Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() LagerdenkenNeil Caplan beschreibt die Argumente im "Krieg der israelischen Historiker"
Man mag sich vielleicht fragen, warum es noch eines weiteren Buches zu «The Israel-Palestine Conflict», wie Neil Caplans Buch betitelt ist, bedarf. In der erbitterten Auseinandersetzung zwischen den Neuen Historikern und den etablierten zionistischen Geschichtsschreibern wurde die Zahl der Veröffentlichungen seit den 1980er Jahren quasi unüberschaubar. Die Ersteren erklären zusammen mit einigen palästinensischen Historikern, dass die zionistischen Historiker Israels Geschichte apologetisch und glorifizierend darstellen, während die letzteren den Neuen Historikern vorwerfen, keine neuen Erkenntnisse beizusteuern, sondern nur eine pro-palästinensische Brille aufgesetzt zu haben. Immerhin stimmen beide Seiten darin überein, dass die jeweils andere Mängel in ihren akademischen Standards aufweist.
Caplan, Historiker am Vanier College im kanadischen Montreal, möchte in seinem Buch durch eine Analyse der Sekundärliteratur etwas Licht in die anhaltende Diskussion bringen. Dieser Versuch ist mehr als willkommen, da die Anzahl der Bücher zum Konflikt faktisch nicht mehr zu überblicken ist. «The Israeli-Palestine Conflict: Contested Histories» ist in drei Teile gegliedert. Der erste und dritte bilden den Rahmen und notwendigen Kommentar zum Konflikt und dessen Geschichtsschreibung. Der zweite Teil hingegen gibt die Konfliktgeschichte mit einem Schwerpunkt auf den umstrittenen Themenbereichen wider.
Bezeichnend für den Konflikt, so der Autor, ist die Wahrnehmung, im Recht zu sein. Beide Seiten bestehen auf dem rechtmäßigen Anspruch auf das Land und beide Seiten fühlen sich in verschiedener Hinsicht in ihren Rechten beschnitten. Rechte sind immer absolut und nicht verhandelbar. Sie gegeneinander auszuspielen, führt in eine Sackgasse. Die Historiographie tendiert dazu, dieses Muster zu übernehmen. Historiker, so Caplan, verbinden oft konkrete historische Ereignisse mit abstrakten Rechten, um sie so zu legitimieren. Man denke zum Beispiel an das Argument der «ejn brera» (Keine Wahl) bestimmter Historiker in Israel, das immer den Kontrast zwischen Existenz und Zerstörung Israels herstellt und somit eine sehr weite Rechtfertigungsspanne schafft.
Mit diesen Überlegungen zum Konflikt im Hinterkopf wendet sich Caplan zum zweiten Teil des Buches, in dem er die Geschichte des Nahostkonflikts seit der zionistischen Einwanderung Ende des 19. Jahrhunderts schildert. Alle Kapitel folgen dem gleichen Schema: Zuerst beschreibt der Autor kurz die konkreten historischen Vorfälle. Danach schildert er, warum die Interpretation bestimmter Ereignisse umstritten ist und welche Argumente vorgebracht werden. Caplan formuliert entlang der sich entfaltenden Konfliktgeschichte elf Kernargumente, für die das oben erwähnte gilt: Diesen Argumenten liegen konkrete historische Vorfälle zu Grunde, die allerdings oft mit abstrakten Ansprüchen verknüpft sind. Die vielleicht wichtigsten dieser «core arguments» vermitteln bereits einen Eindruck von Caplans Analyse:
Wer war zuerst im Land? Wessen Land ist es? Ist der Zionismus eine nationale Befreiungsbewegung oder expansiver Kolonialismus? Ist arabische/israelische/palästinensische Gewalt gerechtfertigt oder muss sie verurteilt werden? Wie wurden die Palästinenser zu Flüchtlingen? Sind die 1967 eroberten Gebiete als besetzt zu betrachten oder hat Israel das Recht, dort zu siedeln? Versucht die PLO/Hamas Israel auszulöschen und durch einen arabischen Staat zu ersetzen? Und so fort.
Die Schwierigkeit der Geschichtsschreibung ist es also, so Caplan, den historischen Geschehnissen gerecht zu werden. Allerdings ist er sich der Tatsache bewusst, dass es «keine Objektivität in menschlichen Angelegenheiten geben kann» (S. 225). Deswegen erläutert Caplan verschiedene Sichtweisen auf historische Ereignisse und erklärt mit breiter Literaturkenntnis und viel Fingerspitzengefühl, welche Argumente für welche Seite sprechen und warum andere zurückzuweisen sind. Er lässt Spielraum für Interpretation, aber er erklärt auch, warum monolithische Argumentationen in der Regel zu einfach sind.
Mit «The Israel-Palestine Conflict» hat Neil Caplan ein Buch geschrieben, das beide Seiten im «Krieg der israelischen Historiker», wie es der kritische israelische Historiker Avi Shlaim von der Universität Oxford formuliert hat, ernst nimmt. Er bietet damit einen besonnenen Kommentar zum Konflikt, wie auch zu dessen Geschichtsschreibung. Das Buch empfiehlt sich nicht nur als gehobene Einstiegslektüre, sondern auch als autoritatives Überblickswerk zu Literatur und Streitpunkten des Konflikts. Als kleinen Kritikpunkt kann man anfügen, dass die Passagen zum Friedensprozess der letzten beiden Jahrzehnte leider etwas zu kurz ausgefallen sind. Dennoch: Dem Buch gebührt eine nachdrückliche Kaufempfehlung.
Peter Lintl |