"Die Wenigen und die Vielen"

von Hans Sahl

 

"Die Wenigen und die Vielen", erschienen bei Luchterhand, 366 Seiten, 22,95 Euro.
Es ist schwer zu sagen, ob die im höchsten Maße geglückte innere Dramaturgie im Editionsplan der Neuherausgabe der Werke des beinahe vergessenen deutsch-jüdischen Lyrikers, Schriftstellers und Kulturkorrespondenten vieler bedeutender überregionaler deutschsprachiger Tageszeitungen, des 1902 in Dresden geborenen Hans Sahl, eines der bedeutendsten Vertreters der Exilliteratur, auf verlegerischer Absicht beruht oder lediglich ein erfreulicher Zufall ist. Denn rein sachlich lässt sich ohne weiteres behaupten, dass der erste (Doppel-)Band der Werkausgabe mit den beiden autobiografischen Werken «Memoiren eines Moralisten»/«Das Exil im Exil» der Band mit dem größten Informationsgehalt zur Person des Dichters und seiner individuellen Lebensumstände gewesen sein dürfte. Zwar ließen die vom Autor selbst in die beiden genannten Bücher eingefügten Gedichte aus eigener Feder bereits ahnen, das wir es hier auch mit einem höchst eigenständigen und begabten Lyriker zutun haben, die Herausgabe sämtlicher seiner Gedichte als Band 2 der Gesamtedition übertraf die daran geknüpften Erwartungen sogar noch. Nun ist als dritter Teil der Ausgabe der einzige Roman jenes Autors erschienen, der gut fünfzig Jahre seines Lebens als deutschsprachiger Autor in New York verbrachte, bevor er 87-jährig nach Deutschland zurückkehrte, wo er 1993 verstarb. «Die Wenigen und die Vielen», erstmals im Jahr 1959 erschienen, ist die formal ausgesprochen modern gestaltete, überaus mitreißend erzählte, literarisch verdichtete Version von Sahls Leben, das unter anderen politischen Umständen das eines in seinem Heimatland gefeierten Poeten und Schriftstellers hätte sein können, wie er zu Beginn des Buches mit lakonischem Humor kurz skizziert: «Ich lebe gern bequem. Unter normalen Umständen wäre ich gewiß ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geworden. Ich hätte es bestimmt zu etwas gebracht, wäre geachtet und geehrt worden, hätte einen auskömmlichen Posten in der Verwaltung und ein Häuschen vor der Stadt, in dem es sich leben ließe. [...] Meine Gedichte wären jeden Sonntag in der Frauenbeilage des geschätzten Lokalblattes erschienen, rechts unten, in der Ecke zwischen Kochrezepten und ähnlichen nützlichen Winken für die Hausfrau, sorgfältig gesetzt [...], wie es sich für einen angesehenen Mitarbeiter gehört, der sich in zwanzig Jahren die Aufmerksamkeit der Abonnenten erobert hat.» Die Beschreibung dieser hypothetischen Idylle ironisiert zwar, was gewesen sein könnte, dennoch liegt gerade in der ebenso grausamen wie absurden Anmaßung der Nationalsozialisten, darüber zu bestimmen, nicht nur wessen Leistung für die Gesellschaft nützlich sei, sondern sogar, wer überhaupt zur Gesellschaft bzw. zur sogenannten «Volksgemeinschaft» hinzuzurechnen sei, die eigentliche Tragik aller Lebensläufe derer, die sich schon ganz zu Beginn der Diktatur ausgegrenzt und verfolgt fanden. Hans Sahls in der Tat großartiger Roman scheint absolut willkürlich, ohne konventionellen zeitlichen oder örtlichen Rahmen zusammengesetzt und ist dennoch ein höchst kunstvoll und ganz offensichtlich unter größten künstlerischen Mühen komponiertes und mit der Beharrlichkeit eines Lyrikers meisterhaft zurecht geschliffenes Werk, das man atemlos liest bis zur letzten Seite. Es ist die Geschichte einer überaus reichen verlorenen Welt und seiner unglücklichen ehemaligen Bewohner, talentierte Wissenschaftler und Künstler, die den Geist dieser Welt in ihr Exil exportierten, während es insbesondere in der Bundesrepublik so gut wie keine Zeitzeugen dieser Mentalität mehr gab. Insofern ist die Neuherausgabe von Franz Sahls großartigem einzigen Roman ein kaum zu überschätzender erster Schritt, an den Leidensweg auch der Überlebenden im Exil zu erinnern.

von Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Juni 2010