"36 Argumente für die Existenz Gottes"
von Rebecca Goldstein
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| "36 Argumente für die Existenz Gottes", aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader, 558 Seiten, 21,95 Euro. |
In einem Land, in dem jeder noch so ordentliche Bürger schon scheel angeschaut wird, wenn er in gesellschaftlich quasi-obligatorischer persönlicher Religionsausübung nicht wenigstens einem obskuren Venuskult angehört, und sich bekennende Atheisten immer noch allzu leicht dem Generalverdacht des Satanismus aussetzen, muss ein dezent-kontroverses Buch wie Rebecca Goldsteins wunderbarer, ebenso geistreicher wie unterhaltsamer neuer Roman «36 Argumente für die Existenz Gottes» fraglos auf einen ganz anderen geistigen Nährboden fallen als in Deutschland, zumal uns der aus spiritueller Sicht vielversprechende Titel des Buches bewusst auf eine falsche Fährte locken will: Denn die renommierte, 1950 in New York geborene Philosophieprofessorin und Tochter eines orthodoxen Rabbiners liefert uns neben den erwähnten vermeintlichen Beweisen für die Existenz Gottes aus der gesamten Tradition des abendländischen religionsphilosophischen Diskurses deren wortreiche Widerlegungen gleich mit. Rebecca Goldsteins großes dominierendes Thema in allen ihren bisherigen Romanen war stets der Konflikt zwischen dem geistigen und dem wirklichen Leben: Wie lässt sich die idealistisch-motivierte intellektuelle Sinnsuche mit dem subjektiven, persönlichen Streben nach privatem Glück vereinbaren? Es ist also nur folgerichtig, wenn die Philosophin zehn Jahre nach ihrem letzten fiktionalen Werk und im Anschluss an zwei Wissenschaftsbiografien angesichts einer in den USA grassierenden, vorwiegend irrationalen und vom Staat vereinnahmten neuen Religiosität nun eine ebenso intensive literarische Recherche zur Realitätstauglichkeit des Gottesbegriffs und der Spiritualität im allgemeinen vorlegt: «Die Verschiebung der Welt traf viele kluge Leute völlig unvorbereitet, weil sie Dinge aufwühlte, von denen sie geglaubt hatten, dass sie für immer erledigt und tief unter der Erdkruste begraben waren. Je intellektueller sie selbst und je facettenreicher ihr Geistesleben, desto größer ist wohl ihre Bestürzung über diesen Ruck der Welt, der Anschauungen und Sehnsüchte ans Licht gebracht hat, die ihrer Überzeugung nach einer früheren Stufe der menschlichen Entwicklung angehören. [...] Auf einmal ist das alles unvergessen, und Köpfe, die eigentlich über Wichtigeres nachzudenken hätten, müssen kostbare neuronale Ressourcen aufbieten, um herauszufinden, wie sie die Gattung wieder halbwegs zur Vernunft bringen könnten.» Rebecca Goldsteins sympathischer Protagonist Cass Seltzer, Professor für Religionspsychologie an einer kleinen, aber renommierten amerikanischen Hochschule, hat mit einem Sachbuch über seine Zweifel an der Existenz Gottes einen Überraschungsbestseller gelandet. Seitdem ist er nicht nur eine nationale Berühmtheit, um den sich alle bedeutenden Universitäten des Landes reißen, sondern hat auch mehr Glück in der Liebe, als er im Augenblick verkraften kann: Denn gerade als die überirdisch schöne Psychologin Lucinda Mandelbaum mit ihm zusammenziehen möchte, taucht seine alte Flamme Roz Margolis wieder auf, eine Anthropologin, die während ihrer mehrjährigen Feldforschungen im Amazonasgebiet eine auf den exzessiven Gebrauch von hoch dosierten Vitaminen gründende Philosophie der ewigen Jugend entwickelt hat. Anhand dieser Konstellation entfesselt Rebecca Goldstein einen überaus unterhaltsamen und kenntnisreichen Reigen durch die Ideen- und Wissenschaftsgeschichte unserer Kultur, der uns mitunter vor eine echte intellektuelle Herausforderung stellt. Am Ende steht ein überzeugendes Plädoyer für die Wunder des Lebens, insbesondere für die Liebe.
von Florian Hunger