"Katerina"

von Aharon Appelfeld

 

"Katerina", aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, erschienen bei Rohwohlt, 254 Seiten, 19,95 Euro.
Mit der seit kurzem bei Rowohlt vorliegenden deutschen Übersetzung von Aharon Appelfelds im Hebräischen Original bereits 1992 erschienenem Roman «Katerina» ist nun der absolute Großteil des ebenso umfangreichen wie vielschichtigen erzählerischen Werkes des 1932 bei Czernowitz geborenen großen literarischen Chronisten des Völkermords an den Juden Europas auch in seiner ungeliebten Muttersprache zugänglich und lieferbar. Und tatsächlich verschafft uns selbst die rückwirkende, dem nicht chronologisch vorgehenden Editionsplan geschuldete, erstmalige Beschäftigung mit Appelfelds früheren Werken immer wieder das besondere Erlebnis, einem höchst originellen und einfallsreichen Schriftsteller begegnen zu dürfen, der zwar ein recht hermetisches schriftstellerisches Lebensthema gefunden hat, diesem aber dennoch immer wieder neue Aspekte und fantasievolle Plots abzutrotzen vermag, die ihn letztlich immer wieder davor bewahren, sich im Kern zu wiederholen. Denn Appelfeld ist ein originärer Schriftsteller, seine Werke sind in aller Regel nicht autobiografisch im eigentlichen Sinn, sondern lediglich inspiriert von der bitteren Erfahrung seines eigenen Lebens: Der Ermordung seiner geliebten Mutter am ersten Tag der deutschen Okkupation, seine anschließende Verschleppung in ein Konzentrationslager, dortige Trennung vom Vater, den er erst zwanzig Jahre später in Israel wiedertreffen sollte, seine dreijährige Flucht durch die ukrainischen Wälder sowie die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg als Küchenjunge der sowjetischen Armee. Der frühe Verlust seiner Mutter hat Appelfeld immer wieder zu herausragenden, starken Frauenfiguren in seinen Werken inspiriert, die ihr Lebensglück mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen bereit sind, so auch in seinem beklemmenden Roman «Katerina», in dem sich die bald achtzigjährige Titelheldin, eine ukrainische Christin, ihres von Hoffnungslosigkeit, Not und Gewalt geprägten Lebens erinnert. Katerina hat in ihrem wechselvollen Leben nicht nur die beiden Weltkriege miterleben müssen, sondern auch die großen Judenpogrome des späten 19. sowie des frühen 20. Jahrhunderts. Hineingeboren in eine dumpfe Atmosphäre antijüdischer Ressentiments, wird sie von ihrem lieblosen und trunksüchtigen Vater bereits im Mädchenalter verstoßen und findet Anstellung bei einer jüdischen Familie in der Stadt, die sie schon bald, einschließlich der zunächst fremdartig, ja sogar abstoßend anmutenden jüdischen Sitten und religiösen Traditionen, als ihre eigene betrachtet. Doch das neu gewonnene Glück der Zugehörigkeit findet ein jähes Ende, als die Familienmitglieder einem brutalen Pogrom zum Opfer fallen - Katerina landet erneut auf der Straße und ist ihren eigenen Landsleuten entfremdet. Nach unsteten Wanderjahren und unzähligen Enttäuschungen verliebt sie sich wieder in einen Mann, einen Juden, bekommt ein Kind von ihm und empfindet zum ersten Mal so etwas wie Glück. Als ihr auch dieses auf brutalst mögliche Art und Weise genommen wird, nimmt sie das Recht in die eigene Hand. Was an Appelfelds Roman besonders bedrückt, ist die alles beherrschende gewalttätige Atmosphäre massiver antijüdischer Ressentiments, die uns unmissverständlich vor Augen führt, in welchem Ausmaß der organisierte Völkermord der Nazis besonders an den Juden Osteuropas gerade in der christlichen Landbevölkerung der jeweiligen Länder schon im Vorfeld einer breiten Zustimmung sicher sein konnte.

von Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Juni 2010