuen Bildungsdebatte
Mit provokanten Äußerungen setzte der Tel Aviver Bürgermeister Ron Chuldai bei einer Bildungskonferenz Anfang Mai eine Welle von Debatten in Gang, die sobald nicht abebben dürfte. «Jeder unterrichtet, was er will», so brachte Chuldai den Anlass der Konferenz mit dem Titel «Bildungskern» auf den Punkt. Denn nicht an allen Schulen wird der staatlich vorgeschriebene Lehrplan in vollem Umfang unterrichtet. Aufgrund Israels religiöser Vielfalt gestaltet sich das Kerncurriculum an den Schulen im Land recht unterschiedlich. Besonders Teile des orthodoxen Milieus stehen seit der Konferenz, die vom Kibbutzim College of Education veranstaltet wurde, in der Kritik.
Ein Abkommen, das bei der Staatsgründung Israels 1948 mit orthodoxen Vertretern geschlossen wurde, erscheint unter demografischen Aspekten heute nicht mehr sinnvoll. Ultraorthodoxe Jeschiwa-Studenten wurden damals vom Militärdienst befreit, um an einer vom Staat subventionierten Jeschiwa vorwiegend Tora und Tanach zu lernen. Während die modern-orthodoxe Richtung eine weltliche Bildung als Ergänzung zur religiösen Erziehung befürwortet und pro-zionistisch eingestellt ist, das heißt, auch den Militärdienst zulässt, wird an ultraorthodoxen Schulen - auf Kosten der Allgemeinbildung - vorwiegend Religion gelehrt. In seiner Beschreibung zur fehlenden Verbindlichkeit im Schulsystem nahm der Bürgermeister Tel Avivs kein Blatt vor den Mund: «Der radikal-islamische Sektor kann Schüler gegen den Staat Israel erziehen und wird dabei finanziell unterstützt und auch die Ultraorthodoxen sind unwillig, die allgemeinen Pflichtfächer zu lehren, die sich jedes Land für seine Bürger wünscht zu wissen, um zu verstehen, was Demokratie bedeutet oder den eigenen Unterhalt als Erwachsener selbst bestreiten zu können und damit nicht zu einer Last für den Steuerzahler zu werden.»
Staatlicher Kontrollverlust
Nach Angaben des Bildungsministeriums ist es ultraorthodoxen Schulen gestattet, lediglich 55 Prozent des staatlich vorgeschriebenen Lehrplans zu unterrichten. Sie erhalten dann aber auch nur einen entsprechend gekürzten Anteil an Subventionen. Wie die Schulen den Lehrplan kürzen, ob Fächer etwa ganz gestrichen werden können oder nur die Hälfte der Stunden angeboten werden darf, wird nicht erklärt. Dan Ben-David, Geschäftsführer des unabhängigen Taub-Centersfür Sozialpolitische Studien und Professor an der Tel Aviver Universität kann nicht verstehen, warum es Schulen, unabhängig von einer staatlichen Subventionierung, überhaupt erlaubt ist, ihren Schülern grundlegende Bildung vorzuenthalten. «Laisser-faire ist noch zu milde ausgedrückt, für den staatlichen Kontrollverlust hinsichtlich des Lehrplans an Schulen», so der Wirtschaftsprofessor.
Diskussionen, wie man ultraorthodoxe Schulen zur Übernahme eines höheren Anteils der Kernpflichtfächer zwingen könnte, laufen bereits seit Jahren, jedoch mit mangelndem öffentlichen Druck und damit ohne Ergebnis. Die Selbsthilfeorganisation «Hillel», die Aussteiger des ultraorthodoxen Milieus beim Start in ein modernes, weltliches Leben unterstützt, vergleicht in einer Stellungnahme das Bildungsniveau eines 18-jährigen Jeschiwa Schülers, egal ob intelligent und aufmerksam, mit dem eines Grundschülers in einer säkularen Schule. Ultraorthodoxe Schulabgänger hätten nur minimale Kenntnisse in Mathematik, Naturwissenschaft, Geschichte und Gemeinschaftskunde. Den Jungen werde zudem oftmals die englische Sprache vorenthalten, so Irit Paneth, die Sprecherin von «Hillel». Charedische Mädchen erhielten dagegen noch eher eine grundlegende Bildung, um sie noch vor der Heirat auf das Erwerbsleben vorzubereiten. Ihre ultraorthodoxen Ehemänner studierten zumeist weiterhin Tora und Tanach in den Jeschiwot. Für die Ansprüche der modernen Wirtschaft seien sie am wenigsten geschult, so dass sie nach ihrem Ausstieg die fehlende Schulbildung erst mühsam nachholen müssten, um einen Beruf zu erlernen.
