Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Noas Alija-Tagebuch. Neunter TeilWir sind nicht aus Stahl
Es ist schwer, seine Gedanken abzustellen, wenn man vor einer OP steht, noch dazu eine am offenen Herzen.
Ich habe sehr viel Tiefe und Stärkung im Glauben gefunden, und frage mich, ob G'tt mich wohl tatsächlich hierher geführt hat, damit alles entdeckt wird? Was wäre geschehen, wenn ich nicht im Hadassa-Hospital angefangen hätte? Die Symptome hätten - so die Ärzte - noch eine Weile auf niedrigem Level weiter laufen können, obwohl die Aortenstenose (Verengung) aufgrund der Verkalkung doch schon erheblich ist.
Unterschiedlich geht man mit meiner Angst um, die ich meist ehrlich äußere. Schließlich gehört sie auch zu mir. Der Satz, den ich am wenigsten hören mag ist: «Al tid'agi, hakol jhihe beseder!» (Sorg' dich nicht, alles wird gut). Menschen, die diesen Satz äußern, können mit meiner Angst nicht umgehen, vielleicht aber auch mit ihrer eigenen nicht?
Dass diese OP (neue Herzklappe) inzwischen eine Art Routine für die Ärzte ist, ist auch nicht sehr hilfreich. Jeder informierte Mensch weiß das. Nur: für mich ist es, G'tt sei dank keine Routine, dass mein Brustkorb aufgemacht wird und mein Herz eine Weile nicht schlagen darf und an einer Herz-Lungen-Maschine hängt. Da darf man wohl einwenig besorgt und ängstlich sein, oder?
Wohler fühle ich mich dagegen mit dem Satz einer Kollegin: «Wenn du mir sagen würdest, du hättest keine Angst, würde ich mich sorgen! Schließlich sind wir nicht aus Stahl!»
«Ko Israel Arelim, ze laze» das heißt: «Ganz Israel ist Bürge, einer für den anderen». Ist jemand in einer solchen Extremsituation, wie ich zurzeit, sind alle am Start und leben diesen Satz. Jeder will helfen, die Gemeinde bietet konkret Hilfe an, ob es Essen ist oder einfach eine Kleinigkeit, die das Leben leichter macht. Jeder möchte mir eine Freude machen, und lädt mich ein, jederzeit um Hilfe zu bitten.
Sogar Angebote für ein Darlehen habe ich bekommen, denn einigen ist klar, dass ich zumindest bei der Arbeit mit der alten Dame nichts verdiene, wenn ich nicht arbeite.
Einen - zugegebenermaßen sehr kleinen - Teil meines Verdienstes habe ich zwar sicher, da ich dort Krankheitstage geltend machen kann, aber der größte Teil ist abhängig von meiner Anwesenheit. Auch ist die erste Gehaltsabrechnung ist eine herbe Enttäuschung für mich gewesen, denn selbst bei einer Viertelstelle habe ich als in Israel voll anerkannte Diplomsozialarbeiterin doch mehr erwartet als rund 220 Euro netto.
So werde ich mich nach meiner Operation und der anschließenden Reha-Phase, die hier auch ambulant ausgeführt werden kann, doch wieder um eine zusätzliche Arbeit kümmern müssen. In Panik verfalle ich aber inzwischen nicht mehr, denn ich sehe, dass es in aller größter Not immer auch relativ gut bezahlte Putzstellen gibt. Diese Möglichkeit behalte ich mir im Hinterkopf immer als Notlösung.
Das deutsche Finanzamt hingegen macht mir noch Kopfzerbrechen. Mir steht aus meiner letzten Steuerrückerstattung noch eine Summe zu, die einfach nicht hier bei mir ankommt. Die Sachbearbeiter geben an, bereits viermal versucht zu haben, die Summe nach Israel zu überweisen. Ohne Erfolg. So bin ich seit mehr als drei Monaten jede Woche etwa im telefonischen Kontakt mit ihnen und habe keine Ahnung, wie lange das noch weitergeht und wann ich endlich die mir zustehende Zahlung erhalte, die ich nun bitter nötig hätte.
An einem der letzten Wochenenden war ich beim Rabbiner Israel in Alon Shwut eingeladen. Alon Shwut ist eine Siedlung in Gush Etzion. Ihn und seine Familie kenne ich schon einige Jahre. Immer wieder beschäftigt er sich mit Menschen, die zum Judentum übertreten und hat so manchem schon bei Ärger mit den Behörden geholfen. Er sagt: «Nicht nur, dass wir euch Konvertiten akzeptieren sollten, sondern viel mehr darüber hinaus. Wir sollten euch die gebührende Ehre entgegenbringen, denn ihr seid ein Beispiel für uns.»
So kann ich bisher wirklich nicht behaupten, von Gemeindemitgliedern oder Bekannten als Jüdin zweiter Klasse eingeschätzt zu werden. Und auch jetzt, in der psychisch wahrhaft schwierigen Phase vor der Operation stützt und stärkt man mich, auch auf geistiger Ebene.
Der Wermutstropfen, der mich bisher regelmäßig begleitet ist gerade jetzt wieder spürbar, denn wie schön wäre es, wenn meine Kinder mich im Krankenhaus besuchen und begleiten könnten. Eine richtige jüdische Mamme kann das alles sowieso nicht nachvollziehen. «So weit weg von den Kindern und zukünftigen Enkelkindern?»
Auch aus diesem Grund macht man sich Sorgen. «Wenn sie schon ohne ihre Familie diese Zeit überstehen muss, dann müssen wir ihre Familie sein...», so denkt man hier. Meine Kindern würden wohl dazu sagen: «Na ja, schließlich hat sie sich das selbst ausgesucht und muss nun mit den Konsequenzen leben!» Und damit hätten sie wohl recht.
Ich werde mich jedoch nun auf meinen Krankenhausaufenthaltvorbereiten müssen und alle mir zur Verfügung stehenden körperlichen und geistigen Kräfte brauchen, um das alles einigermaßen hinter mich zu bringen.
Worum ich bete? Dass ich noch ein paar Jahre gesund hier in diesem schönen Land leben darf.
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