Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ermutigung nach Kübeln von KritikDieter Graumann fordert unabhängige Untersuchung und attackiert "Die Linke"
Manchmal macht es die Betonung. Zwar müsse sich auch Israel fragen lassen, ob an jenem frühen Morgen des 31. Mai alles richtig gemacht worden sei, hieß es mit eher leiseren Worten, aber - und das bekräftigten die Stimmen - Israel müsse sein Recht auf Selbstverteidigung wahren. Und dann immer wieder: «Israel, you'll never walk alone». Man spürte, dies musste gesagt und gerufen sein, nicht als Pflichtübung, sondern aus einer Unsicherheit heraus, die neue Entschiedenheit braucht.
Etwa tausend Menschen haben sich am 13. Juni auf dem Roncalliplatz in Köln, den alle die Domplatte nennen, versammelt. Weiß-blaue Fahnen werden geschwenkt. Solidarität und «Fairplay für Israel» fordern die Schilder. Die meisten empfinden, dass Israel bei der Blockade im Mittelmeer zu Unrecht die rote Karte erhalten hat. Wer vom Hauptbahnhof heraufgekommen ist, hat die kleine Gruppe gesehen, die am Domportal von Polizeikräften eingekesselt ist, Israel als Mörder anprangert und «Free Gaza» fordert. Auf der israelischen Seite antwortet ein rasch gepinseltes Schild: «They mean: Death to Israel». Da ist sie wieder, die felsenfeste Überzeugung bei der Seiten, dass der jeweilige Gegner eben nicht Frieden finden, sondern nur töten will. Deshalb Raketen, Blockaden, Provokationen, Getötete, da capo al fine.
Dieser Kreislauf wird am sonnigen Sonntag in Köln auch verbal nicht durchbrochen. Es gibt im Schatten des Doms mit dem Schrein der drei Weisen aus dem Morgenland nicht die Erkenntnis, dass man jetzt die Einkesselung durchbrechen und aufeinander zulaufen könnte. Sich wie in einem Spiegel anschreien, dass man endlich den Frieden will, die offenen Grenzen, das gemeinsame Leben. In einem Staat oder in zweien. Wieder ist es nicht der Moment zu erkennen, dass es keinen Sinn macht, sich aus Todesangst voreinander gegenseitig umzubringen.
Seit zwei Wochen sieht sich Israel massiv unter Druck. In der veröffentlichten Meinung herrscht die Kritik vor, dass das Land einmal mehr «überreagiert» hat, als es den Booten der Flottille nicht schlicht an der Grenze der Hoheitsgewässer die Ruderanlagen zerschoss, sondern sie weit vor der Küste von Soldaten aus Helikoptern entern ließ. Sie stießen auf Widerstand und Angriffswut und agierten wie in einer Falle. Die Ungleichheit der Waffen bestimmte am Ende die Summe der Toten und Verletzten. In etlichen Gazetten und in den Abgründen des Internets steigerte sich die Israelkritik zum antisemitischen Ressentiment.
Die von der Synagogengemeinde Kölns organisierte Pro-Israel-Demonstration war ein notwendiger Schritt. Denn es kann nicht darum gehen, nach dem Desaster im Mittelmeer endgültig den Stab über einer Seite des Konflikts zu brechen. Eine gesicherte Existenz des jüdischen und des künftigen palästinensischen Staates wird es nur geben, wenn die Würde der Juden und der Araber unantastbar ist, also niemals zerstört wird.
Michaela Fuhrmann, die der Synagogengemeinde in Köln angehört und zugleich Vorsitzende des dortigen jüdisch-türkischen Vereins ist, ist resolut genug, um in ihrer Ansprache die Grundposition Israels zu markieren: Solange aus Gaza Raketen auf Israel abgefeuert werden, muss der so attackierte Staat den von der Hamas beherrschten Streifen blockieren. Der Schiffskonvoi hat nicht humanitären Zwecken gedient, sondern war allein auf Provokation angelegt, um Israel zu delegitimieren. Die Parlamentarische Staatssekretärin Ursula Heinen lässt danach auch den von der Merkel-Regierung artikulierten Wunsch nach einer sorgfältigen Aufklärung der Vorgänge um die Flottille anklingen.
Besondere Aufmerksamkeit kann Dieter Graumann beanspruchen, der Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Auch er unterstreicht Israels Recht auf Existenz und Selbstverteidigung, stellte die Hamas als Todfeind Israels und terroristisches Unheil für das eigene Volk dar, unterstreicht das kämpferische «Nie wieder» gegen Judenhass und Antisemitismus. Zum aktuellen Geschehen positioniert er sich mit der Forderung nach einer «unabhängigen» Untersuchung der Vorgänge und insoweit anders als die israelische Regierung, die am Abend des gleichen Tages eine interne Untersuchung in Aussicht stellte. Darüber hinaus greift er mit scharfen Worten die Partei «Die Linke» an, die den Konvoi durch die Teilnahme von drei prominenten Mitgliedern unterstützt hat.
Johannes Gerster, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, äußert sich zu den Toten beim Militäreinsatz mit ähnlicher Zuweisung von Schuld und Wahrheit: Israel kämpfe um sein Überleben. Und selbst wenn es mit der Seeblockade und dem Militäreinsatz Fehler gemacht habe, rechtfertige dies nicht die «Kübel von Hass und Drohungen, die derzeit über Israel ausgeschüttet werden.»
So setzt sich nach den Hauptreden der Israel-Kundgebung ein Zug von Menschen in Bewegung, die sich selbst gestärkt sehen und nicht allein gehen. Es sind nicht wenige und sie sichern sich zu, gewaltfrei zu gehen, sich nicht provozieren zu lassen. Das grünrote Häuflein der Free-Gaza-Bewegung folgt in polizeilich gemessenem Abstand, um auch bei der Abschlusskundgebung am Ring noch einmal den Protest aufrechtzuerhalten. Dies ist nicht ein Tag der Versöhnung, aber doch der Artikulation gegensätzlicher Wünsche nach Frieden, die nur gemeinsam erfüllt werden können.
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