Juni 2010
von Moritz Reininghaus
2. Juni 1903
Max Aub
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| Max Aub. Foto: Archiv |
Der in Paris geborene und aufgewachsene Max Aub gilt trotz seiner deutschen Abstammung und seines französischen Geburtsorts als spanischer Schriftsteller, da er ausschließlich Werke auf Spanisch verfasst hat. Ursprüngliche stammte die Familie väterlicherseits, aus der zahlreiche Rabbiner und Gelehrte hervorgegangen waren, aus der südlich von Würzburg gelegenen Kleinstadt Aub. Aubs Vater war allerdings Handelsvertreter, der sich zusammen mit seiner Frau Susana Mohrenwitz in Paris niedergelassen hatte. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde er zum «feindlichen Ausländer» erklärt, die Familie emigrierte ins spanische Valencia. Obwohl ihm nach dem Abitur ein Studium nahegelegt wurde, entschied sich Max Aub dazu, ebenfalls Handelsvertreter zu werden. Er begeisterte sich jedoch zunehmend für Literatur, las literarische Zeitschriften und schrieb erste eigene Texte. Auf seinen Geschäftsreisen suchte er immer wieder den Kontakt zu Künstlern und Schriftstellern, mit vielen war er befreundet. Luis Buñuel etwa brachte ihn dazu, experimentelle Theaterstücke zu verfassen. 1923 hielt sich Aub in Saragossa auf und wurde Zeuge des Putsches von Miguel Primo de Rivera. Diese Erlebnisse verarbeitete Aub in seinem Roman «Lacalle de Valverde». 1926 heiratete er Perpetua Barjau Martín. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor. 1929 trat Aub der Sozialistischen Partei Spaniens bei, 1933 bereiste er die Sowjetunion. Als sich Francisco Franco im Juli 1936 an die Macht putschte, schloss er sich dem Widerstand gegen das Regime an. In seiner Funktion als Kulturattaché in Paris gab Aub Pablo Picasso den Auftrag für das Bild «Guernica». Ab 1940 lebte Aub mit seiner Familie in Frankreich, wurde dann als Kommunist denunziert und mehrfach im Lager Le Vernet inhaftiert und 1941 nach Algerien deportiert und erneut inhaftiert. Ein Fluchtversuch scheiterte an der Grenze zu Marokko. Der Schriftsteller John Dos Passos verschaffte ihm ein Affidavit für die USA. Da er jedoch sein Schiff verpasste, musste Aub zunächst im Untergrund leben, konnte dann aber doch noch ausreisen. Im Oktober 1942 kam er in Mexiko-Stadt an, wo er Film und Theaterwissenschaft lehrte und als Drehbuchautor, Regisseur und Übersetzer arbeitete. Als 1951 sein Vater starb, untersagten die spanischen Behörden Aub die Einreise. Auch Frankreich hatte ihm die Einreise verweigert, was ihm auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Zusammentreffen mit den Eltern unmöglich gemacht hatte. Erst 1954 durfte Aub seine Mutter in Südfrankreich treffen. Aufsehen erregte Aub, als er 1962 in New York eine Rede bei einer Ausstellung des Malers Jusep Torres Campalans hielt. Der Maler war eine reine Erfindung Aubs. Auch dessen Bilder waren Aubs Werke. Erst 1969 erteilte ihm die spanische Regierung dann immerhin ein Touristenvisum für sein Heimatland. Nun gelang es ihm auch, Teile seiner einst stolzen Privatbibliothek wiederzuerlangen, die während des Kriegs beschlagnahmt worden war. Max Aub starb am 23. Juli 1972 in Mexiko-Stadt.
