Noas Alija-Tagebuch. Achter Teil

"Du bist nicht allein damit!"

 

«Ein angeborener Herzfehler, der nie entdeckt wurde hat dazu geführt, dass deine Aortenherzklappe stark verkalkt ist, so stark, dass eine mittelschwere bis schwere Stenose, eine Verengung vorliegt. Die Herzklappe muss in einer OP am offenen Herzen ausgetauscht werden.»

 

Die Diagnose zog mir den gerade so mühsam geknüpften Teppich unter den Füßen weg. Wie kann es sein, dass ich vor fünf Jahren noch ohne allzu große Probleme Marathon laufen konnte? Wie ist es möglich, dass der Herzfehler nie auffiel?

 

Regelmäßige Untersuchungen gehörten schon wegen meiner sportlichen Aktivitäten immer zu meinem Leben. So habe ich auch noch vor meiner Alija eine gründliche Untersuchung hinter mich gebracht, um mit ruhigem Gefühl in Israel einzuwandern.

 

Der Arzt der Personalabteilung im Hadassah-Hospital, der mich nach allen Blutuntersuchungen noch einmal sehen wollte, stellte durch einfaches Abhören mit dem Stethoskop ein Herzgeräusch fest. Um der Sache auf den Grund zu gehen, wurde ich zwar eingestellt, aber man besorgte mir einige Wochen später einen Termin beim Kardiologen, der dann mit Hilfe eines Echokardiogramms die Diagnose stellte. Musste ich erst nach Israel einwandern und im Krankenhaus anfangen, um das zu erfahren? Wie wäre mein Leben weiter gegangen, wenn ich in Deutschland geblieben wäre?

 

Dass ich von jemandem «dort oben» geführt wurde, war mir schon durch meinen Glauben klar, aber wurde ich vielleicht auch hierher geführt, damit man endlich feststellt, was mit mir los ist?

 

Noa ist Konvertitin.
Nun erschienen mir all meine Beschwerden der letzten Monate in einem anderen Licht. Die häufige Müdigkeit, die mich mehrmals am Tag überfiel, ein Gefühl von Schwäche, und der bedrohliche Gedanke, dass irgendetwas «nicht stimmt mit mir». Da all die Beschwerden nach kurzem Ausruhen wieder verschwanden, hätte es sicher noch eine ganze Weile gedauert, bis ich damit zum Arzt gegangen wäre.

 

«Du kommst um eine OP nicht herum. Es kann nicht von allein besser werden, nur schlechter. Zurzeit arbeitet dein Herz noch normal, deshalb sollten wir jetzt operieren.» Die Vorstellung, dass jemand mir meinen Brustkorb öffnet, ist bedrohlich, ebenso die Tatsache, dass mein Herz während der Operation eine Weile nicht schlagen darf und eine Maschine seine Funktion übernimmt.

 

Was hätte ich getan, wenn Geld keine Rolle spielen würde? Wäre ich dann nach Deutschland geflogen, um dort operiert zu werden? Die Antwort lautet ganz klar: Nein.

 

Ich bin hier zu Hause, hier ist alles entdeckt worden, hier bin ich krankenversichert und es gibt hervorragende Ärzte. Viele Zeichen habe ich während der letzten Wochen auf dem Weg erhalten. So habe ich auf einem Ausflug der Gemeinde in die Wüste einen Kardiologen des kennen gelernt, mit dem ich mich zusätzlich beraten konnte.

 

Mein Gespräch mit ihm führte dazu, dass ich mich dort operieren lassen werde. Auch wenn sich das Sprichwort «zwei Juden, drei Meinungen» in der letzten Zeit doch sehr bewahrheitet hat und mir jeder etwas anderes rät, verlasse ich mich jetzt auf mein Gefühl. Fachlich gesehen leisten beide Krankenhäuser - das Hadassah-Hospital, in dem ich arbeite, und das Shaarei-Zedek-Hospital - in ihren herzchirurgischen Abteilungen ausgezeichnete Arbeit.

 

Ich werde umgeben sein von jüdischen Ärzten und Schwestern, liege in einem religiös eingestellten Krankenhaus und kann mir seelischen Beistand von einem Krankenhausrabbiner holen. Was will ich mehr?

 

«Du bist nicht allein damit!» bekomme ich von lieben Freunden und Bekannten aus der Gemeinde zu hören. Auch von den Nachbarn wird schon konkrete Hilfe geplant. Einkaufen, waschen, Medizin besorgen, oder einfach nur einen Spaziergang machen... Die unglaubliche Bereitschaft rührt mich sehr. Eine nicht religiöse Frau aus der Nachbarschaft sagte: «Vergiss nicht, dass du uns die Möglichkeit nimmst, etwas für dich zu tun, was wir gern tun wollen, du nimmst deinem Gegenüber die Gelegenheit, helfen zu können, falls du zögerst, um Hilfe zu bitten oder Angst hast, zu fragen.»

 

Meine Kinder hätten wegen ihrer Arbeit Schwierigkeiten zu kommen und ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt will, dass sie kommen. Das erste Mal in Israel und dann gleich die Mutter im Krankenhaus besuchen, würde sie sicher unter Druck setzen. Ich möchte ihnen die Stadt und das Land zeigen, einfach ein paar schöne Dinge mit ihnen unternehmen. Daher freue ich mich, wenn sie mich eines Tages besuchen, wenn ich wieder auf den Beinen bin.

 

Hier kann das keiner so richtig nachvollziehen: Die Familie ist das Wichtigste in Israel, ob religiös oder nicht. Und dass ich ohne Familie in diese Operation gehe, ist für viele eine mittelschwere Katastrophe.

 

Für mich ist es der Glaube, der durch die Diagnose eher noch tiefer geworden ist, der mich in dieser Zeit führt und stärkt und mir hilft, nicht durchzudrehen.

 

Und auch materiell gibt es ein Auffangpolster, was mir ermöglicht, ein bis zwei Monate ohne Verdienst zu überleben. Eine unvorhergesehene Zahlung vom Finanzamt in Deutschland scheint wie «vom Himmel» geschickt worden zu sein, um mich ein wenig in Ruhe zu wiegen.

 

Nach bis zu zehn Tagen Krankenhausaufenthalt wird eine Phase der Rehabilitation folgen, die mich physisch - und auch psychisch - wieder aufbauen soll. In dieser Zeit wird mir die Natur, die hier so wohltuend ist, helfen, Heilung an Körper und Seele zu finden.

 

War die Diagnose nötig, um mir deutlich zu machen, dass das alte Deutschland-Renntempo endgültig der Vergangenheit angehören muss?

 

www.noa50.blogspot.com

von Noa

«Jüdische Zeitung», Juni 2010