Von Abie the Agent bis Sabreman

Das Jüdische Museum Berlin zeigt noch bis August die jüdische Geschichte der Comics

 

Comics genießen in Deutschland nicht gerade den besten Ruf. Die einen betrachten Comics in erster Linie als Trivialliteratur für Kinder und Jugendliche à la Micky Maus und Superman, die anderen denken bei Comics zuerst an schlüpfrige, erotische Bildergeschichten für Erwachsene wie sie heute vor allem in Form von (japanischen) Mangas auf dem Markt zu finden sind. Dabei wird jedoch vergessen, dass Comics viel mehr sind. Noch immer wird in Deutschland - anders als beispielsweise in den USA - allzu oft übersehen, dass Comics eine eigenständige Kunstform darstellen. Und das, obwohl es auch hierzulande immer wieder Bemühungen gibt, gegen diese einseitige Betrachtung anzugehen. So wurde Anfang Mai zum ersten Mal in Deutschland der Gratis-Comic-Tag veranstaltet, eine gemeinsame Veranstaltung von mehreren Comic-Verlagen und Comicläden, die an diesem Tag kostenlos ausgewählte Comic-Hefte verteilten. Die Aktion war ein voller Erfolg, mehr als 150.000 Hefte wechselten den Besitzer. Dass sich die Haltung gegen über Comics tatsächlich allmählich verändert, zeigt nicht zuletzt die große Resonanz auf den im Zweijahresrhythmus stattfindenden Internationalen Comic-Salon Erlangen. Hauptattraktion dieser Veranstaltung ist die Comicmesse, auf der sich über 100 Aussteller der Öffentlichkeit vorstellen, darunter deutsche und internationale Verlage, Agenturen und Comic-Klassen der Hochschulen. Auch in den Feuilletons der Zeitungen finden Graphic Novels, zu deutsch: Comic-Romane, zunehmend Beachtung.

 

Von den Ursprüngen Ende des 19. Jahrhunderts bis zu den Graphic Novels der 1970er - Comic-Ausstellung. Foto: Jüdisches Museum Berlin

Eine neue Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, die über 400 Exponate, darunter viele Originalzeichnungen umfasst, geht nun der Frage nach, was die spezifisch jüdische Farbe des Comics ausmacht. Die Ausstellung im Jüdischen Museum stellt die Ursprünge des Comics am Ende des 19. Jahrhunderts dar, widmet sich der Zeit der Superhelden- und Untergrund-Comics und endet mit den Graphic Novels, die sich ab den 1970er Jahren bis heute zu einem literarisch anspruchsvollen Genre entwickelt haben.

 

Die Wurzeln des modernen Comics liegen im New York der 1890er Jahre, zu einer Zeit, als das Stadtbild stark von Immigranten geprägt war. Eine Vielzahl dieser Einwanderer waren Juden aus Osteuropa. Auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern kamen sie auch mit der kommerziellen Populärkultur und dem neu entstehenden Medium des Comics in Berührung, das sich sehr erfolgreich zu etablieren begann und daher einen großen Arbeitsmarkt nach sich zog. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass viele jüdische Künstler zu den Comic-Autoren der ersten Stunde zählen. Die ersten Comics erschienen in den Sonntagsbeilagen US-amerikanischer Zeitungen in Form von kurzen Bildergeschichten, deren Handlung sich in drei bis fünf Rahmen abspielte. Zu den bekanntesten Autoren dieser Zeit zählt der jüdische Zeichner Milt Gross. Er verfasste seine Comic-Strips in einer ganz besonderen sprachlichen Form. Seine Figuren sprachen «Yinglish». Dies war eine Form des Englischen, die unter einem starken Einfluss der jiddischen Aussprache stand. Milt Gross war es somit gelungen, die Lebensrealität jüdischer Einwanderer aus Osteuropa abzubilden, die in ihrer neuen Heimat nicht zuletzt mit sprachlichen Schwierigkeiten zu kämpfen...