14. Juni 1923
Judith Kerr
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| Judith Kerr. Foto: Archiv |
In «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl» beschreibt Judith Kerr die Wochen nach der «Machtergreifung» Adolf Hitlers aus der Sicht eines Kindes: Die neunjährige Anna, die Heldin des 1971 auf Englisch erschienen Romans, ist Tochter eines berühmten Schriftstellers, der nach dem 30. Januar 1933 aufgrund seiner politischen Haltung aus Deutschland nach Prag fliehen muss. Nach der Wahl im März 1933 muss auch der Rest der Familie in die Schweiz ausreisen. Beim Packen für die Flucht, entscheidet sich Anna für einen Stoffhund und gegen ihr rosa Plüschkaninchen. So entsteht der Titel zu einem der bekanntesten Kinderbücher zum «Dritten Reich». Der Roman ist spürbar autobiographisch geprägt. Als Tochter des ebenso berühmten wie gefürchteten Theaterkritikers Alfred Kerr und dessen Frau Julia, geborene Weissmann, wurde Judith Kerr in Berlin geboren. Sie musste, ebenso wie Anna in dem Roman, 1933 als Kind aus Berlin fliehen. Alfred Kerr war tatsächlich zuvor nach Prag geflüchtet, weil er als überzeugter Gegner des Nationalsozialismus Repressionen fürchten musste. Hier konnte er jedoch keinen Verleger mehr für seine politischen Schriften finden und gelangte, schnell in finanzielle Notlage gekommen, über Wien, Paris und Zürich schließlich nach Großbritannien, wo die Familie fortan in einem kleinen Hotel in London wohnte. Judith besuchte nun die Central School of Arts and Crafts. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete sie beim Roten Kreuz zur Pflege verwundeter Soldaten. Nach dem Krieg war sie als Redakteurin und Lektorin für die BBC tätig. Hierbei lernte sie auch ihren späteren Ehemann, den erfolgreichen Drehbuchautor Nigel Kneale kennen, mit dem sie von 1954 bis zu seinem Tod im Jahr 2006 verheiratet war. Judith Kerr betätigte sich neben ihrem journalistischen Beruf als Malerin und Textdesignerin zahlreiche Kinderbücher. So veröffentlichte sie 1968 das Kinderbuch «The Tiger Who Came to Tea». Sie selbst hat zwei Kinder und einen Kater. Das «Mog» gerufene Tier sollte als Titelgeber für viele Kindergeschichten zu großer Bekanntheit kommen. 1971 veröffentlichte Judith Kerr dann «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl». Auch in ihren zwei folgenden Büchern «Warten bis der Frieden kommt» (1975) und «Eine Art Familientreffen» (1979) beschrieb Kerr die Flucht aus Deutschland und die ersten Jahre im Exil. Im letzten Teil der Trilogie erzählt die Autorin von ihren gemischten Gefühlen beim ersten Besuch als Erwachsene in der alten Heimat Berlin. Auch Kerrs im Jahr 2002 verstorbener Bruder Michael Robert Emanuel Kerr hat diese Erlebnisse in seinen Erinnerungen wiedergegeben. Er war zu einem der führenden Juristen Großbritanniens aufgestiegen und in den Adelsstand erhoben worden. Auch wenn Judith Kerr für ihre Bücher über Flucht und Emigration in Deutschland viel Beachtung und Anerkennung bekam, fanden hier ihre Bücher, die nicht die Zeit des Nationalsozialismus zum Gegenstand haben, nur wenig Beachtung. Heute lebt Judith Kerr in London und publiziert noch immer ausschließlich in englischer Sprache.