Ehemalige Jeschiwa-Schüler verzeichnen die höchste Nichtbeschäftigungsrate unter israelischen Männern. Eine Studie zur Lage des Bildungssystems, die im März dieses Jahres vom Taub-Center herausgegeben wurde, enthält hierzu alarmierende Langzeitdaten. So hat sich die Rate der nicht arbeitenden ultraorthodoxen Männer im Alter von 35 bis 54 Jahren innerhalb der letzten drei Dekaden mit einem Anstieg von 21 auf 65 Prozent mehr als verdreifacht, die Rate der nicht arbeitenden arabischen Männer ist von 15 auf 28 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Stieg der Anteil der nicht beschäftigten säkularen bis religiösen jüdischen Männer innerhalb der letzten drei Jahrzehnte von acht auf 15 Prozent, so gab es bei den OECD-Mitgliedsstaaten im gleichen Zeitraum eine Steigerung von acht auf lediglich zwölf Prozent.
Zwei Lager
Der Grund für die prekäre Situation unter ultraorthodoxen Männern liege nach Meinung Dan Ben-Davids, in einem «beträchtlichen Anstieg an finanzieller Unterstützung während der letzten Jahre. Ein wachsender Teil der Gesellschaft hat dadurch den Lebensstil der Arbeitslosigkeit gewählt.» Die abweisende Haltung mancher orthodoxer Gruppen gegenüber weltlicher Arbeit werde somit staatlich gefördert, so der Leiter der Studie. Laut Bürgermeister Ron Chuldai hätten die Israelis «keine andere Wahl, als deutlich über die Existenz von zwei Lagern in der israelischen Gesellschaft zu sprechen: Auf der einen Seite diejenigen, welche zur Stärkung der Basis und ihrem Wachstum beitragen, auf der anderen Seite jene, die sich von Ersteren finanzieren lassen.»
Gerade jene Bevölkerungsgruppen, bei denen die niedrigste Beschäftigungsrate registriert wurde, haben auch die höchsten Geburtenraten und den stärksten Zuwachs an ihren Schulen. Zwar stellen die säkularen bis traditionell geprägten jüdischen Israelis noch die Mehrheit im Staat dar, jedoch weisen ultraorthodoxe Familien mit durchschnittlich bis zu sieben Kindern und arabisch-muslimische Frauen mit statistisch 4,5 Kindern die höchsten Geburtenraten im Land auf. Eine nichtorthodoxe jüdische Frau hat im Vergleich dazu nur 2,7 Kinder. Bei arabischen Christen sind es 2,3 und bei Drusen 2,8 Kinder. Diese Geburtenzahlen spiegeln sich auch in den Wachstumsraten der Schulen wider.
Laut dem Bildungsbericht gehen mittlerweile an die 20 Prozent der israelischen Grundschüler auf eine ultraorthodoxe Schule, an denen das religiöse Studium im Vordergrund steht. Innerhalb der letzten zehn Jahre haben die Jeschiwot damit einen Anstieg in Höhe von 51 Prozent erreicht und verzeichnen dadurch den größten Zulauf aller Schulen landesweit. 39 Prozent der Grundschüler und damit drei Prozent weniger als noch vor zehn Jahren besuchen eine staatlich-säkulare Schule, an der alle Kernpflichtfächer in vollem Umfang unterrichtet werden. 14 Prozent lernen an einer staatlich religiösen Schule, in der zusätzlich zum staatlichen Lehrplan besonderer Wert auf jüdische Religion, Kultur und Tradition gelegt werden. Diese Schulen haben innerhalb der letzten Dekade einen Auftrieb in Höhe von acht Prozent erfahren. 28 Prozent, und damit 33 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren, nehmen am Bildungsplan arabischer Schulen teil. An ihnen wird ergänzend arabische oder drusische Geschichte, Religion und Kultur gelehrt.
Sollte der Trend andauern, so würde, rein statistisch betrachtet, im Jahr 2040 der Anteil ultraorthodoxer und israelisch-arabischer Schüler 78 Prozent aller Grundschüler des Landes ausmachen, wohingegen der Anteil an Schülern des staatlichen Schulsystems bei nur noch 14 Prozent liegen würde. Der Taub-Studie zufolge schneiden jedoch genau die beiden Gewinner des Schülerzuwachses, also ultraorthodoxe und arabische Schulen, hinsichtlich der Vermittlung von Lerninhalten am schlechtesten ab. «Das staatliche Bildungsniveau in den Kernpflichtfächern gehört zu den niedrigsten unter den fortschrittlichen westlichen Staaten - unter orthodoxen und arabisch-israelischen Schülern ist es sogar noch niedriger», erläutert Ben-David.