 

Ein weiterer Vertreter dieser Zeit war Harry Hershfield, der 1914 die erste jüdische Serienfigur zum Leben erweckte, Abie the Agent, einen jüdischen Autoverkäufer. Abie the Agent stand beispielhaft für die Überzeugung, dass sich die deutschen Juden erfolgreich in der amerikanischen weißen Gesellschaft assimiliert hatten. In den Immigranten-Zeitungen wurden zudem auch Comics in jiddischer Sprache veröffentlicht. So zeichnete Samuel Zagat für die New Yorker jiddische Tageszeitung «Warheit» die Serie «Gimpl Beinisch» über den Alltag eines alternden jüdischen Heiratsvermittlers.

 

In den 1930er Jahren erblickten schließlich die ersten Superhelden das Licht der Comic-Welt und es entstanden verschiedene Comic-Heftserien. Die Erfinder von Superman, Batman, Captain America und The Spirit hatten erstaunlicherweise eines gemeinsam: Sie waren die Nachkommen jüdischer Einwanderer aus Osteuropa. Die von ihnen geschaffenen Figuren stellten zudem ein Abbild des vorbildlichen Amerikaners dar, der sich für das Gute in der Welt einsetzte und Nazis und Japanern den Kampf ansagte. Eine neue Riege von Superhelden trat Anfang der 1960er Jahre in Erscheinung. Sowohl die Fantastic Four als auch Hulk und X-Men legen erstmals die Vermutung nahe, es handelte sich dabei um jüdische Figuren. In den 1970ern wird sogar das in der jüdischen Tradition verhaftete Motiv des Golems, ein aus Lehm und Ton geschaffenes künstliches Wesen menschenähnlicher Gestalt, in den Superhelden-Comics aufgegriffen. So betrachtet der Zeichner Stan Lee seine Figur des Hulk als eine Art Golem, der einerseits als Beschützer, andererseits als Gefahr auftritt.

 

In den 1950er Jahren überflutet eine Welle von Schock- und Horrorcomics den Markt, in denen Vampire, Aliens, Zombies und Werwölfe ihr Unwesen treiben. Für die Verbreitung dieser Grusel-Comics ist vor allem der EC-Verlag (Entertaining Comics) unter der Leitung von William Gaines verantwortlich. Diese Entwicklung rief Eltern, Lehrer und Kirchen auf den Plan, die die Abschaffung solcher brutaler Comics forderten, weil diese angeblich zur Verrohung der Gesellschaft beitrügen. Auf Beschluss des US-Senats wurde daraufhin 1954 der sogenannte «Comic Code» eingeführt, der bis heute in leicht abgeänderter Form besteht. Dabei handelt es sich um ein Gesetz, das die Comic-Produzenten zur freiwilligen Selbstkontrolle auffordert und verhindern soll, dass übermäßig blutige Szenen, obszöne Anspielungen, nackte Körper und ähnliches in den Comic-Heften auftauchen.

 

Die Graphic Novel "Maus" von Art Spiegelmann, Comicstrip aus der Gründungsgeneration von Milt Gross, der israelische Superheld "Sabraman" von Uri Fink.

Der «Comic Code» konnte jedoch nicht verhindern, dass sich vor dem Hintergrund der Hippie-Bewegung in den 1960er und 1970er Jahren die Bewegung der Untergrund-Comics herauszubilden begann. Um sich von den kommerziellen Comics abzugrenzen, nannten die Untergrund-Künstler ihre Werke «Comix». In diesen zum Teil sehr amateurhaft gezeichneten Bildergeschichten wurden unter anderem Themen wie sexuelle Ausschweifungen und Drogenträume aufgegriffen. Ein Wandel in der bis dahin von Männern dominierten Comic-Szene setzte ein, als die ersten jüdischen Frauen zum Zeichenstift greifen. Es entstanden autobiographische Geschichten, in denen Künstlerinnen wie Trina Robbins, Diane Noomin und Aline Kaminsky-Comb, die dem 1972 gegründeten «Wimmen's Comix Collective» angehörten, nicht nur mit weiblichen Stereotypen spielten, sondern auch über Abtreibung, lesbische Beziehungen und Missbrauch schrieben und damit Tabus brachen.

