Die Mauer ist offen

In Jerusalem wurde ein Stück der Schutzmauer abgebaut

Die «Mauer» aus grauen Betonsegmenten verschandelt seit Ende 2000 die Landschaft in Jerusalem und anderswo entlang der Grenze zwischen Israel und den besetzten Gebieten. Im Jerusalemer Viertel Gilo, von den Palästinensern auch «Siedlung» bezeichnet, wird jetzt ein erstes 800 Meter langes Teilstück der Mauer von Pionieren der israelischen Armee zurückgebaut und durchnummeriert «für alle Fälle» eingelagert.

Die ersten Mauern wurden kurz nach Ausbruch der Al-Aksa-Intifada im Süden Jerusalems errichtet. Es handelt sich um etwa drei Meter hohe Betonsegmente, vorgefertigte Mauern mit einem breiten Sockel, der «Berliner Mauer» nachempfunden.

Palästinenserpräsident Jassir Arafat ersann die Taktik, das Jerusalemer Viertels Gilo von der friedlichen, wohlhabenden und überwiegend christlichen Ortschaft Beth Dschallah aus beschießen zu lassen. Pünktlich zu Beginn der Fernsehnachrichten um 20 Uhr, als auf der israelischen Seite die TV-Übertragungswagen bereitstanden, positionierten sich schwerbewaffnete Beduinen zwischen christlichen Villen und wohltätigen, von der EU finanzierten, Einrichtungen. Die Beduinen beschossen mit schweren Maschinengewehren das israelische Wohnviertel auf dem Hügel gegenüber. Nachdem die ersten israelischen Bürger in ihren Wohnungen oder auf der Straße getroffen worden waren, behalfen sie sich mit Sandsäcken und Stahlplatten vor ihren Fenstern. Bereitstehende israelische Panzer orteten die Quelle des palästinensischen Feuers und schossen zurück. Doch die Beduinen waren auf ihren Motorrädern längst verschwunden, sodass die israelischen Granaten christliche Villen und kirchliche Einrichtungen trafen. Der Vatikan und der amerikanische Präsident protestierten. Arafat erfreute sich des internationalen Drucks auf Israel. Es hätte wohl kaum solchen diplomatischen Druck und Interesse der Presse gegeben, wenn der palästinensische Beschuss von einem unbekannten muslimischen Dorf ausgegangen wäre. Der Spuk endete erst, als die Israelis die Sichtblenden aus Beton errichteten, Schulhöfe einmauerten und somit keine Zivilisten mehr getroffen werden konnten.

 

Fast wie in Berlin

 

Im Laufe der Zeit wurde diese Mauer, ähnlich der Berliner Mauer, von Künstlern und Kindern bunt gestaltet. Einige malten die nun versteckte Landschaft hinter der Mauer auf den grauen Beton.

Nach mehreren Jahren Ruhe hat das Militär jetzt beschlossen, die Mauer abzubauen und einzumotten. Innerhalb von Minuten hebt ein Kranwagen zwei Segmente auf einmal mit einer Kette auf einen Sattelschlepper. Innerhalb von drei Tagen sind schon 500 Meter Mauer spurlos verschwunden. «Endlich ist das Schandmal wieder weg», sagt ein Mann. «Jerusalem wird um eine Touristenattraktion ärmer», meint ein Schweizer Reiseleiter, der seine Gruppen dorthin führte, um den Konflikt zu erklären. «Ich war so froh um die Mauer. Sie ersparte mir den Anblick dieser schrecklichen Araber», geifert eine ältere Frau ohne Scham, ihre rassistische Einstellung zur Schau zu stellen. «Und was machen wir, wenn wieder geschossen wird?» fragt eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm. Ein Soldat beruhigt sie: «Dann können wir die Mauer jederzeit ganz schnell wieder herbringen.»

Während Israel zunächst Schutzmauern am Rand jüdischer Viertel errichtete, um seine Bürger zu schützen, ging die Regierung unter Ariel Scharon ab 2003 dazu über, fast 10 Meter hohe Mauern als Sicht- und Schussblenden den Palästinensern vor die Nase zu setzen. Erst dann setzten palästinensische und internationale Empörung über die Höhe, die Hässlichkeit und den Verlauf der Mauer ein, die gegen Menschenrechte der Palästinenser verstoße.

Jedes Mauersegment, dessen Zement Fabriken des ehemaligen palästinensischen Ministerpräsidenten Ahmad Qureia anlieferten, ist mit Ösen aus Stahl versehen. Eines Tages könnte auch die berühmtere große «Mauer» genauso schnell wieder abgebaut werden, wie jetzt die Schutzmauer im Viertel Gilo.

Dank einer spürbaren Beruhigung im Westjordanland sind in den vergangenen Monaten schon unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die meisten Straßensperren innerhalb der besetzten Gebiete verschwunden.

 

Ulrich W. Sahm, Jerusalem

«Jüdische Zeitung», Oktober 2010