Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wohin treibt die Erinnerung?Eine Spurensuche über Erinnerungskultur in Deutschland
Die Erinnerung an Krieg, Vertreibung, vor allem aber an die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden bestimmt heute das offizielle und öffentliche Gedächtnis der Bundesrepublik. Nach dem Konzept des kulturellen Gedächtnisses der Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann befinden wir uns seit einigen Jahren am Übergang vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis bezüglich der Erinnerung an den Nationalsozialismus. Was vorher diffus und innerhalb der Alltagskommunikation von Individuen erinnert wurde, werde nun in ein kulturelles Gedächtnis überführt. Neben dem Selektierungsprozess finde dabei ein Identitätsprozess statt - bestimmte, ausgewählte Ereignisse der Vergangenheit stehen stellvertretend für eine Gemeinschaftserinnerung aus der sich eine kollektive Erinnerung formiert, die identitätsstiftend ist. Welche Erinnerungen gelangen in das offizielle Gedächtnis? Welche Erinnerungen von welchen Gruppen werden als «wert» befunden, zu überdauern?
Bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann ein «Erinnerungskampf» zwischen verschiedenen Gruppen. Der in den 1990er Jahren eingeführte Begriff der «Konkurrenz der Opfer» ist somit kein neues, alleingegenwärtiges Phänomen. Mit der Gründung der VVN - der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - sollte 1946 eine überparteiliche und überkonfessionelle Organisation geschaffen werden, die alle Opfer des Nationalsozialismus vereinigen wollte auf Grundlage eines antifaschistischen Konsens'.
In der DDR wurde die VVN 1953 wegen ihrer «politischen Unklarheit» aufgelöst, in der Bundesrepublik einzelne Landesvereinigungen 1951 wegen ihrer kommunistischen Ausrichtung verboten. Diese Verbote erfolgten im Sinne einer offiziellen Regulierung von Erinnerung. In beiden Staaten blieben einzelne Opfergruppen mit ihren Erinnerungen marginalisiert. Die zurückgekehrten jüdischen Emigranten und jüdischen Überlebende der Vernichtungslager waren in keinem der beiden deutschen Staaten eine unterstützte, offiziell geförderte Erinnerungsgemeinschaft.
Dominant waren in der DDR die Erinnerungen kommunistischer Widerstandskämpfer aus dem Moskauer Exil und ehemaliger politischer Häftlinge aus den Konzentrationslagern, in der Bundesrepublik die Erinnerungen ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht, einzelner Widerstandskämpfer, von Vertriebenen und von Vertretern der Inneren Emigration. Die Debatten der 1950er und 1960er Jahre in der Bundesrepublik um die Errichtung von Gedenksteinen und Mahnmalen, die Einführung von Gedenktagen und von Wiedergutmachungsleistungen verdeutlichen, wie schwer es von Anfang an war, eine Balance innerhalb des deutschen Erinnerungsprozesses herzustellen.
Einmischungen seitens randständiger Erinnerungsgruppen gab es allerdings immer. Sichtbar wurden diese anhand literarischer Veröffentlichungen, der Beteiligung an gesellschaftlichen Debatten um Erinnerung und Vergessen in den Feuilletons und, besonders in den 1950er und 1960er Jahren, am Beispiel von Rundfunkveröffentlichungen. Damit nahmen nicht nur ehemalige jüdische Verfolgte an dem Erinnerungsdiskurs teil, sie artikulierten ihre spezifische Position als Juden und Deutsche. Auch in der DDR bestand diese Teilhabe. Essays wie «Betonformen» von Günter Kunert (1966), Romane wie Jurek Beckers «Jakob der Lügner» (1968) oder Erzählungen wie «Der siebente Brunnen» von Fred Wander (1971) sind Beispiele einer erinnerungskritischen, sich dem offiziellen Gedächtnis entgegenstellenden Auseinandersetzung mit Faschismus und jüdischer Verfolgung.
Heute scheint sich die Erinnerungskonkurrenz allein auf die NS- und DDR-Erinnerung zu übertragen. Die verallgemeinernde Rede über das Verschwinden der letzten Zeitzeugen, die ihre Erfahrungen während des Nationalsozialismus als jüdische, rassistische und politische Verfolgte bezeugen, verdeckt, dass es auch weiterhin innerhalb dieses Erinnerungsfeldes Konkurrenzen gibt. Die Rede von Jorge Semprún anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald ist der beeindruckende Versuch, verschiedene Erinnerungen gleichberechtigt nebeneinander hörbar werden zu lassen. Semprún führt damit eine Tradition fort, die er bereits in seiner Erzählung «Die große Reise» von 1966 begann: Der jüdischen Erinnerung einen eigenen Gedächtnisraum innerhalb des antifaschistischen Erinnerungsortes Buchenwald zu geben und auf ihre Bedeutung für ein europäisches Gedächtnis zu verweisen.
