Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "Krallen in die Nation von Zion"Der sefardische Oberrabbiner Israels erklärt dem progressivem und konservativem Judentum den Krieg
Der Monat Elul gilt in der jüdischen Tradition gemeinhin als «Monat der Gnade und des Vergebens». Der Elul begann am 11. August, er endet mit den Hohen Feiertagen, den Jamim Noraim, wenn das Neujahrsfest Rosch Ha-Schana und das Versöhnungsfest, Jom Kippur, begangen werden. Jom Kippur, am 10. des Monats Tischri, fällt diesmal auf den 18. September. In den 40 Tagen von Beginn des Elul bis Jom Kippur wird zur Einkehr und Buße aufgerufen. Orthopraxe Juden sprechen Bußgebete, auch weniger streng Religiöse besuchen die Gräber ihrer Verwandten und rufen Familie und Freunde zur Beilegung von Streitigkeiten auf, die es während des vergangen jüdischen Kalenderjahres gegeben hat. In keiner Zeit des jüdischen Jahres wird die «Achdut Klal Jisrael», die «Einheit des jüdischen Volkes», so sehr beschworen wie in den Wochen des Elul. Umso irritierender wirkte da der zu Elul-Beginn verfasste Brief des ultraorthodoxen, sefardischen Oberrabbiners von Israel, Schlomo Mosche Amar. In seinem Schreiben vom 12. August, das an Rabbiner in aller Welt versandt wurde, hält Amar eine Brandrede gegen die moderaten religiösen Strömungen: Reformjudentum (auch Progressive genannt) und konservatives Judentum (Masorti). Diese seien hauptverantwortlich dafür, dass das jüdische Volk derzeit einen «spirituellen Tiefpunkt» erlebe. Amar schreibt, dass er über das Ausmaß an «Gewalt, Mord und mangelnder Sittlichkeit» in der jüdischen Gesellschaft Israels schockiert sei. Das größte Problem, so schreibt der oberste religiöse Repräsentant für die nach Israel eingewanderten Juden aus Nordafrika und dem Nahen Osten, die sogenannten Sefarden, sei dabei die «Assimilation, die unsere reine und heilige Nation verzehrt». Gemeint sind damit sowohl «Mischehen» mit Nichtjuden als auch die Übernahme von als nichtjüdisch apostrophiertem, westlichem Lebensstil.
Warnung vor der «spirituellen Schoa»
In konservativem und progressivem Judentum – in den USA die stärksten jüdischen Religionsgemeinschaften, in Israel jedoch schwach – sieht Amar eine Bedrohung für das jüdische Volk. Diese Strömungen versuchten, so Amar, einen liberaleren Lebensstil in Israel zu etablieren. «Sie graben ihre Krallen in die Nation von Zion und versuchen, uns den Lebensstil anderer Nationen aufzuzwingen», schreibt Amar in seinem Brandbrief. Reformjuden und Konservative bildeten demnach «Legionen von Kämpfern in Israel, deren Absicht es ist, die Tora von Israel zu beseitigen», führt Amar unter Verwendung biblischer Begriffe aus. Amar konstatiert, dass es die Pflicht eines jeden Juden sei, gegen diese Entwicklung aktiv zu werden. Er ruft die Rabbiner dazu auf, ihre Gemeindemitglieder, besonders diejenigen, die Einfluss auf Parlamentarier in Israel haben, «wachzurufen und zu ermutigen». Gerade jetzt, während der «heiligen Zeit» des Elul sollten Gebete für die «verlorenen Söhne» – also Konservative und Reformjuden – organisiert werden, damit diese auf den «richtigen Pfad» zurückkehrten. Denn sie seien, so Amar, «unsere Brüder, unser Fleisch und Blut, obwohl sie unsere Rivalen sind». Amars aggressive Rhetorik gegen nichtorthodoxe jüdische Religionsgemeinschaften ist nicht neu. Seit er 2003 das Amt des «Rischon LeZion», des obersten sefardischen Rabbiners in Israel innehat, haben diese Äußerungen auch politisches Gewicht. Der 62-jährige Amar, der als Kind aus dem marokkanischen Casablanca nach Israel kam und seine religiöse Bildung in der litauischen Tiferet Zion-Jeschiwa in Bnei Brak erhielt, bildet gemeinsam mit seinem europäischstämmigen Amtskollegen, dem nationalreligiös-orthodoxen Rabbiner Yona Metzger, die religiöse Doppelspitze im Land. Die Orthodoxie ist in Israel von Staats wegen die dominierende religiöse Strömung, auch wenn nur circa 20 Prozent der jüdischen