Verschiedene Realitäten

Zwei wenig bekannte Schoa-Filme Claude Lanzmanns sind jetzt auf DVD erhältlich

 

Es ist noch gar nicht so lange her, da löste die geplante Wiederaufführung eines Filmes von Claude Lanzmann in einem kleinen Hamburger Kino eine heftige Kontroverse aus. Nach massiven Störversuchen einer Gruppe von Linksradikalen musste die Aufführung von «Pourquoi Israel» (Warum Israel) aus dem Jahr 1973, in dem der französisch-jüdische Regisseur der Frage nachgeht, welche Gründe es für die Existenz Israels gibt, schließlich abgesagt werden. Claude Lanzmann ist bekannt für seine Dokumentarfilme, die beim Betrachter eine Vielzahl von Emotionen auslösen. Auch die beiden soeben von «absolut MEDIEN» auf einer DVD veröffentlichten Filme verlangen dem Zuschauer eine Positionierung ab. Sowohl «Sobibor» als auch «Ein Lebender geht vorbei» sind Begleitprodukte, die im Zuge der Produktion des als Jahrhundertepos gepriesenen Filmes «Schoah» entstanden sind, für den Lanzmann ab 1970 mehr als 350 Stunden Material aufgenommen hatte.

 

«Sobibor» basiert auf einem Gespräch zwischen Claude Lanzmann und Yehuda Lerner, einem ehemaligen Gefangenen im Vernichtungslager Sobibor. Lerner war am Aufstand beteiligt, bei dem mehrere deutsche Offiziere getötet wurden. Nach dem Lager-Aufstand gelang ihm und einigen anderen die Flucht. Das Lager wurde aufgelöst. Behutsam nähert sich Lanzmann seinem Interviewpartner, lässt ihm genug Raum, um seine Geschichte zu erzählen. Dabei bleibt die Kamera meist auf das Gesicht von Yehuda Lerner gerichtet, der in ruhigem Ton davon berichtet, wie es dazu kam, dass er am 14. Oktober 1943 einen deutschen Offizier mit einer Axt totschlug. Auf die Frage, ob er denn Angst hatte vor dem Töten, reagiert Lerner jedoch aufgebracht und mit Unverständnis. «Die Realität hat uns doch dazu gezwungen. Lieber sterbe ich als Mensch, als im Krematorium».

 

Im zweiten Dokumentarfilm der jetzt erschienen DVD «Ein Lebender geht vorbei» begegnet Claude Lanzmann dem Schweizer Maurice Rossel. Dieser besichtigte in seiner Funktion als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz am 23. Juni 1944 das deutsche «Vorzeige-Ghetto»Theresienstadt. Lanzmann konfrontiert seinen Interviewpartner Rossel, der einen sehr selbstsicheren und fast schon arroganten Eindruck macht, mit Zitaten aus dem Abschlussbericht, den dieser nach der Besichtigung des Ghettos verfasst hatte. Dabei stellt Lanzmann den Schweizer den Zitaten historische Tatsachen gegenüber, die eine ganz andere, brutale Wirklichkeit widerspiegeln. Es wird deutlich, dass Maurice Rossel dem ganzen Schwindel, den die Nazis für den Besuch der Delegation inszeniert hatten, aufgesessen war. Rossel gelang es nicht - obwohl das sein zuvor gestecktes Ziel war - hinter die oberflächliche Fassade in Theresienstadt zu schauen. Sogar im Gespräch mit Lanzmann beharrt er darauf, dass er nach wie vor kein Wort des Berichtes zurücknehmen würde. Noch immer sei er erstaunt über das Theater, das die «Israeliten» ihm an diesem Tag in Theresienstadt vorgespielt hätten, er sei fassungslos gewesen über ihre Passivität. Der Zuschauer kann angesichts von so viel Unverständnis und so wenig Einfühlungsvermögen seinerseits nur fassungslos den Kopf schütteln. Konnte Maurice Rossel die Angst der Menschen wirklich nicht spüren, nicht in ihren Augen sehen?

 

Fazit: Die DVD «Sobibor, 14. Oktober 1943 / Ein Lebender geht vorbei» zeigt zwei überaus spannende Filme, jedoch mit einem kleinen Wermutstropfen. Die Bild- und Tonqualität von «Ein Lebender geht vorbei» lässt doch ein wenig zu wünschen übrig.

 

Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr / Ein Lebender geht vorbei. Regie: Claude Lanzmann. 95 Minuten (Sobibor), 65 Min. (Ein Lebender geht vorbei). Hebräisch / Französisch mit deutschen Untertiteln, absolut MEDIEN, 19,90 Euro.

 

Stefanie Neumeister

«Jüdische Zeitung», Juni 2010