Noel Martin und Manfred Stolpe. Foto: dpa

«Ich habe meine Würde verloren»

Noël Martin, seit einem rassistischen Übergriff querschnittsgelähmt, veröffentlicht seine Autobiografie

 

Ich weiß nicht, warum ich nur für Probleme leben soll.» Noël Martins Probleme beginnen und enden mit seinem Kopf. Er ist das Einzige, was er noch bewegen kann. Seit einem rassistischen Angriff im Jahre 1996 ist der gebürtige Jamaikaner vom Hals an querschnittsgelähmt. Ein gezielter Steinwurf katapultierte ihn aus seinem Leben und degradierte ihn zum bloßen Beobachter der Welt. Damals war er im brandenburgischen Mahlow als selbstständiger Bauunternehmer tätig. Anderthalb Jahre hatte er dort gearbeitet, nun war das Projekt abgeschlossen. Mit zwei Kollegen fuhr er noch einmal in den Ort, um seine Sachen abzuholen und zur nächsten Baustelle ins sächsische Halle zu reisen. Von einer Telefonzelle aus telefonierte er mit seiner Frau in Birmingham, die Neonazis am Straßenrand ignorierte er, sie gehörten zum Alltag. Doch diesmal fahren sie ihm nach, drängen sein Auto von der Fahrbahn und werfen den Stein nach ihm. Sein Wagen kracht gegen einen Baum. Noël Martin erwacht erst wieder im Krankenhaus. Diagnose: lebenslänglich im Rollstuhl. Die Täter Sandro R. und Mario P. werden hingegen zu fünf bzw. acht Jahren Haft verurteilt. Als Motiv für ihre Tat geben sie Hass auf Schwarze an.

Elf Jahre später ist der Brandenburgsaal in der Potsdamer Staatskanzlei voll besetzt. In der ersten Reihe sitzen Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) und sein Kollege Holger Rupprecht, Minister für Bildung, Jugend und Sport. In ihren Ansprachen beschwören sie die Kraft des Aufbruchs, die Noël Martins weiteres Leben gekennzeichnet habe. Nach dem Krebstod seiner Frau im Jahre 2000 rief er den Noël-und-Jaqueline-Martin-Fond ins Leben, der die Begegnung von Jugendlichen unterschiedlicher Nationen und Hautfarben unterstützt. Seither reisten Schüler aus Brandenburg nach Birmingham und britische Jugendliche nach Potsdam. Einige von ihnen sind auch in die Staatskanzlei gekommen, um zu berichten, wie schwierig doch die Sprachbarrieren seien und wie leicht sie zu überwinden waren im gemeinsamen Streetfootball-Spiel.

Noël Martin sprach auch zu den Gästen, jedoch nur per Videobotschaft. Sein Gesundheitszustand hat sich derart verschlechtert, dass er nur noch im Bett liegen kann. Für die Filmaufnahmen wird er für zwei Stunden doch noch einmal in den Rollstuhl gesetzt und in seinen Garten am Haus gefahren. Mehr verkraftet der Körper nicht, ein Körper, den Noël Martin nicht mehr spüren kann, mit dem er dennoch jeden Tag ringen muss. Er muss rund um die Uhr gepflegt werden. Intimsphäre, Privatheit oder Geheimnisse kann er nicht mehr wahren, solche wichtigen Aspekte menschlicher Selbsterhaltung sind ihm genommen. Er kann nur noch sehen und sprechen. Und denken. Sein Resümee klingt nicht nach Aufbruch, sondern nach Resignation: «Ich habe meine Würde verloren, meinen Stolz, meine Gefühle, ich kann mir nicht mal den Mund abwischen.»

Stolz und Würde sind auch die Schlüsselbegriffe seiner Autobiografie, die im April 2007 unter dem Titel «Nenn es: mein Leben» erschien. Die Jahre nach dem Angriff nehmen nur ein Viertel des Buches ein, detailliert schildert Noël Martin auf diesen wenigen Seiten den Tagesablauf eines Querschnittsgelähmten, die vielen Handgriffe, die andere an seinem Körper vornehmen müssen, damit er noch soweit funktioniert, dass Noël Martin sein Bewusstsein bleibt. Wäre seine Behinderung durch einen Unfall oder eine Krankheit entstanden, fiele es ihm leichter seinen jetzigen Alltag zu akzeptieren. Dass es jedoch der Rassismus war, der ihn letztlich in ein würdeloses Leben zwang, ist für Noël Martin eine nicht zu akzeptierende Tatsache.