Gegenkampagne der Ultraorthodoxen
Die charedische, d.h. ultraorthodoxe Presse reagierte mit Gegenkampagnen, bei denen säkularen Kindern Wertemangel und Unkenntnis der jüdischen Tradition und Religion unterstellt wurden. So veröffentlichte etwa die Redaktion der charedischen Online-Nachrichtenseite «Kikar HaShabbat» zehn Kritikpunkte zur Wirkung weltlichen Einflusses auf das jüdische Kind. Das säkulare Kind sehe demnach die Welt mit materialistischen Augen und gehe für hedonistische Zwecke verschwenderisch mit seinem Taschengeld um. Dagegen studiere das orthodox erzogene Kind strebsam und wissbegierig und freue sich auf jüdische Feiertage und den wöchentlichen Sabbat im Kreis der Familie, so die Stellungnahme der Redaktion.
Demgegenüber wurden auf der Site aber auch Berichte über ein wachsendes Interesse an akademischer Bildung publiziert. Am Zefat Academic College beispielsweise werden an der nördlichen Peripherie Israels, unter anderem Vorbereitungskurse fürs Studium zugunsten ultraorthodoxer Männer angeboten. Iris Cohen-Uziel, die Leiterin des Programms, erklärt, dass charedische Männer innerhalb von nur drei bis vier Monaten auf ein anschließendes BA-Studium im Bereich Wirtschaft, Jura oder Sozialwissenschaften vorbereitet werden können. Während dieser relativ kurzen Zeit würden die charedischen Männer fehlende Grundkenntnisse, etwa in Englisch, Mathematik und im Umgang mit dem Computer für den Studienbeginn nachholen.
«Ultraorthodoxe wissen wie man lernt», rechtfertigt die Leiterin des Programms die extrem kurze Zeitspanne und fügt aufgrund ihrer Erfahrung hinzu: «Die Teilnehmer besitzen eine enorme Lernfähigkeit und Konzentration, die es ihnen möglich machen, sich nötiges Wissen schnell anzueignen.» Für ein Studium im Ingenieurbereich bedürfe es jedoch einer entsprechend umfassenderen Vorbereitung, die am College noch nicht angeboten werde. Cohen-Uziel will mit den angebotenen Kursen auch Multiplikatoren der orthodoxen Gesellschafterreichen und sieht darin einen Ansatz für die Anhebung des schulischen Niveaus in den Jeschiwot. Von den Religionsgelehrten, die am College studieren, erhofft sie sich, dass diese später für eine bessere schulische Bildung in ihrer Gemeinde eintreten werden. Jeschiwa-Studenten wüssten zwar um die Lücken in ihrem Schulsystem, dennoch würden sie ihre Kinder niemals auf staatliche Schulen schicken wollen. Eine Verbesserung müsse von der Graswurzel ausgehen und von den Verantwortlichen in den Schulen umgesetzt werden. Nach Meinung von Cohen-Uziel sollten die Jeschiwot neben den Religionsfächern einen zwar zeitlich konzentrierten, jedoch vollständigen Lehrplan unterrichten. Ein solches Umdenken in ultraorthodoxen aber auch arabischen Schulen käme der ganzen israelischen Gesellschaft zugute.
Von Seiten des Bildungsministeriums wurde keine dezidierte Stellungnahme zur derzeitigen Debatte veröffentlicht, dennoch will sich nun auch der Hochschulrat, der dem Ministerium unterstellt ist, verstärkt um die berufliche Entwicklung und Integration der Charedim kümmern. Ebenfalls mit speziell für diese Zielgruppe zugeschnittenen Hochschulvorbereitungskursen und beruflichen Lehrgängen sollen Ultraorthodoxe für den Eintritt ins Berufsleben in sozialen und wirtschaftlichen Bereichen fit gemacht werden. Auch das Ministerium für Industrie, Handel und Arbeit hat begonnen, in Zusammenarbeit mit ultraorthodoxen Vertretern Lösungsansätze zur Reduzierung der Arbeitslosenquote zu erarbeiten. Stipendien zur beruflichen Bildung sollen es den Jeschiwa-Schülern erleichtern, vorhandene Wissenslücken zu schließen und einem Beruf nachzugehen.
Für den Wirtschaftswissenschaftler Dan Ben-David von der Universität Tel-Aviv sind die derzeitigen Vorschläge dennoch zu zögerlich und nicht umfassend genug: «Wir brauchen Ärzte, Physiker und Ingenieure - das sind Berufe, für die es einer technischen, naturwissenschaftlichen und mathematischen Bildung auf höchstem Niveaubedarf. Wenn die Charedim dies nicht mitbringen, werden sie zum Großteil auf den sozialen Bereich ausweichen müssen. Ohne entsprechende Berufsfelder herabzusetzen, müssten sie dennoch auch die Möglichkeit erhalten, sich auch in gefragten High-Tech-Bereichen profilieren zu können», erläutert der Wirtschaftsexperte und fügt hinzu: «Es ist immer noch möglich, die Richtung zu ändern. Dazu muss die Regierung die Konsequenz der Trends verstehen und eine umfassende Reform einleiten, um sie ohne Verzögerung zu ändern.»
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