9. Juni 1917
Eric Hobsbawm
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| Eric Hobsbawm. Foto: Archiv |
Da sich ihre Heimatländer im Ersten Weltkrieg als Gegner gegenüberstanden, hatten seine Eltern, der britische Kolonialbeamte Percy Obstbaum und die Wiener Kaufmannstochter Nelly Grün, in Zürich geheiratet. Geboren wurde Eric John Ernest Hobsbawm allerdings im ägyptischen Alexandria. Der Schreibfehler eines Beamten soll angeblich dafür verantwortlich sein, dass der Name seiner Eltern bei ihm zu «Hobsbawm» wurde. Nach Kriegsende zog die junge Familie nach Wien. Hobsbawms politische Anschauung wurde jedoch in seiner Schulzeit in Berlin geprägt, wo er nach dem frühen Tod der Eltern zusammen mit seiner Schwester bei einem Onkel wohnte. Er wurde Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes, einer Unterorganisation der KPD. Verantwortlich für seine politische Ausbildung war ein gewisser Rudolf Leder, der später als Stephan Hermlin einer der bekanntesten Schriftsteller der DDR werden sollte. 1934 emigrierte Hobsbawm zusammen mit dem Onkel und der Schwester nach Großbritannien, wo er von 1936 bis 1939 am King's College in Cambridge studierte. Nach dem Militärdienst in der britischen Armee unterrichtete er am Birkbeck College der Universität London. Ab 1946 gehörte er der Communist Party Historians Group an, einer Gruppe marxistischer Historiker, die 1956 nach der Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn zerfiel. Hobsbawm war bis zu deren Auflösung im Jahr 1991 Mitglied der Kommunistischen Partei Großbritanniens und einer der wenigen renommierten Wissenschaftler, die ihre Sympathien für die Linke weder verleugneten noch revidierten. Seine politische Überzeugung war jedoch nie dogmatisch gefärbt, was dazuführte, dass Hobsbawm die Anerkennung im kommunistischen Lager zumeist verwehrt wurde und er dort meist als Revisionist galt. Von 1971 bis zur Emeritierung 1982 war er an der Universität London als Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte tätig. Zahlreiche Gastprofessuren führten ihn unter anderem nach Stanford, an das Institute of Technology in Massachusetts und an die Universidad Nacional Autonoma in Mexiko. Seit 1984 hatte er den Lehrstuhl für Politik und Gesellschaft an der New School for Social Research in New York inne. Das grundlegende Werk Erik Hobsbawms ist die Trilogie «Das lange 19. Jahrhundert», die eine umfassende Darstellung und Ausdeutung speziell der europäischen Geschichte liefert («Europäische Revolutionen. 1789-1848»; «Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848-1875»; «Das imperiale Zeitalter 1875-1914»). Hier gilt sein Interesse besonders der Arbeiterbewegung, dem Nationalismus und den radikalen sozialen Umwälzungen. Diesen Themen widmet sich auch sein bekanntestes, 1994 erschienenes Buch «Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts 1914-1991». Es gilt als Fähigkeit Hobsbawms, große geschichtliche Zusammenhänge trotz des umfangreichen Materials klar geordnet wiedergeben zu können. Großen Einfluss erreichte der von ihm geprägte Begriff der «erfundenen Tradition».
23. Juni 1888
Paul Hertz
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| Paul Hertz. Foto: Archiv |
Bereits in frühen Jahren schloss sich der in Worms geborene in Hamburg und Stettin aufgewachsene Sohn eines Kaufmanns der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung an; ab 1920 war Paul Hertz Abgeordneter der von der SPD losgelöste USPD im Reichstag. Zusammen mit dem rechten Flügel seiner Partei kehrte allerdings auch Hertz 1922 zur Mutterpartei zurück. Nun saß er für die SPD im Reichstag und wirkte als Finanz- und Wirtschaftsfachmann sowie als Fraktionssekretär der SPD-Reichstagsfraktion. Von 1919 bis 1925 war er zudem Stadtverordneter des Berliner Stadtteils Charlottenburg. Bereits in dieser Zeit sah sich Hertz massiven antisemitischen Hetzangriffen ausgesetzt. Ab 1928 vertrat er dann den Wahlkreis Merseburg im Reichstag. Anfang Mai 1933 wurde er zusammen mit Otto Wels, Erich Ollenhauer und anderen Mitgliedern des Parteivorstands mit der Errichtung einer Auslandsstelle beauftragt. Zu diesem Zeitpunkt stand Paul Hertz längst auf der Fahnungsliste der Nationalsozialisten. Zuerst in Saarbrücken, dann in Prag betätigte er sich als Mitglied des SPD-Exilvorstandes und arbeitete als Redakteur der «Zeitschrift für Sozialismus» und der Zeitung «Sozialistische Aktion». Im Sommer 1937 ging er nach Spanien, um Informationen über den Bürgerkrieg zu sammeln. Ab 1935 hatte er sich immer mehr den Positionen der Gruppe «Neu Beginnen» angenähert. Weil er sich für eine Zusammenarbeit mit dieser sowie für ein Zweckbündnis mit der KPD aussprach, kam es 1938 zum Bruch mit der Exil-SPD. Seitdem bekannte er sich auch öffentlich zu «Neu Beginnen». Ende 1939 konnte Paul Hertz zusammen mit seiner Frau Hanna und den beiden Kindern in die USA emigrieren. Er schloss sich den «American Friends of German Freedom» an, einer Gruppierung linker Sozialdemokraten, Sozialisten und Christen beider Konfessionen. Die offizielle Exil-SPD in den USA boykottierte die Organisation allerdings, da auch Kommunisten beteiligt waren. Seinen Lebensunterhalt bestritt Hertz, der inzwischen US-Staatsbürger geworden war, als freier Wirtschaftsprüfer. Auf Drängen seines alten Weggefährten Ernst Reuter, der Regierender Bürgermeister von West-Berlin geworden war, kehrte Hertz Ende 1949 nach Deutschland zurück. 1950 wurde er Leiter des Hauptamtes Banken und Versicherungen des Berliner Senats sowie Beauftragter für Finanz- und Wirtschaftsfragen, von 1951 bis 1953 war er als Senator für Marshall-Plan und Kreditwesen und von 1953 bis 1955 als Bevollmächtigter für das Kreditwesen verantwortlich für das Berliner Notstandsprogramm. Von 1955 bis zu seinem Tod war er dann Senator für Wirtschaft und Finanzen. Am 23. Oktober 1961 starb Paul Hertz in Berlin.
