Judentum als Neurose

Europäischer Kitsch und cooles Israel: Der israelische Wissenschaftler Efraim Podoksik lebt und arbeitet in Berlin

Geschichtslektionen? Gedenktafeln? Habe ich nie bemerkt», sagt Dr. Efraim Podoksik mit einem Schulterzucken, als ich ihn nach seinen Eindrücken von Berlin frage. Podoksik ist in St. Petersburg geboren, hat in Cambridge studiert und lehrt seit einigen Jahren Politikwissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem. In Berlin arbeitet er seit fast einem Jahr als Alexander-von-Humboldt-Stipendiat an seinem Buch über den deutschen Philosophen Georg Simmel. Berlin sei eine seiner Lieblingsstädte, sagt er, «die Welt im Miniaturformat».

 

Besonders gespannt warte ich darauf, was Dr. Podoksik, als israelischer Jude, zu den vielen Mahnmalen der Stadt zu sagen hat. Ihn interessieren sie aber überhaupt nicht. Er sieht sie als Teil der deutschen Geschichte und als Versuch, diese zu verarbeiten. Somit gingen die Tafeln nur Deutsche etwas an, die Juden hätten damit nichts zu tun, sie hätten ja während des Holocausts nicht selbstständig agieren können. Ich höre zum ersten Mal, dass der Holocaust Juden nichts angeht. «Aber, wenn mir ein Arm gebrochen wird...», versuche ich stammelnd zu widersprechen, «geht es mich sehr wohl was an, mein Arm schmerzt doch». «Das Einzige, was man hier tun kann, ist, den Arm zu heilen, damit er nicht mehr schmerzt», erwidert Podoksik.

 

Glaubt er also, die Heilung habe stattgefunden? «Auf den Holocaust gab es zwei mögliche Reaktionen», sattelt der Dozent sein Steckenpferd. «Die eine Reaktion zielte darauf ab, den Holocaust zum zentralen Element der eigenen Identität zu machen. Daraus wurde eine riesige jüdische Neurose. Das ist mit der Identität amerikanischer Juden passiert, die in Vielem auf den Holocaust aufgebaut ist. Aber es gab noch die zweite Reaktion oder Möglichkeit. Man konnte sagen - ja, es ist geschehen, es war schrecklich, es gab großes Leid, aber jetzt bilden wir etwas Neues und beschäftigen uns mit der Weiterentwicklung der jüdischen Kultur und des jüdischen Lebens. Das ist in Israel passiert. Die israelische jüdische Identität ist auf der positiven Beziehung zur Entwicklung des Landes aufgebaut, und nicht auf der Holocaustbesessenheit», sagt Efraim so bestimmt, dass man geneigt ist, ihm zu glauben.

 

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von Marina Sagorje

«Jüdische Zeitung», Juli 2010