"Grand Cru"

von Martin Walker

 

"Grand Cru", aus dem Englischen von Michael Windgassen, erschienen bei Diogenes, 384 Seiten, 21,90 Euro. 
Dass der Genuss eines guten - und edlen - Tropfens durch den anspruchsvollen Weinliebhaber für den Hersteller im besten Fall mit einem satten geschäftlichen Gewinn verbunden sein sollte, vergisst man unter dem vornehmlich die eigene Innenwelt belebenden Eindruck des berauschenden Getränks nur allzu leicht. Wer sich als echter Genießer ernsthaft mit der Weinherstellung auseinandersetzt, wird beim privaten Einkauf freilich nicht nur geschmackliche Kategorien bemühen, sondern auch Wert auf die möglichst althergebrachte,«handwerklich saubere» Herstellung legen: Nur allzu leicht ist mittlerweile die Kunst gediehen, einen schmackhaften Wein ausschließlich mit chemischen Komponenten herzustellen - wovon sich unlängst zwei renommierte deutsche und österreichische Weinexperten täuschen ließen und jeweils der artifiziell produzierten Variante den Vorzug gegenüber dem herkömmlich erzeugten Muster gaben. Der zweite Fall des neuen Krimi-Stars im Programm des in diesem Genre führenden und immer wieder durch spannende Neuentdeckungen herausstechenden Diogenes-Verlags, dem sympathischen und als ausgesprochenen Feinschmecker bekannten französischen Dorfpolizisten Bruno, führt uns gleich in den Mittelpunkt mehrerer weltanschaulicher Konflikte, die das Selbstverständnis der Genießer-Region des südfranzösischen Périgord aufrütteln. Gleich zu Beginn wird der liebeskranke Bruno zu einem verheerenden Brand auf einer Plantage gerufen, die - wie sich schon im Verlauf der ersten Ermittlungen herausstellt - nicht offiziell registriert war und als Testfeld der französischen Armee für gentechnisch veränderte Nutzpflanzen diente. Weitere Nachforschungen lassen auf eine Spur in die militante Öko-Bewegung schließen, die zunächst sehr stereotyp in eine alteingesessene Landkommune führt, wo nach breiter allgemeiner Einschätzung der beste Ziegenkäse der Region hergestellt wird. Schnell stellt sich heraus, dass viele Aktivisten der Ökobewegung mittlerweile eher ein pragmatisches Verhältnis zur Gentechnik gefunden haben und sie als vielversprechenden Ausweg aus den wesentlichen Herausforderungen unserer Zeit zu akzeptieren gelernt haben. Als sich endlich doch eine vielversprechende Spur ergibt, wird der Tatverdächtige, ein allseits beliebter junger Student, auf dem Weingut seines Adoptivvaters tot und nackt in einem Fass mit frisch gekeltertem Wein aufgefunden - ein Unfall, wie es zunächst scheint, doch die Obduktion deutet auf Mord hin - und dass der Tote kurz vor seinem Ableben Geschlechtsverkehr gehabt haben muss. Der einzige, mit dem der junge Max nennenswert in Konflikt gestanden zu haben scheint, ist der reiche Erbe einer dem Panschertum bezichtigten kalifornischen Weindynastie, der sich infolge der aufgrund des Klimawandels einbrechenden Ernten in den bislang von seinem Unternehmen bevorzugten Anbaugebieten in Australien und Südafrika im Périgord aufhält, um in großem Stil Land aufzukaufen, da der Boden der Region als ideal für den industriellen Anbau von Spitzenweinen gilt und gleichzeitig Wasser im Überfluss vorhanden ist. Aus diesen beiden wesentlichen ökologischen Grundkonflikten sowie den üblichen Streitereien und Liebeleien der vitalen Dorfgemeinschaft, webt der im Périgord ansässige, mit einer renommierten Restaurantkritikerin verheiratete englische Autor Martin Walker erneut einen federleichten, spannenden Krimi, der beinahe in der Lage ist, einen Urlaub zu ersetzen.

von Florian Hunger

«Jüdische Zeitung», Juni 2010