Die Bereitschaft zu verstehen

Lea Fleischmann und Chaim Noll über Deutschland und Israel

Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichten die Schriftsteller Lea Fleischmann und Chaim Noll ihr gemeinsames Buch «Meine Sprache wohnt woanders - Gedanken zu Deutschland und Israel». Wie der Titel bereits nahe legt, haben beide Autoren einen Bezug zu Deutschland. Die eine, Fleischmann, aufgewachsen in Frankfurt am Main als Kind zweier Shoa-Überlebender verließ nach Studium und einigen Berufsjahren als Lehrerin Ende der 70er Jahre frustriert Deutschland und ging nach Israel. Der andere, Noll, stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie und wurde in der Ost-Berliner DDR-Funktionärskaste groß. Dennoch rebellierte er in den 80er Jahren, wurde nach Wehrdienstverweigerung in psychiatrische Kliniken eingeliefert und durfte 1984 nach West-Berlin ausreisen. Mitte der 90er Jahre wanderte er nach Israel aus.

Das Buch ist eine Sammlung von 20 Aufsätzen. Beide Autoren gehen dabei in der ersten Hälfte auf ihre Zeit in Deutschland ein, beschreiben die Motive ihres Weggangs und nehmen Stellung zu dem Land, mit dem sie heute in erster Linie durch die gemeinsame Sprache verbunden sind. Noll erinnert sich an seinen mühseligen Weg zu einer jüdischen Identität («Als ich ein Kind war, wollte man mir die Existenz des jüdischen Volkes verschweigen.»). Fleischmann erzählt von ihren Kinderjahren in verschiedenen DP-Camps für KZ-Überlebende. Die Eltern, psychisch sowie physisch durch Verfolgung und Konzentrationslager geschwächt, starben früh und ließen bei ihrer Tochter mehr Fragen als Antworten zurück. Sie schildert den Weg zu der Entscheidung, ihre Stellung als verbeamtete Lehrerin aufzugeben und Deutschland den Rücken zu kehren («Allmählich bekam ich das Gefühl, dass ich in diesem Wust von Verordnungen seelisch und geistig ersticken würde.»). Chaim Noll schreibt über den Vorabend seiner Ankunft in Israel in nachdenklichen Tönen: «Von nun an würde meine Sprache woanders wohnen als ich. Und mir würde dort, wo man sie liest und versteht, Misstrauen gelten. Wegen dieses Weggehens. Wegen des Landes, das wir gewählt hatten.»

Vom Feminismus zum Schabbat
Die zweite Hälfte des Buches steht im Zeichen Israels und des Lebens der Autoren zwischen Alltag, Religion und der immerwährenden Spannung durch Terror und Konflikte. Erst im Gelobten Land sind beide endgültig angekommen, habe zu sich selber gefunden und sich zu religiösen Juden entwickelt. Der wöchentliche Schabbat steht im Mittelpunkt des Lebens von Lea Fleischmann. Ihm hat sie ein ganzen Kapitel gewidmet («Vom Feminismus zum Schabbat»), indem sie minutiös Gewohnheiten und Rituale darstellt, die ihr diesen Tag heilig machen. «Schabbat ist das große Geschenk, das mir Jerusalem gemacht hat», schreibt Fleischmann. Mit einfühlsamen Worten erklärt Noll seine Beziehung zur Wüste. «Stille und Alleinsein» - Noll fürchtet sich nicht davor, für ihn sind sie Quelle von Spiritualität und Inspiration.

Ihre Erfahrungen mit Terroranschlägen reflektieren Noll und Fleischmann jeweils in einem Aufsatz. Nolls Text ist der Schrecken des Augenblicks anzumerken, der ein Granateneinschlag vor der Busstation auslöste, wo er nur wenige Minuten später eintraf. Ihm wurde klar, dass selbst eine kleine Stadt in der südlichen Wüste Negev nicht vor Attentaten gefeit ist. Den Verlust im privaten Umfeld verarbeitet Fleischmann in dem Beitrag «Alltag unter Terror». Als Rafi Berger, der 28-jährige Sohn zweier Bekannter aus ihrer Synagogen-Gemeinde, durch einen Selbstmordattentäter stirbt, meldet sie sich bei «Yad Sarah», einer Organisation, die freiwillige Helfer an durch Terroranschläge betroffene Familien vermittelt.

Der geistige Reichtum des jüdischen Volkes, die Vielfalt an Menschen aus und die Kraft jahrtausender alter Traditionen ziehen sich durch die Beschreibungen beider Autoren. Besonders spürbar lässt dies dem Leser die Schilderung eines Spaziergangs von Chaim Noll durch Jerusalem werden. Seine Ergriffenheit von der Aura der Heiligen Stadt kommt in dem Satz zum Ausdruck «Man ist irgendwo angekommen, wo es - zumindest dieser Welt - nicht mehr weitergeht».

Friedliche Zukunft
Das Buch vermittelt viele geschichtliche Zusammenhänge, die das Verständnis der israelischen Gesellschaft dem Leser erleichtern. Beide Autoren präsentieren sich als glühende Verehrer ihres Landes. Nolls Optimismus geht dabei über Israel hinaus, sein Blick schweift in eine friedliche Zukunft der gesamten Region. Von Europas Regierungen und Medien erwartet er auf dem Weg dorthin nicht mehr viel. Zu tief sitzt die Enttäuschung über Berichterstattung und inkonsequentes politisches Handeln der europäischen Staaten gegenüber arabischen Despoten und islamischen Fundamentalisten. Dennoch denkt Noll visionär, wie folgender Satz, sowohl als auch Aufruf als auch als Mahnung zu verstehen, beweist:«Saddam wartet im Gefängnis auf sein Urteil, Arafat ist tot. Es gibt kein Talibanregime mehr in Afghanistan. Gaddafi hat sich der „Allianz gegen den Terror" angeschlossen. Wir dürfen unseren Augen trauen: Der Mittlere Osten beginnt sich zu verändern. Noch marschieren verschleierte Kämpferinnen mit Maschinenpistolen in Teherans Militärparaden, zeigen palästinensische Väter stolz ihre kleinen Söhne mit dem umgeschnallten Bombengürtel des Selbstmordattentäters. Müssen wir es hinnehmen wie Schicksal? Müssen wir daran glauben, dass es ewig so bleibt?» Die Antwort kann nur «Nein» lauten.

«Für Israel braucht es den zweiten Blick, eine Bereitschaft zu tieferem Verstehen», fordert Noll in dem Aufsatz «Wahrnehmungsstörungen». In diesem Sinne ist das gelungene Buch von Lea Fleischmann und Chaim Noll Beitrag und Anregung zugleich.

Martin Jehle

Information:

Lea Fleischmann/Chaim Noll,
Meine Sprache wohnt woanders - Gedanken zu Deutschland und Israel, Scherz Verlag 2006, 256 Seiten,
ISBN 3-502-15023-0,
17,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», September 2006