Die Lückenschließer

Limmud e.V. hat sein drittes Deutschland-Festival veranstaltet

 

Mitte Mai hatte es sich rund um den Werbellinsee so richtig schön eingeregnet. Toby Axelrod, Vorsitzende von Limmud Deutschland, fand das gar nicht schlimm: «So gehen die Teilnehmer viel eher in die Seminare - und nicht in die Natur», kommentiert sie das schlechte Wetter lachend. Die Schorfheide, weit nördlich von Berlin, hätte viel an Erholungsmöglichkeiten und Ablenkungen zu bieten. Doch dafür waren die knapp 400 Teilnehmer schließlich nicht in die Begegnungsstätte gereist, teilweise von weither: «Wir hatten Teilnehmer aus ganz Deutschland, aus der Schweiz, Österreich, Osteuropa, Israel, den USA, England und vielen anderen Ländern», erklärt Toby mit berechtigtem Stolz. «Viele haben ihre Kinder mitgebracht, gut die Hälfte war über 40 Jahre alt, etwa ein Drittel stammt wohl aus der ehemaligen Sowjetunion», berichtet sie. Seit 13 Jahren ist die amerikanische Journalistin in Deutschland, vertritt hier die Jewish Telegraphic Agency, übersetzt und schreibt für verschiedene jüdische Zeitungen in den USA. Mitte 2008 hat sie den Limmud-Vorsitz von deren Mitbegründerin, Sophie Mahlo, übernommen und leitet nun das Vorstandsteam, dem ungefähr 13 Ehrenamtliche angehören.

 

Das eine Drittel Russischstämmiger ist nicht zu übersehen. Überall auf dem Gelände der Begegnungsstätte am Werbellinsee, schon zum dritten Mal Festivalort, höre ich Russisch. Vor allem viele ältere Leute sind darunter. Besonders für sie, die in der alten Heimat häufig nicht die Möglichkeit hatten, jüdisch zu leben, sind die Erlebnisse und Begegnungen des Festivals besonders wichtig, werden zu Erkenntnissen und Erfahrungen, sogar zu Freundschaften.

 

Die besondere Programmatik der Limmud-Festivals liegt darin, eben keine Programmatik zu haben. Das Programm wird von den Teilnehmern selbst gestaltet und nicht vom Vorstand vorgegeben. Zwar habe man feste Themen, mit denen man sich bei jedem Festival beschäftige und sorge auch für Referenten und Workshopleiter, wenn eine solche Rubrik einmal nicht besetzt sei, dennoch könne jeder Teilnehmer selbst einen Workshop anbieten - und zugleich selbst entscheiden, was er lernen wolle. Dafür ist Toby den Teilnehmern besonders dankbar: Etwa ein Viertel aller Festivalteilnehmer hat selbst Gesprächsrunden angeboten. «Dabei gibt es so gut wie kein jüdisches Thema, das wir auslassen würden, wohl aber ziehen wir Grenzen: Radikale, unsachliche Israel-Kritiklehnen wir ab, ebenso wie jede Art von Missionieren.»

 

Jüdinnen und Juden aller religiösen Strömungen kommen bei Limmud zusammen und in einen Dialog. Sich trotz ihrer Differenzen mit Respekt begegnen - das ist den Festivalorganisatoren wichtig. «Wir sind nicht die Religionspolizei», so gibt es auch am Schabbat Veranstaltungen, zwar ohne Technik wie Beamer oder Mikrophonie, aber jeder Referent entscheidet selbst, ob er seine Zuhörer bittet, sogar auf das Mitschreiben zu verzichten. «Wir sind auch keine politischen Aktivisten, sondern bieten die Möglichkeit, einander in einem „sicheren Hafen" zu treffen», beschreibt Toby das Grundanliegen der Festivals, das von den englischen Limmud-Aktivisten übernommen wurde. Dort hat das seit fast 30 Jahren jährlich stattfindende Festival Kultstatus, inzwischen Tausende Teilnehmer, ist allerdings etwas «orthodoxer» ausgerichtet: Dort beginnen die eigentlichen Veranstaltungen tatsächlich erst nach dem Schabbat.

 

Kritisch und trotzdem treu

 

Auch ohne Vorgaben hätten sich Schwerpunkte in den diesjährigen Diskussionen herausgebildet, resümiert Toby. Der Umgang der deutschen Juden mit Israel sei ein solcher gewesen: wie könne man konstruktiv israelkritisch sein, ohne aber von der nichtjüdischen Öffentlichkeit und den Medien missbraucht zu werden. Auch die Verbesserung des Dialoges zwischen den religiösen Strömungen habe im Mittelpunkt gestanden. Die Probleme der Integration russischsprachiger Juden seien ebenso zentrale Themen gewesen, und das nicht zum ersten Mal. «Schon im letzten Jahr sprach ich mit einer so genannten „Alteingesessenen", die mir erzählt hat, dass sie bei uns zum ersten mit einer „Russin" so richtig ins Gespräch gekommen sei». Limmud habe schon jetzt viele Pole einander näher bringen und Missverständnisse durch Dialog ausräumen können. Manchmal lägen solche ganz lapidar nur in der Übersetzung.

 

Dennoch stellt Toby für sich und, wie sie betont, ohne Anspruch auf Verallgemeinerung, fest, dass «trotz bester Bemühungen um eine gute „Mischung" noch viele Teilnehmer in ihren Gruppen unter sich bleiben». Das sei für sie wie eine Schallmauer, die es bei künftigen Festivals zu durchbrechen gelte. «Und an unserem Frauenüberschuss müssen wir arbeiten», meint Toby mit den berühmten lachenden und weinenden Augen.

 

Obwohl die gesamte Organisation ehrenamtlich vonstatten gehe und alle Referenten und auftretenden Künstler ohne Honorar an den Werbellinsee kämen, braucht ein solcher Festivalbetrieb natürlich Geld. Toby zeigt mir die lange Liste der Förderer und hebt besonders den Zentralrat der Juden in Deutschland, den European Jewish Fund, den L.A. Pincus Fund for Jewish Education in the Diaspora, die UJA Federation aus ihrer Heimatstadt New York sowie das Bundesinnenministerium hervor. «Doch eigentlich ist das ungerecht und unvollständig», meint sie, «wir haben so viel mehr Sponsoren, die es alle wert wären, genannt zu werden», nicht zuletzt auch einige Jüdische Gemeinden. Die breite Förderbereitschaft beruhigt Toby sehr: «2009 hatten wir noch viel größere Geldsorgen, in diesem Jahr konnten wir schon auf einer wesentlich besseren Basis arbeiten und uns dafür intensiver mit der Philosophie von Limmud beschäftigen.» Die scheint sich indes rasant zu entwickeln, «unsere Art des innerjüdischen Dialogs ist ein schnell wachsendes Phänomen». Nicht nur das 4. Limmud-Festival von 2. Juni - 5. Juni 2011ist am Werbellinsee schon fest gebucht, sondern auch regionale Limmud-Tage stehen auf dem Programm, so am 29. Augustin Frankfurt am Main und am 7. November in Berlin. Kontakt und nähere Informationen dazu gibt es auf der Webseite www.limmud-tag.de.

 

Gerade ist Toby von einem Treffen mit der Buchhalterin gekommen, bei dem es um die Finanzen 2010 und 2011 ging. Denn nach dem Festival ist vor dem Festival. Ein bisschen abgespannt sah sie schon aus: «Ja, wir alle sind müde, aber noch viel mehr euphorisch», lacht Toby dennoch bei unserem Abschied.

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», Juni 2010