15. Juni 1924
Ezer Weizman
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| Ezer Weizman. Foto: Reuters |
Am 16. Januar 1996 hielt Ezer Weizman als erstes israelisches Staatsoberhaupt eine Rede vor dem Deutschen Bundestag. Weizman, der schon seit 1993 siebter Präsident Israels war, rief in seiner als Meilenstein der deutsch-israelischen Beziehungen bewerteten Rede dazu auf, wachsam gegenüber neonazistischen Tendenzen zu sein. Zugleich räumte er ein, dass er dem deutschen Volk den Holocaust nicht vergeben könne. Heftig diskutiert wurde jedoch vor allem seine Empfehlung an die deutschen Juden, nach Israel auszuwandern. Der in Tel Aviv geborene Neffe des ersten israelischen Präsidenten Chaim Weizman war 1942 der britischen Armee beigetreten, 1943 wechselte er zu Royal Air Force (RAF). Ab 1944 diente er als Pilot in Indien und Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Mitglied der Untergrundorganisation «Etzel». Im israelischen Unabhängigkeitskrieg war er Pilot der Hagana, als Kommandeur eines Luftgeschwaders leitete er die Luftangriffe gegen ägyptische Truppen. Zwischen 1958 und 1966 diente Weizman dann als Kommandeur der israelischen Luftwaffe, später war er stellvertretender Generalstabschef. Große Anerkennung erhielt er für seinen Beitrag zum Sieg Israels im Sechstagekrieg 1967, als die ägyptische Luftwaffe noch am Boden zerstört wurde. Als klar wurde, dass er nicht zum Generalstabschef ernannt werden würde, quittierte Weizman 1969 den Militärdienst und wurde Verkehrsminister. Nach seinem Rückzug aus der Armee wurde er Mitglied der «Gahal»-Partei, aus der später der «Likud» wurde. Bis 1972 stand er an der Spitze seiner Partei, verließ diese dann, kehrte 1976 jedoch zurück und führte sie 1977 als Wahlkampfleiter zum großen Sieg bei den Wahlen. Als Verteidigungsminister unter Menachem Begin trat Weizman nun für die «absolut sicheren Grenzen» Israels ein. Gegenüber den Annäherungsversuchen des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat verhielt er sich anfangs zurückhaltend. Bei Sadats Besuch in Israel befürchtete Weizman gar einen Anschlag auf die israelische Führung auf dem Flughafen. Daher setzte er die gesamte israelische Armee in höchste Alarmbereitschaft. Später erwies sich Weizman jedoch als Befürworter des Friedens und Ausgleichs. Bezüglich der Siedlungs- und Besatzungspolitik wurde er nun zum Gegner seiner früheren Weggefährten Menachem Begin und Ariel Scharon. 1980 verließ er daher den «Likud», auch als Verteidigungsminister trat er zurück. Für seine 1984 gegründete Partei «Yachad» war er ab 1985 Minister für die Beziehungen zu den arabischen Staaten. Ein Jahr später fusionierte seine Partei mit der Arbeitspartei. 1988 wurde Weizman als Wissenschaftsminister wegen eines Treffens mit PLO-Chef Jassir Arafat entlassen, 1992 verließ er die Knesset. Am 13. Mai 1993 wurde er zum Präsidenten gewählt. Als Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Friedensprozess 1996 bewusst ins Stocken brachte, lud Weizman Arafat demonstrativ zum Mittagessen ein. Im März 1998 wurde der beliebte Präsident für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Ende 1999 wurden jedoch nicht deklarierte Geldzahlungen eines Geschäftsmannes an Weizman ruchbar. Obwohl die Untersuchungen gegen ihn eingestellt wurden, trat er ein Jahr später zurück. Am 25. April 2008 starb Ezer Weizman in seinem Haus in Caesarea.
