Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Außenbahn"Lock-Juden"
Die Idee ist einfach, und wie das bei einfachen Ideen gern so ist, umschwebt sie ein Hauch des Genialischen: Wie in den letzten Tagen bekannt wurde, plant die Polizei von Amsterdam, sogenannte Lock-Juden einzusetzen, um den Antisemitismus in der niederländischen Hauptstadt zu bekämpfen. Konkret soll sich das Experiment so gestalten, dass nun Polizisten (den einen Berichten zur Folge mit einer doch eher unauffälligen Kippa bekleidet, den anderen Darlegungen nach sollen die Ordnungshüter im Sinne der Orthodoxie mit allen ihren Ausprägungen zwischen großflächiger Kopfbedeckung und Schläfenlocken gewandet sein) durch die Straßen der Stadt mit den Grachten genannten Wassergräben schlendern. Wenn nun einer dieser vermeintlichen Juden von einem niederträchtigen Antisemiten jedweder Couleur angegangen wird, zieht der Schutzmann einfach die Handschelle unter dem Rock hervor und legt sie dem Übeltäter um die Handgelenke und führt ihn triumphierend ins nächstgelegene Kittchen ab.
Unter den Juden in den Niederlanden stößt das Konzept großteils auf Zustimmung. Amsterdams jüdischer Bürgermeister Lodewijk Asscher etwa verwies auf die steigende Zahl antisemitischer Übergriffe auf den einstmals von wechselseitiger Toleranz geprägten niederländischen Straßen. Vor allem unter muslimischen Jugendlichen grassieren antisemitische Haltungen, wie auch das «Dokumentationszentrum Israel» vermerkt. Man registriere immer häufiger derartige Tätlichkeiten. Als etwa jüngst der Rabbiner Lody van de Kamp angegriffen wurde, bedrohten die Täter, allesamt marokkanischstämmige Jugendliche, den orthodoxen Geistlichen, zeigten den Hitlergruß und riefen Nazi-Parolen. Ein Team des niederländischen Fernsehens war zufällig zugegen und filmte die Untat. Umso bemerkenswerter ist, dass die konkrete Idee der als Juden verkleideten Polizisten als Mittel gegen den grassierenden Antisemitismus einzusetzen, ausgerechnet von Ahmed Marcouch stammt. Marcouch ist Stadtrat in Amsterdam und wurde 1969 selbst im Norden Marokkos geboren, kennt den Kandidatenkreis, die hier angelockt werden soll, also bestens aus der eigenen Lebensgeschichte.
Die niederländische Polizei verweist bei den hohen Erwartungen der getarnten Aktion unterdessen auf die Erfolge des Konzepts in anderen Bereichen. So gibt es in Amsterdam bereits «Lock-Huren» und «Lock-Homos». Werden diese zum Ziel von Beschimpfungen oder gar von tätlichen Übergriffen, verhängen die sich alsbald als solche zu erkennen gebenden Polizisten ein Bußgeld und setzen eine Anzeige auf.
Und in der durch den nach ihr benannten Käse so berühmten Stadt Gouda ist seit geraumer Zeit gar eine «Lock-Oma» unterwegs, um auch noch die ständig wachsende und daher auch zunehmend öfter und heftiger angegangene Gruppe der Senioren von unangenehmen Begegnungen zu bewahren. Hier nun geht es jedoch weniger um verbal oder tätlich zum Ausdruck gebrachtes negatives Gedankengut. Die als ältere Dame verkleidete Polizistin soll nämlich eher Jagd auf gewöhnliche Taschendiebe machen. Der Erfolg, so gab die Polizeibehörde der Käse-Metropole bekannt, sei greifbar, die Zahl der Taschendiebstähle spürbar zurückgegangen. Es ist zwar schön und beruhigend zu hören, dass auch Oma Antje nun ihren Käseleib wieder wie in der guten alten Zeit ohne große Furcht nach Hause tragen kann - und dennoch wird genau an dieser Stelle der Unterschied zwischen Taschendieb und Antisemit deutlich. Allein im Januar registrierte das «Dokumentationszentrum Israel» 98 antisemitische Zwischenfälle. Das waren ebenso viele wie im gesamten Jahr 2009. Man könne, so gab das Dokumentationszentrum nach einer Analyse zahlreicher Schmierereien und hasserfüllter E-Mails an, den Eindruck gewinnen, dass viele Niederländer Antisemitismus wieder «ganz normal» fänden.
Durch die pfiffige Idee der «falschen Juden» werden sich also die Antisemiten auf den Straßen und Wegen der Niederlande womöglich zwar über kurz oder lang etwas zurückhalten. In die wirren Köpfe kann aber auch der am besten getarnte Ordnungshüter nicht hineinschauen. Das ist unter polizeilichen Gesichtspunkten sicherlich eine zu bedauernde, für die Freigeister unter den Menschen jedoch eine beruhigende Nachricht. Und ganz nebenbei ist es ein Appell, die wahren Gründe für eine antisemitische Haltung aufzuspüren und ihren Ausdrucksformen gesamtgesellschaftlich und entschlossen entgegenzutreten.
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