"Andere Räume, andere Träume"
von Daniyal Mueenuddin
 |
| "Andere Räume, andere Träume", aus dem Amerikanischen von Brigitte Heinrich, erschienen bei Suhrkamp, 293 Seiten, 19,90 Euro. |
Dass die vielgestaltig-bunten, organischen neuen Lebensformen des 21. Jahrhunderts scheinbar ganz ohne jede Mühe nahezu alle kulturellen Differenzen zu überwinden vermögen, selbst zwischen jenen künstlich geschaffenen Parteien, die sich im sogenannten «Krieg gegen den Terror» vermeintlich unversöhnlich gegenüberstehen, beweist der 1963 in Los Angeles geborene amerikanisch-pakistanische Schriftsteller Daniyal Mueenuddin in seinen in den USA innerhalb der vergangenen beiden Jahre mit nicht weniger als sechs Nominierungen für die bedeutendsten Literaturpreise des Landes bedachten und durch seine Aufnahme in Salman Rushdies Anthologie «Best American Short Stories» (2008) geadelten meisterhaften Erzählungen auf absolut begeisternde Art und Weise. In seinem literarischen Debüt «Andere Räume, andere Träume», einer Sammlung von acht inhaltlich miteinander kunstvoll verwobenen Kurzgeschichten, die allesamt in der pakistanischen Provinz und im Bannkreis der Familie und Dienerschaft eines einflussreichen Großgrundbesitzers spielen, gelingt es ihm mit federleicht skizzierender Hand und oft nur wenigen existenziellen Sätzen sowie überlegenem poetischen und psychologischen Gespür, aus dem hierzulande gern verkannten Genre der Kurzprosa ganz große, fesselnde Literatur von höchstem internationalen Rang zu machen. Gleichzeitig erweist er dem Land seines Vaters, einem hochdekorierten Diplomaten, dessen herrschaftliche Farm in Rawalpindi er nach dessen Tod im Jahr 1990 noch mehrere Jahre weiterführte, die größte literarische Gnade, die man sich in einer Zeit, da man Pakistan im Westen gemeinhin lediglich mit Korruption und Terrorismus assoziiert, nur vorstellen kann: Er rückt die Bewohner dieses von kaum zu bewältigenden sozialen, religiösen und politischen Spannungen geschlagenen bettelarmen Staates solcherart in den Mittelpunkt, dass sie - von jeglichen von außen aufgedrückten Stereotypen befreit - wieder ganz in ihrem ureigenen, universellen menschlichen Streben erkennbar werden können und uns so zu dankbaren Gegenständen unserer Identifikation, unseres Mitleids, ja unserer Selbsterkenntnis werden dürfen. Mueenuddin gelingt es in allen seinen Erzählungen sofort und mit größter poetischer Unmittelbarkeit, uns auf geradezu magische Art und Weise unverzüglich in den von plastisch spürbaren Sinneseindrücken jeglicher Art nur so wimmelnden Mikrokosmos seiner jeweiligen Protagonisten hineinzuziehen und uns mit Lebensschicksalen zu konfrontieren, die aus westlicher Lebenswirklichkeit kaum vorstellbar sind und am Ende der Lektüre unvergesslich bleiben: Da ist etwa der gewiefte Plantagen-Elektriker Nawab, die Hausangestellte und Gelegenheitsprostituierte Saleema, der Sohn des Patriarchen, der sich in eine Amerikanerin verliebt, oder ein Richter am obersten Gericht von Lahore, der von seinem Diener gebeten wird, dessen Unschuld in einem verwickelten Mordfall zu beweisen - und der ganz nebenbei die treffendste Charakterisierung der herausragenden literarischen Leistung des Autors in der Beschreibung seines Gerichtsassistenten abliefert: «Über alles und jedes, aus dem Privatleben der Richter wieder Angestellten, bis hinunter zum niedrigsten Aufwischer, weiß er wie nebenbei Bescheid. Er kennt die Urteile in den einzelnen Verfahren ehe sie niedergeschrieben werden, ehe sie überhaupt gefällt werden. Er betrachtet die Stadt wie ein Panoptikum, simultan, [...] in seiner undurchdringlichen Brust verschlossen ruhen sämtliche Aufstände und Ungeheuerlichkeiten aus der Vergangenheit und vielleicht auch der Zukunft [...].» «Andere Räume, andere Träume» ist Weltliteratur im besten Sinne - ein Buch, das Türen zum Verständnis anderer Lebenswirklichkeiten öffnet.
von Florian Hunger