24. Juni 1900
Raphael Lemkin
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| Raphael Lemkin. Foto: Archiv |
Der Schutz vor Verbrechen gegen ganze Bevölkerungsgruppen war sein Lebensthema. Weil er solche immer wieder in Geschichte und Gegenwart beobachtete, nahm Raphael Lemkin 1921 in Lemberg ein Jurastudium auf. Nun befasste er sich mit dem Schicksal der Armenier - und musste mit ansehen, dass die Verantwortlichen nicht bestraft wurden. 1929 begann er damit, ein internationales Abkommen zum Schutz ethnischer, nationaler und religiöser Gruppen vor Vernichtung zu entwerfen. Unter dem Eindruck des Massakers an 600 assyrischen Christen im Irak verlangte er 1933, «Vandalismus» und «Barbarei» als neue Straftatbestände einzuführen. Der Vorstoß scheiterte - und kostete ihn sein Amt als Staatsanwalt. Die polnische Regierung warf ihm vor, die neue deutsche Regierung unter Hitler zu beleidigen. Auch musste er sich anhören, dass Massenmorde aus religiösen oder rassischen Gründen nun der Vergangenheit angehörten. Nach dem deutschen Überfall auf Polen konnte er nach Schweden fliehen. Im Gepäck hatte er Unterlagen, die die deutschen Verbrechen dokumentierten und für die polnische Exilregierung arbeitete er 1943 an einem Gesetzentwurf zur Bestrafung der deutschen Verbrechen. Dafür entwickelt er den Begriff «ludobójstwo» aus den polnischen Worten «lud» (Volk) und «zabójstwo» (Mord), später formte er aus dem griechischen «genos» (Volk) und dem lateinischen «caedere» (töten) das Wort «Genocide». Dessen Definition entwickelt Lemkin anhand der Maßnahmen gegen die Armenier und gegen die Juden in Europa. Als «Genozid» galt ihm dabei «ein aus verschiedenen Handlungen bestehender, koordinierter Plan zur Zerstörung wesentlicher Grundlagen des Lebens nationaler Gruppen, mit dem Ziel der Vernichtung dieser Gruppen». Als sich im August 1945 die Alliierten auf die Durchführung eines Militärtribunals gegen die nationalsozialistischen «Hauptkriegsverbrecher» verständigten, wurde Lemkin zum Assistenten des amerikanischen Chefanklägers Robert H. Jackson berufen. Obwohl die Anklage den Beschuldigten «Genozide» vorwarfen, wurde der Begriff zu seiner Enttäuschung nicht in die Urteile aufgenommen. Zunehmend von Armut und Krankheit geprägt, lieferte er 1946 einen Entwurf für eine Konvention über die Verhütung und Bestrafung von Genoziden, scheiterte damit aber erneut. Als er im September 1946 von der ersten UN-Generalversammlung hörte, flog er nach New York und entwarf noch im Flugzeug eine Erklärung zur Verurteilung von Völkermorden. Im Dezember 1946 beschloss die UNO, eine Genozid-Konvention auf den Weg zu bringen. Lemkin wurde damit beauftragt, einen Entwurf vorzulegen. Nach schier endlosen und auszehrenden Verhandlungen kam der unverhoffte Durchbruch: Die Konvention nach Lemkins Entwurf wurde am 9. Dezember 1948 in Paris von der Generalversammlung ohne Gegenstimmen verabschiedet. Raphael Lemkin wurde zweimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Trotzdem starb er bereits am 28. August 1959 völlig verarmt in einem schäbigen Apartment in Manhattan.
von Moritz Reininghaus