Die neuen Ostjuden

Lebenswege russisch-jüdischer Einwanderer im Ruhrgebiet

Während die jüdischen Gemeinden in Deutschland - bedingt durch die gegebene Altersstruktur, Auswanderungen der jungen Juden nach Israel, Amerika oder ins benachbarte europäische Ausland - bis zum Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts kontinuierlich geschrumpft waren und abzusehen war, dass jüdisches Leben in Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft großflächig aussterben und nur noch vereinzelt in Großgemeinden wie Berlin, Frankfurt am Main, München und Düsseldorf weiter existieren würde, trat durch die starke Zuwanderung von Jüdinnen und Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion seit Anfang der neunziger Jahre, unter Anwendung des sogenannten Kontingentflüchtlingsgesetzes, eine völlig neue Entwicklung ein und hat eine Vielzahl von neuen Gemeinden - auch im Ruhrgebiet - entstehen lassen: ein Vertrauensbeweis für die Demokratie in Deutschland. 18 Synagogen in Nordrhein-Westfalen, dazu sieben Betsäle, Rabbiner, Religionslehrer und Kantoren, jüdische Kindergärten, Jugendzentren sind selbstverständlich geworden. An Synagogenneubauten seien genannt: Recklinghausen (1997), Duisburg (1999), Gelesenkirchen und Bochum (2007). Die Statistik spricht hierbei eine eindeutige Sprache, die am lokalen Beispiel festzumachen ist: Bis Ende der 1980er-Jahre bestand die überalterte jüdische Dreiergemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen aus rund 80 Personen. Bis zum Sommer 1991 hatten sich insgesamt 33 jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion in der Gemeinde gemeldet und diese mit einem Mal um ein Viertel ihrer bisherigen Mitgliederzahl anwachsen lassen. Die Gemeinde wuchs seither ständig und zählt seit dem Jahre 2007 kontinuierlich knapp 3.000 Mitglieder.

 

Viele der Zugewanderten sind aufgrund der antijüdischen Verhältnisse in den ehemaligen GUS-Staaten vom Judentum entwurzelt, konnten ihr Judentum nicht ausleben, haben keine spezifische jüdische Identität. Diejenigen, die eine lebendige Verbindung zum Judentum haben und über jüdisches Wissen verfügen, sind eine verschwindende Minderheit.

 

"Angekommen?! Lebenswege jüdischer Einwanderer". Herausgegeben von Svetlana Jebrak und Norbert Reichling. Hentrich & Hentrich 2010, 173 Seiten, 12,90 Euro.

Über die mit der Zuwanderung und Integration in bestehenden jüdischen Gemeinden des Ruhrgebiets und die damit verbundenen komplexen Probleme berichten die beiden Herausgeber des vorliegenden Bandes, dem ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt im Rahmen des Großprojektes «Kulturhauptstadt Ruhr 2010» zugrunde liegt. Die Wanderausstellung tourte durch verschiedene Städte des Ruhrgebiets. Svetlana Jebrak ist promovierte Historikerin, und seit Jahren mit dem Thema russisch-jüdische Einwanderung publizistisch beschäftigt; der zweite Herausgeber, Norbert Reichling, ist Soziologe und ehrenamtlicher Leiter des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten.

 

Über die individuellen Motive und Erfahrungen derer, die ihr zukünftiges Leben in Deutschland verbringen wollen, haben die beiden Herausgeber die osteuropäisch-jüdischen Zuwanderer befragt: 24 lebensgeschichtliche Interviews von Jüdinnen und Juden, die heute im Ruhrgebiet leben, Menschen aus verschiedenen Herkunftsregionen und Generationen, Menschen, die unterschiedlich (jüdisch) sozialisiert und zum Teil diskriminiert wurden. Es werden Einwanderungsgeschichten unter dem Motto präsentiert: «Einsteigen - Umsteigen - Aussteigen - Ankommen». Die vorgetragenen Geschichten berichten von Entwurzelung, Fremdsein, Neupositionierung und sozialen Beziehungen. Geschichten, die im Ruhrgebiet in den letzten 150 Jahren immer wieder erzählt wurden. Das rheinisch-westfälische Industriegebiet war von jeher Ziel für Vertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Arbeitsmigranten.

 

Die jüdischen Wurzeln der Migranten waren die politische Voraussetzung für die Auswanderungsgenehmigung nach Deutschland. Die Gedanken der Ausreisewilligen kreisten zunächst um die Schaffung einer materiellen Lebensgrundlage. Doch schon bald fanden sich die meisten in einer Bittstellerposition wieder. Das Land NRW hat im Laufe der letzten Jahre nach einem verabredeten Verteilungsschlüssel aller Bundesländer gut 22 Prozent der Zuwanderungsgruppe aufgenommen. Die Mehrzahl dieser etwa 47.000 Menschen passierte eine gewisse Zeit die «Landesstelle für Aussiedler, Zuwanderer und ausländischer Flüchtlinge», wie es offiziell heißt, in Unna-Massen.