 

Aus der Untergrund-Szene stammt auch ein weiterer Künstler, dem es mit einem außergewöhnlichen Werk gelang, die Graphic Novel stärker ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu rücken. Es war zwar Will Eisner, der 1978 mit der Sammlung von Immigrantengeschichten unter dem Titel «Ein Vertrag mit Gott» den ersten Comic-Roman schuf und den Begriff Graphic Novel prägte, aber Art Spiegelman setzte mit seinem Werk «Maus - Geschichte eines Überlebenden» ganz neue Maßstäbe. Art Spiegelman, Sohn polnischer Holocaust-Überlebender, erzählt in seinem 1986 veröffentlichten Werk die schockierende Geschichte seines Vaters, der Auschwitz überlebt hatte, und verarbeitet darin zugleich seine eigenen Erfahrungen als Nachkomme eines Holocaust-Überlebenden. Spiegelman bedient sich in seiner Graphic Novel der Tiermetapher. Juden werden als Mäuse dargestellt, Nazis als Katzen, Polen als Schweine. Nur so gelingt es ihm, den Abstand zu den ihm berichteten Grausamkeiten zu wahren.

 

1992 wurde Art Spiegelman für sein Werk «Maus» mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, damit war zugleich ein wichtiger Grundstein für die weitere Entwicklung des Comics gelegt. Denn heute sind jüdische Themen aus der Comic-Literatur gar nicht mehr wegzudenken. Gerade in den USA gibt es zahlreiche Comic-Autoren, beispielsweise Ben Katchor oder James Sturm, deren Graphic Novels sich explizit auf die jüdische-amerikanische Perspektive beziehen und darüber reflektieren.

 

In Europa kann man noch nicht von einem vergleichbaren Genre des «jüdischen Comics» sprechen, aber auch hier lassen Autoren wie Joan Sfar und weitere auf bessere Zeiten hoffen. Und wie ist es in Israel um den Comic bestellt? Dort verhält es sich ähnlich wie in Deutschland. Die Mehrheit der Israelis ist der Ansicht, dass Comics nur für Kinder bestimmt sind. Dieses hartnäckige Vorurteil bekam schon Uri Fink zu spüren, als er 1978 die jüdische Version des Superhelden vorstellte, Sabraman. Die erhoffte Leserschaft blieb aus und die Comic-Hefte wurden bald wieder vom Markt genommen. Seit der Gründung von «Actus Tragicus» im Jahr 1995, eines von Kunsthochschulabsolventen initiierten Comic-Kollektivs, scheint sich immerhin eine alternative Comic-Bewegung in Israel herauszubilden. Zu den Actus-Künstlern gehören unter anderem Rutu Modan, Batia Kolton, Itzik Rennert und Mira Friedmann, die im Selbstverlag ihre Graphic Novels veröffentlichen, die sich um ihren persönlichen Alltag in Israel und die politischen Konflikte drehen.

 

Obwohl das Ausstellungskonzept im Jüdischen Museum Berlin im Großen und Ganzen überzeugt, wäre zusätzliches Informations- und Anschauungsmaterial zu den Entwicklungen der Comic-Szene in Israel wünschenswert gewesen. Dieser Teil der Ausstellung fällt leider recht kurz aus und erscheint vergleichsweise oberflächlich angesichts der sehr ausführlich behandelten jüdisch-amerikanischen Comic-Geschichte. Nichtsdestotrotz lohnt sich der Besuch der Ausstellung in jedem Fall, erst recht für Erwachsene, die sich selbst davon überzeugen wollen, dass Comicsweit mehr sind als bloßer Kinderkram.

 

«Helden, Freaks und Superrabbis. Die jüdische Farbe des Comics».Vom 30. April bis 8. August 2010im Jüdischen Museum Berlin. 


Stefanie Neumeister

«Jüdische Zeitung», Juni 2010