Daneben aber betont er auch heute - und dies sollte wegweisend sein für eine sich als demokratisch verstehende deutsche Erinnerungskultur - seine Erinnerung an die Befreiung des Lagers, die er als antifaschistische artikuliert und die stellvertretend für die Erinnerung der politischen Häftlinge steht: «Der Deportierte 44904, auf seiner Brust das rote Dreieck, und auf schwarzem Grund war der Buchstabe ‚S', für Spanier, aufgedruckt. Dieser Spanier war ich, inmitten der jubilierenden Träger von Bazookas oder Panzerfäusten.» Während die Erinnerung an die Schoa heute eine wichtige Konstante im offiziellen Gedächtnis Deutschlands bildet, rückt die Erinnerung der ehemaligen politischen Häftlinge in den Hintergrund.
Daher war es ein symbolträchtiger Moment, als zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück vom Landesjugendsinfonieorchester Brandenburg das 1933 entstandene Lied «Die Moorsoldaten» gespielt wurde. Das Lied gilt als Hymne der ehemaligen Häftlinge der Konzentrationslager und die berührenden Bilder von Überlebenden beim Hören dieses Liedes stehen abseits jeglicher politischen oder ideologischen Diktion. Sie lassen für einen Moment erahnen, von welchen tiefen und schmerzlichen Erinnerungen die Überlebenden erfüllt sind.
Neben den vielfältigen und vielschichtigen Reden über und Erinnerungen an die nationalsozialistische Verfolgung und den damit verbundenen Erinnerungsprozess steht seit 1989/90 die Erinnerung an die zweite deutsche Vergangenheit. Eine Konkurrenz der Opfer der NS- und DDR-Diktatur spiegelt sich nicht nur an den ehemaligen Orten der Verfolgung wider, wie zum Beispiel den ehemaligen Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsenhausen, die von 1945 bis 1950 ebenfalls sowjetische Speziallager waren. Auch innerhalb der geschichtswissenschaftlichen und erinnerungspolitischen Auseinandersetzung ist eine Konkurrenz zu spüren, die durch das überarbeitete und fortgeschriebene Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung 2008 verstärkt wurde. Sichtbar werden daran die politischen Interessen einer offiziellen deutschen Geschichtsschreibung, die sich davor in Acht nehmen muss, die Unterschiede zwischen beiden Diktaturen zu nivellieren.
Die derzeitige Anziehungskraft von DDR-Gedenkstätten liegt in dem Einsatz von Zeitzeugen. Die DDR-Gedenkstätten können somit das Element einsetzen, das den NS-Gedenkstätten immer mehr verloren geht. Die Besucher interessieren sich für die unmittelbar von Zeitzeugen erzählten Geschichten von Verfolgung und Haft, da sie meinen, darüber Authentizität zu erfahren. Dies beweisen die Besucherzahlen der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, die mit einem nicht unumstrittenen Konzept der Führung durch Zeitzeugen durch die ehemalige DDR-Haftanstalt arbeitet und im Jubiläumsjahr des 20. Jahrestages der «Wende» einen neuen Besucherrekord verzeichnete.
Zu beobachten ist dabei, dass die Erzählungen der SED-Opfer nicht selten Beschreibungen, Ausdrücke und Bilder aufnehmen, die von Opfern des Nationalsozialismus für die Formulierung ihrer Erfahrungen der Konzentrationslager verwendet wurden und werden. Dies offenbart die Schwierigkeiten vor die nicht allein die aktuelle geschichtswissenschaftliche Forschung gestellt ist. Die Hinterfragung der Narrative, die für die Vermittlung der historischen Ereignisse genutzt werden, muss die Anerkennung der jeweiligen, sehr unterschiedlichen Erfahrungen gewährleisten. Beiden Opfergruppen ist mit Respekt und Anerkennung zu begegnen, gleichzeitig müssen die Unterschiede zwischen den Systemen beachtet werden.
Die offizielle Geschichtspolitik bestimmt nicht allein, wohin die Erinnerung treibt. Daneben gibt es eine Vielzahl von öffentlichen und privaten Erinnerungen, die ebenfalls als Gruppenerinnerungen in Form von Erinnerungsdiskursen auf die Gedächtnisbildung einwirken. Vereine und Initiativen, aber auch Privatpersonen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, an die nationalsozialistischen und faschistischen Verbrechen zu erinnern, spielen eine wichtige Rolle innerhalb des Erinnerungsdiskurses, da sie Orte in den Blick nehmen, die (heute) weniger bekannt und prominent sind. Und manchmal sind es gerade solch kleine Erinnerungsorte, die einen Moment des Innehaltens und privaten Gedenkens im Alltag hervorrufen. Das «Siegelwand»-Mahnmal auf dem heutigen Steglitzer Marktplatz in unmittelbarer Nähe des S-Bahnhofs ist so ein Ort. Auf der Chromstahlwand sind die Namen, Geburtsdaten und Anschriften von deportierten Juden aus Berlin-Steglitz eingraviert. Durch die Spiegelung des Alltagslebens in der Chromstahlwand entsteht beim Lesen der Namen eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Zugleich offenbaren Orte wie diese, dass es nicht allein wenige Identitätsstiftende Erinnerungen geben kann, sondern dass die Erinnerungen an die NS-Vergangenheit vielmehr durch vielstimmige Reden bestimmt werden. |