Denn die 180 Seiten Lebenserinnerung, die die Zeit vor dem Überfall beschreiben, sind eine Chronik des Kampfes gegen den strukturellen Rassismus, den er zeitlebens erfahren musste. 1959 wird er auf Jamaika geboren und von einem Onkel und seiner Patentante großgezogen. Der Alltag ist von Armut bestimmt, als er zehn ist, holen die Eltern ihn und seine Geschwister nach England. Hier herrscht nicht nur Armut, sondern auch Lieblosigkeit, beide Eltern misshandeln ihre Kinder. In den Schulen, die er besucht, wird er systematisch ausgegrenzt und dezidiert nicht gefördert. Trotz nachweisbarer Begabung landet er auf einer Förderschule für Lernschwache, von der er auch verwiesen wird. Längst verdient er sich seinen Unterhalt durch Zeitungsaustragen. Er lebt zeitweise auf der Straße, schafft es aber, sich von Drogenhandel und Zuhälterei fern zu halten. Sein Wille allein hilft ihm, sich zuerst zum Tischler, dann zum Gipser auszubilden. Er fordert den Respekt für seine Person und seine Arbeit immer wieder ein, und schließlich gelingt es ihm, sich selbstständig zu machen. Ohne Vorgesetzten kann er sich beweisen und setzt sich durch. Er verdient genug Geld um sich Haus und Auto leisten zu können. Er trifft Jaqueline, die Frau seines Lebens, genießt das Leben mit seinen Freunden. Tanz, Pferderennen und harte Arbeit prägen seinen Alltag.

Und die Polizei. Aufgrund seiner Hautfarbe gilt er immer schon als Täter. Egal, ob die geahndeten Straftaten gar nicht begangen wurden oder ob er wegen nachweisbarer Nichtanwesenheit am Tatort eigentlich nicht als Verdächtiger in Frage käme. Kontrollen, Schikanen, die Nichtbeachtung seiner Bürgerrechte sind die routinemäßigen Erfahrungen. Noël Martin wehrt sich, einmal mit Anwälten - doch die sind häufig auch rassistisch -, einmal mit Körperkraft, was im Umgang mit der so genannten Staatsgewalt die am wenigsten akzeptierte Reaktion ist, auch wenn Gewalt ihm gegenüber wie selbstverständlich von den Polizisten ausgeübt wird.

Noël Martin schafft es, nie vorbestraft zu sein. Was wie ein Wunder wirkt, denn die Wut, die dieser tägliche Rassismus in ihm erzeugen müsste, hätte zur Zeitbombe werden können. Er weiß, dass er im täglichen Kampf nur auf sich zählen kann, aber er findet auch Respekt und Anerkennung, in der Arbeit, in der Liebe, und er hat Pläne für die Zukunft. Er will sich ein Grundstück auf Jamaika kaufen, Freunde und deren Kinder unterstützen, damit diese nicht so aufwachsen müssen wie er.

Seit dem 16. Juni 1996 muss er selbst täglich auf Unterstützung hoffen. Seine Autobiografie versteht Noël Martin vor allem als Anklage gegen den Rassismus, sein Schicksal als Beleg, was dieser anrichten kann: «Ich möchte, dass sie sehen, dass Schwarze, Weiße, Inder, Chinesen, Muslime, Juden, Christen, Reiche und Arme alle derselben Rasse angehören. Der menschlichen Rasse. Ich möchte, dass sie lernen, dass sie keinen Hass gegenüber einem Menschen haben müssen, der eine andere Hautfarbe hat als sie selbst.»

Für sich selbst sieht er die Wiedererlangung von Würde und Autonomie nur im Selbstmord. Auch hier ist er auf Unterstützung angewiesen, Noël Martin möchte an seinem 48. Geburtstag am 23. Juli 2007 sterben.

Lene Zade

 

Information:

Noël Martin
«Nenn es: mein Leben»
Eine Autobiografie aufgezeichnet von Robin Vandenberg Herrnfeld.
Loeper Literaturverlag, 250 Seiten
19,90 Euro

 

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2007