Israelis Teil der verschiedenen (ultra-)orthodoxen Gemeinden sind. Amars Brandbrief zum Monat Elul hat mehrere konkrete Anlässe. Einer davon ist die am 31. Juli geschlossene Promi-Ehe zwischen Chelsea Clinton, Tochter der Ex-US-Präsidenten Bill Clinton, und Marc Mezvinsky, Investmentbanker und Sohn des jüdischen Ex-Kongressabgeordneten Edward. Das Ereignis löste Empörung bei orthodoxen Juden weltweit aus. Grund: Die Ehe wurde interkonfessionell geschlossen. Nichts weist derzeit darauf hin, dass die christliche Clinton-Tochter zum Judentum übertreten wird. Mezvinsky, der junge Mann aus einflussreicher jüdischer Familie, sei somit, das schlussfolgern die orthodoxen Kritiker, auf bestem Weg in die Assimilation, ergo für das jüdische Volk verloren. Und da Mezvinskys «Mischehe» im US-Judentum kein Einzelfall, sondern in den letzten Jahren die Regel ist, sehen Orthodoxe die Verantwortung für den Verlust bei den Reformjuden und den konservativen Juden, deren Erziehung und Werte «Mischehen» überhaupt erst möglich machten. Von einer «spirituellen Schoa» sprach die israelische orthodoxe Zeitung «Yeted Neeman» deshalb im Zusammenhang mit der Mezvinsky-Clinton-Eheschließung. Es gibt auch tagespolitische Interessen, die den Oberrabbiner Anlass zu seinen Tiraden gaben. Im zwischen Säkularen, Nationalreligiösen und Ultraorthodoxen erbittert ausgefochtenen, innerjüdischen Kulturkampf um die Ausprägung der jüdisch-israelischen Gesellschaft wird aktuell ein Herzstück jüdischer Identität verhandelt - die Konversion. Die sogenannte «Rotem-Gesetzesvorlage», die Anfang des Jahres vom Knessetabgeordneten David Rotem von der ultranationalistischen Partei «Jisrael Beitenu» eingebracht wurde, sieht vor, lokalen Rabbinaten in Israel, also zumeist orthodoxen oder ultraorthodoxen Rabbinern, die Entscheidungsgewalt über Konversionen in Israel zu überantworten. Die anderen jüdischen Strömungen weltweit sehen darin die Gefahr, dass demnächst nur noch bei Orthodoxen Übergetretene in Israel als Juden anerkannt werden könnten. Eine Vertiefung der Spaltung zwischen Israel und der Diaspora wäre die Folge. Die Rotem-Gesetzesvorlage wird von nichtorthodoxen Gemeinden der USA bekämpft.
Gewalt gegen Nichtorthodoxe
Dass die Auseinandersetzung der Orthodoxen in Israel gegen andere jüdische Strömungen nicht nur rhetorisch ausgefochten wird, war erst Ende Mai zu beobachten. Da verwüsteten Unbekannte eine Synagoge der Reformgemeinde und eine der konservativen Gemeinde in Ra’anana. Im gleichen Monat wurde eine Frau aus dem konservativen Judentum in Beer-Schewa von einem ultraorthodoxen Mann auf offener Straße geschlagen, weil auf ihrem Arm Spuren von Gebetsriemen, Tefillin, zu sehen waren. Das religiöse Ritual des Tefillin-Anlegens ist Frauen im orthodoxen Judentum verboten. Der Brandbrief Amars zum Elul hat das Potential, die Aggressionen auf Israels Straßen weiter zu schüren. Noch gibt es nur wenige offizielle Antworten von Vertretern der angegriffenen Strömungen. So flieht sich Yizhar Hess, Geschäftsführer der konservativen Masorti-Bewegung in Israel, in Sarkasmus. Gegenüber der israelischen Tageszeitung «Jedijot Acharonot» sagte Hess Mitte August: «Rabbi Amar hat Recht. Die hunderte von Gemeinden der Masorti und des Reformjudentums im ganzen Land zeigen, dass das orthodoxe Monopol kollabieren wird. Nicht nur wegen seinem korrupten Tun, sondern vor allem, weil es in den Augen einer wachsenden Öffentlichkeit irrelevant geworden ist. Amars hasserfüllte Bemerkungen sprechen für sich selbst.» In den Onlineforen israelischer und US-amerikanisch-jüdischer Zeitungen schlagen derweil die Emotionen über Amars Worte hoch. Orthodoxe warnen vor dem Untergang des jüdischen Volkes, Gemäßigte vor einer israelischen Theokratie à la Iran. Ob der lautstarken Polemiken werden die Stimmen, die von «Gnade und Vergebung» sprechen, kaum gehört. Auch im Monat Elul.
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