Buchcover

«Als ihre Engel schliefen»

von Mira Magén

Mira Magén ist in biografischer Hinsicht sicherlich die interessanteste Schriftstellerin aus dem Kreis der sogenannten «jungen Autorinnen», die den israelischen Literaturbetrieb seit Anfang der 1990er Jahre so entscheidend prägen. Aufgewachsen in einer streng orthodoxen Familie, wusste Magén nach eigenen Aussagen schon seit ihrer frühesten Jugend, dass sie gegen dieses Milieu rebellieren würde, und so entschied sie sich, ganz gegen die ultraorthodoxe Tradition der Verweigerung, zum Militärdienst. Anschließend studierte sie Psychologie und Soziologie, heiratete, wurde mehrfache Mutter und arbeitete, immer auf der Suche nach «ihrem Platz im Leben», in den unterschiedlichsten Berufen. Die Konfrontation mit den Belastungen ihrer Arbeit als Krankenschwester sowie die entspannte politische Lage der Oslo-Abkommen brachten sie schließlich zur Literatur und mit ihrer ersten Sammlung von Kurzgeschichten auf Anhieb auf die israelischen Bestsellerlisten. Ihr neuer Roman, der dritte ins Deutsche übersetzte, hat deutlich autobiografische Bezüge, allerdings besteht die sich auch heute noch als religiös bezeichnende, in der Friedensbewegung aktive Autorin darauf, in ihren Romanen lediglich Grenzen auszuloten, die sie selbst «nie überschreiten würde». Magéns Protagonistin Moria führt ein scheinbar glückliches Leben: ihre Ehe ist harmonisch, sie liebt ihre beiden Kinder und führt eine erfolgreiche kleine Immobilienfirma. Die in heilloser, irrationaler und folgenschwerer Leidenschaft mündende Begegnung mit dem russischen Neueinwanderer Valeri lässt sie ihr bisheriges Leben radikal hinterfragen. Mira Magén legt in einer sinnlichen, fast erotischen Sprache ein äußerst vielschichtiges und faszinierendes Psychogramm einer starken, jedoch verunsicherten Frau vor. Gleichzeitig verrät sie anhand der Beziehung zwischen Moria und Valeri viel über die starke religiöse Prägung des israelischen Alltags, die für den atheistisch erzogenen Neueinwanderer, wie für jeden Außenstehenden, nur schwer verständlich ist.

Florian Hunger

«Als ihre Engel schliefen»
aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler,
erschienen bei dtv premium, 436 Seiten,
15 Euro

 

«Jüdische Zeitung», September 2006