Ein Stück westdeutscher Zeitgeschichte

Eine Studie beleuchtet die Debatte um Rainer Werner Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod"

 

Am 31. Oktober 1985 besetzten rund 25 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde die Bühne des Frankfurter Schauspielhauses. Sie entrollten ein Transparent mit der Aufschrift «Subventionierter Antisemitismus». Was war geschehen? Was war der Anlass für den größten Eklat der bundesrepublikanischen Theatergeschichte? Diesen Fragen widmet sich die Studie zu Rainer Werner Fassbinders Stück «Der Müll, die Stadt und der Tod» von Wanja Hargens.

 

Während im ersten Teil der Inhalt des Stücks und seine Einbettung in den literarischen Diskurs im Mittelpunkt stehen, wird im folgenden Abschnitt die Entstehungsgeschichte rekonstruiert und abschließend die bis heute andauernde Wirkungsgeschichte dargelegt. Wie der Autor im Vorwort erläutert, ging es in den Kontroversen um das Stück meist um weit mehr als das Stück selbst, nämlich um die Frage, ob es linken Antisemitismus gibt, um bundesrepublikanische Tabus hinsichtlich der Juden und Israels und um die Selbstverortung deutscher Juden im postnazistischen Deutschland. Das Stück sei somit, so Hargens, ein Bestandteil westdeutscher Zeitgeschichte.

 

Wanja Hargens: "Der Müll, die Stadt und der Tod. Rainer Werner Fassbinder und ein Stück deutscher Zeitgeschichte", Metropol Verlag 2010, 277 Seiten.
Zunächst wird der Inhalt kurz rekapituliert. Es geht um das System Stadt als Auswuchs des modernen Kapitalismus, der zu Entfremdung führt und kaputte Subjekte mit Deformationen produziert. Das «provokative Potential» sieht Hargens darin, dass von dem bekennenden Alt-Nazi Müller antisemitische Hasstiraden geäußert werden, die unwidersprochen im Raum stehen bleiben. Des Weiteren werde von Hans von Gluck ein spezifisch sekundärer Antisemitismus vertreten, also ein Judenhass nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Fassbinder sei aber der Vorwurf des Antisemitismus nicht primär deswegen gemacht worden, sondern weil eine Figur schlicht «Der Reiche Jude» heißt. Das Neue daran sei jedoch nur vor dem Hintergrund der literarischen Darstellung von Juden nach 1945 zu erfassen. Diesen kennzeichnet der Autor weitgehend als «literarischer Philosemitismus», wozu für Hargens etwa die Beschäftigung mit Lessings «Nathan der Weise» oder mit dem Tagebuch von Anne Frank zählt. Mit diesem gesellschaftlich hegemonialen und verlogenen Philosemitismus kontrastiert Hargens die Haltung der Linken zu Israel, die sich seit dem Sechstagekrieg 1967 durch eine antiimperialistische Feindschaft ausgezeichnet und immer wieder antisemitische Züge angenommen habe. Der Linke Fassbinder habe vor diesem Hintergrund mit antijüdischen Ressentiments kokettiert. Dennoch bleibe, so resümiert Hargens, Fassbinders Beschreibung des «reichen Juden» ambivalent, weil er die einzig selbstlose Tat des Stückes begehe und deshalb unter allen Negativgestalten immer noch die positivste sei.

 

Der nächste Abschnitt widmet sich der Entstehungsgeschichte, wobei zunächst die internen Auseinandersetzungen im Theater im Turm dargelegt werden. Hierzu verortet Hargens die Kontroversen um das Stück im Frankfurt der 70er und 80er Jahre. Im Stadtteil Westend wurden damals groß angelegte Umstrukturierungen geplant und da zuviel mit Immobilien spekuliert. Dagegen formierte sich Widerstand, im Zuge des Häuserkampfs kam es zu zahlreichen Hausbesetzungen durch linke Studenten. Die bekanntesten Protagonisten waren Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer. Einer der Immobilienbesitzer war Ignatz Bubis, der spätere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. Bubis sei, so Hargens, zur Zielscheibe einer personalisierenden Kritik am Kapitalismus geworden, die nicht selten offen antisemitische Züge angenommen habe. Der Zusammenhang zu Gerhard Zwerenz' «Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond» wird von Hargens dabei ebenso diskutiert wie die ersten Proben, deren Abbruch und schließlich die Verfilmung mit dem Titel «Schatten der Engel», die am 31. Januar 1976 uraufgeführt wurde.

 

Obwohl noch auf keiner Bühne zu sehen, war die Veröffentlichung des Stücks im Suhrkamp Verlag 1976 der Anlass für die Debatte, die im dritten Teil dargelegt wird. Ausgelöst wurde sie durch einen Artikel von Joachim Fest in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Fest hatte darin Fassbinder «Linksfaschismus» vorgeworfen.

 

1985, drei Jahre nach Fassbinders Tod, kam es zu einem erneuten Versuch, das Stück in Frankfurt aufzuführen. Dies führte zur eingangs erwähnten Bühnenbesetzung durch die jüdische Gemeinde. Hargens bilanziert die historische Dimension des Protests: «Eine jüdische Gemeinde hatte sich mit zivilem Ungehorsam zur Wehr gesetzt. Juden hatten erstmals seit den 1950er Jahren in der Bundesrepublik mit großem Selbstbewusstsein und auf große Wirkung abzielend den Weg in die Öffentlichkeit gesucht.» Als Konsequenz daraus wurde eine Diskussion zwischen Daniel Cohn-Bendit und Ignatz Bubis über das Stück und den Vorwurf des Antisemitismus veranstaltet. Das Streitgespräch entwickelte sich zur Grundsatzdebatte über jüdische Identität im Nachkriegsdeutschland. Überzeugend legt der Autor nun dar, dass diese Debatten nur im Zusammenhang mit dem «Normalisierungsdiskurs» hinsichtlich des Nationalsozialismus zu interpretieren sind. Helmut Kohls Ausspruch von der «Gnade der späten Geburt» und sein Besuch auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, auf dem auch SS-Mitglieder begraben sind, stellen für Hargens hier die maßgeblichen Zäsuren dar.

 

Die Kontroverse um Fassbinder setzt sich unterdessen bis heute fort. Wie Hargens beschreibt, hatte erst im Sommer 2009 die NPD in einer Landtagsdebatte in Mecklenburg-Vorpommern gefordert, das Stück in den Lehrplan aufzunehmen.Im Oktober des gleichen Jahres wurde es zum ersten Mal in Deutschland auf einer Bühne gezeigt, im Theater an der Ruhr in Duisburg/Mühlheim.

 

Anschließend an die grundlegenden Studien von Janusz Bodek gelingt Wanja Hargens eine Verknüpfung von literaturwissenschaftlicher Analyse mit einer zeithistorischen Einbettung des Stücks und der Kontroversen. Sein Buch ist demnach mehr als eine Studie über ein Theaterstück. Dieses dient als Folie um wichtige Aspekte der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte zu erhellen. Da außerdem die Kontroversen um Antisemitismus, das Verhältnis zu Israel und die heutige Rolle der Juden in Deutschland immer wieder aufflammen, ist das Buch von großer Aktualität.

Sebastian Voigt

«Jüdische Zeitung», Juni 2010