"Wir haben noch das ganze Leben"
von Eshkol Nevo
 |
| "Wir haben noch das ganze Leben", aus dem Hebräischen von Markus Lemke, erschienen bei dtv, 436 Seiten, 14,90 Euro. |
Zum Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich zwischen dem Gastgeber und Brasilien haben sich in Tel Aviv vor dem häuslichen Fernseher vier Freunde um die dreißig versammelt, die sich bereits seit Jugendtagen kennen und die seit 1986 jedes Finale gemeinsam angeguckt haben. Es wird gefachsimpelt, getrunken, gescherzt und gelacht, und aus einer spontanen Laune heraus entsteht die Idee, jeder der vier solle seine drei wesentlichen Lebensträume auf einen Zettel schreiben und in einem Umschlag verschließen, beim nächsten Endspiel vier Jahre später wolle man dann sehen, was von diesen Wünschen sich bis dahin tatsächlich verwirklicht habe. Für den introvertierten Erzähler Juval hängen alle drei Wünsche mit seiner Lebensgefährtin Ja'ara zusammen, der kauzige Amichai möchte eine Naturheilpraxis eröffnen, der zu höherem berufene Ofir endlich der verhassten Werbeindustrie entsagen, um einen Band mit Kurzgeschichten zu veröffentlichen und der ebenso ehrgeizige wie zielstrebige Joav, genannt «Churchill», möchte Karriere in der Staatsanwaltschaft machen. Was zunächst klingt wie ein belanglos-unterhaltender «Frauenroman für Männer», beginnt zwar scheinbar naiv in einem leichten mitreißenden Plauderton, entfaltet sich aber bald zu einem ambitionierten, im Erzählton hochauthentischen literarischen Panorama der israelischen Gesellschaft und ihrer wesentlichen Fragen, in dem der 1971 in Jerusalem geborene Eshkol Nevo sich nicht nur als der stilistisch-vielseitigste und talentierteste israelische Schriftsteller der jüngsten Generation erweist, sondern auch den hohen Erwartungen nach seinem selbst in Frankreich und Großbritannien mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichneten Debüt «Vier Häuser und eine Sehnsucht» (2005) gerecht wird. Zwar ist sein von Markus Lemke übersetzter zweiter Roman «Wir haben noch das ganze Leben» rein formal weniger experimentierfreudig ausgefallen als sein vielstimmiger erster über eine Hausgemeinschaft in Jerusalem, der in seiner stilistischen Variabilität an den frühen Abraham B. Jehoschua erinnerte, wenn auch um ein vielfaches lyrischer im Ton, dennoch gelingt es dem Enkel des ehemaligen israelischen Premierministers Levi Eshkol auch hier, präzise, gut-beobachtete Alltagsbetrachtungen zu anspruchsvoller und zugleich unterhaltsamer Literatur zu sublimieren und das vordergründig banale Thema der Männerfreundschaft so sorgfältig, einfühlsam und humorvoll auszuarbeiten, dass sie am Ende als einziger gangbarer Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit gesellschaftlicher Resignation erscheint. Denn am Vorabend der Weltmeisterschaft 2002 ist nichts mehr, wie es war: Ja'arahat eine die Freundschaft sprengende Affäre mit Churchill begonnen, alle Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden mit den Palästinensern sind zunichte, und Juval liegt nach einem gewalttätigen Zwischenfall mit einem an einer posttraumatischen Störung leidenden ehemaligen Angehörigen der israelischen Streitkräfte mit schweren Gehirnverletzungen im Koma. Eshkol Nevos große Kunst ist es, keinen der großen Konflikte der israelischen Gesellschaft auszusparen und dennoch nicht in bittere Hoffnungslosigkeit zu verfallen: «Ich dachte an Juvals großes Verlangen, die „bahaiische Symmetrie" herzustellen, und daran, dass letzten Endes durchaus etwas dran sein konnte an den Worten seines Workshopleiters, der Wunsch hier, an diesem Ort nach der Harmonie eines Bahaiigartens zu streben, ähnele ein bisschen dem Wunsch der israelischen Nationalmannschaft, sich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren: ein Bestreben, das leider, leider immer im Bereich des Wunsches bleiben wird.» Man darf sich freuen, Eshkol Nevo im Rahmen einer Lesereise im Juni in vielen deutschen Städten kennenlernen zu dürfen.
von Florian Hunger