 

Bei aller Unterschiedlichkeit der jüdischen Zuwanderer aus den GUS-Staaten - allen voran aus der Ukraine - waren Antisemitismus in den Herkunftsländern sowie wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme das leitende Motiv, die Heimat zu verlassen. Die Interviews belegen auch eine starke Bindung an europäische und auch deutsche Kulturtraditionen. Gleichwohl fällt auf, dass die Befragten vermeiden, über die wirtschaftlichen und sozialen Anreize in ein funktionierendes Sozialsystem zu sprechen. Und was die vielfach vorgebrachte Meinung betrifft, aus den «entwurzelten» erst «echte» Juden machen zu müssen, empfinden viele Betroffene dies als ignorante Kränkung.

 

Obwohl die meisten jüdischen Einwanderer mit hohen beruflichen Qualifikationen nach Deutschland kamen, ist die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt nur unzureichend gelungen, was sich wiederum auf das Selbstwertgefühl nachhaltig auswirkte. Bei der jüngeren Generation scheinen Beschäftigung und soziale Eingliederung deutlich besser zu funktionieren.

 

Die in dem schmalen Bändchen porträtierten Menschen erzählen ihre Geschichte, die sie aus ihrer hierzulande kaum bekannten östlichen Heimatregion mitgebracht haben, und träumen von einer künftigen deutsch-jüdischen Normalität - nicht in Israel oder anderswo, sondern im Ruhrgebiet. Und für die meisten von ihnen steht unumstößlich fest - sie wollen bleiben. Sie sehen sich zwei Heimaten gegenübergestellt, suchend oder schon selbstbewusst. Die zu Wort Kommenden machen die jüdische Immigration nach Deutschland - stellvertretend für Tausende - verständlich, lebendig und erfahrbar.

 

Das jüdische Gemeindeleben bleibt eine spannende Angelegenheit zwischen Normalität und neuem Aufbruch. Dies belegen die lebensgeschichtlichen Interviews beredt. Der neue Aufbruch ist ein erster Schritt, eine einmalige Chance, die es trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse weiterhin mit aller Kraft zu nutzen gilt. Er ist in Ansätzen gelungen, ein Stück weit ist Normalität erreicht worden. Jüdisches Leben ist wieder sicht- und hörbarer Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Die große Herausforderung ist nun, jüdischen Menschen, die jahrzehntelang von ihren religiösen Wurzeln abgeschnitten waren, diese wieder näher zubringen - und damit die Saat für ein neues, lebendiges deutsches Judentum zu legen. Nicht so, wie es einmal war, aber doch sehr viel mehr, als man nach dem Holocaust je zu hoffen wagte - eben normal. Nicht nur die junge Generation der jüdischen Einwanderer hadert nicht mehr mit der deutschen Gesellschaft, sie hadert stattdessen mit sich selbst und mit der Frage, was es heißt, jüdisch zu sein.

 

Genau betrachtet ist nur eine kleine Minderheit der heutigen Juden Deutschlands «deutsch». Das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf Geographie und Demographie der bundesdeutschen Juden. Bis zur Wiedervereinigung waren rund 80 Prozent der damals etwa 28.000 bundesdeutschen Juden osteuropäischer Herkunft: die Überlebenden der NS-Vernichtungsmaschinerie und ihre Nachfahren. Von den heute rund 113.000 Gemeindejuden stammen ebenfalls etwa 80 Prozent aus der Ex-Sowjetunion. Da knapp weitere 100.000 nicht oder nicht mehr Gemeindemitglieder sind, gilt: Die bundesdeutschen Juden haben nahezu allesamt osteuropäische Wurzeln. Und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen: Die «neuen» Ostjuden werden morgen nicht nur objektiv, - als Staatsbürger - sondern auch subjektiv deutsch sein. Und deutsch werden sie bleiben. Nach Deutschland zu gehen, war eine bewusste Entscheidung. Doch werden sie auch Juden bleiben? Viele müssen innerlich erst jüdisch werden, um jüdisch bleiben zu können.

 

Der Exodus der osteuropäischen Juden ist weitgehend zum Stillstand gekommen, der Prozess des Ankommens in ihrem Aufnahmeland - im Ruhrgebiet -, das zeigt das hier vorgestellte höchst informative Buch, ist noch lange nicht beendet.

 

Theodor Joseph

«Jüdische Zeitung», Juli 2010