Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Im Sog des DrogenkriegesNur ungern verlassen mexikanische Juden ihr angestammtes Viertel
Mexiko ist zum gefährlichsten Land Lateinamerikas geworden. Auch in der jüdischen Gemeinde sorgt das für Ängste und für einen Rückzug ins Private. Darunter hat auch das jüdische Sportzentrum zu leiden - die Nahtstelle des jüdischen Lebens in Mexiko. Elia Jamal zieht die Augenbrauen nach oben, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. «Wo sollen wir denn anders hin, um spazieren zu gehen. Hier in Polanco ist es sicher und am Shabbat dürfen die Frauen doch noch nicht mal eine Handtasche tragen», erklärt der 71-jährige Mann mit einem breiten Lächeln. Jeden Samstag ist der rüstige Rentner auf der Avenida Horacio unterwegs, um sich gemeinsam mit Familienangehörigen die Beine zu vertreten. Am oberen Ende der Straße befindet sich die Synagoge «Bet El». In dem parkähnlichen Grünstreifen, der die Verkehrsader in zwei Stränge unterteilt und sich über vier oder fünf Kilometer hinzieht, flanieren viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde Mexikos. Polanco gehört zu den reichen Vierteln im Zentrum der Hauptstadt. Schusssichere Kleidung wird hier genauso angeboten wie gepanzerte Luxuslimousinen. Und natürlich haben die Nobelmarken von «Dior» über «Cartier» bis «Bvlgari» gerade hier ihre Boutiquen eingerichtet. Diplomaten residieren hier, Unternehmer fädeln hier ihre Geschäfte ein und auch Mexikos Jet Set verkehrt in den Luxusrestaurants und vornehmen Diskotheken, die sich hier ebenfalls angesiedelt haben. Elia Jamal wohnt nicht weit von der Promeniermeile Avenida Horacio entfernt in einer der ruhigen Seitenstraßen, in denen sich sowohl alte Villen als auch moderne Apartmenthäuser finden. Eingewandert ist der Mann mit dem schlohweißen Haupthaar aus dem Libanon. «Ende der 1960er Jahre war das, Verwandte haben mich dazu animiert, weil die Perspektiven gut waren und weil man als Jude in Mexiko ruhig leben kann.» Etwas ruhiger als derzeit hätte es Jamal allerdings schon ganz gern. Die alltäglichen Schlagzeilen über neue Morde im Kampf zwischen den Drogenkartellen und mexikanischer Armee und Polizei machen dem Mann im dunklen Anzug durchaus zu schaffen. Das geht nicht nur ihm so, denn die blutigen Schlagzeilen sorgen genauso wie die durchaus gewöhnliche Kriminalität nicht gerade für optimistische Stimmung in der jüdischen Gemeinde.
Latente Unsicherheit Sie ist ein gesellschaftliches Phänomen. Das gibt auch Mauricio Lulka vom Zentralkomitee der jüdischen Gemeinde zu. «Natürlich geht die zunehmende Unsicherheit genauso wie die hartnäckige wirtschaftliche Krise in Mexiko auch an uns nicht spürbar vorbei. Allerdings ist die Sicherheitslage in der Hauptstadt noch relativ gut. Mit Städten wie Ciudad Juárez oder Tijuana ist das doch nicht zu vergleichen», betont Lulka und fährt sich nachdenklich mit der flachen Hand über den grauen Schnauzer. «Alle Mexikaner machen sich Sorgen um die Zukunft des Landes, da bildet die jüdische Gemeinde keine Ausnahme.» Die zählt rund fünfzigtausend Mitglieder, von denen neunzig Prozent im Großraum von Mexiko Stadt leben. Dort befinden sich 28 der insgesamt 32 Synagogen, die von der jüdischen Gemeinde Mexikos unterhalten werden. Die ist gut vernetzt. Seit Ende der neunziger Jahre bekannte Mitglieder der Gemeinde in den Fokus der Kriminalität gerieten, gibt es auch exzellente Kontakte zu den Sicherheitskräften. «In jenen Jahren hatten wir es noch mit mehr als einem Dutzend von Entführungsfällen von Juden zu tun», erklärt Lulka. Entgegen dem allgemeinen Trend ist es dem Zentralkomitee jedoch gelungen gemeinsam mit der Polizei effektiver gegen Entführungen und Überfälle vorzugehen. «Wir arbeiten eng mit den Sicherheitskräften zusammen, zeigen direkt an und so ist es zu einer ganzen Reihe von Festnahmen gekommen, wodurch potentielle Täter abgeschreckt werden», erklärt Lulka mit zufriedener Stimme. Für Sicherheitsfragen gibt es seitdem eine Gruppe von Spezialisten im Zentralkomitee der jüdischen Gemeinde – ein wichtiger Anlaufpunkt für Mitglieder der Gemeinschaft, auch wenn gegen die generelle Unsicherheit, die ökonomische Krise und den Mangel an Perspektiven kein Kraut gewachsen ist. Das Zentralkomitee ist die Dachorganisation der zehn jüdischen Gemeinschaften Mexikos und repräsentiert die Gemeinde nach außen. Zu den Gemeinschaften gehört auch das Centro Deportivo Israelita, das jüdische Sportzentrum, wo viele Stränge des Gemeindelebens zusammenlaufen. Das weitläufige Areal liegt am Rande des Stadtzentrums, wo nicht nur ein breites Sport- sondern auch ein vielfältiges Kulturangebot auf die Mitglieder wartet. Tanz- und Theaterveranstaltungen gibt es genauso wie eine Bibliothek, Internetarbeitsplätze und Betreuung für die Kleinsten. Von Fußballplätzen, dem Schwimmbad, Tennisfeld- und Squashhalle sowie Trainings- und Turnsälen erst gar nicht zu reden. «Ein vielfältiges Angebot, das von großen Teilen der Gemeinde fleißig genutzt wird», erklärt Mauricio Levy Tacher mit einem stolzen Lächeln. Er ist der Chef über das zehn Hektar große Areal in bester Lage. Außen haben die Polizisten es im Blick und innen wacht der private Sicherheitsdienst. Ohne Ausweis- und Rucksackkontrollen läuft hier nichts und die hohen Mauern sind mit rasiermesserscharfen Drahtbarrieren gesichert. Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sinkt die Zahl der Mitglieder im Zentrum. «Wir leiden unter der Wirtschaftskrise, die auch viele Gemeindemitglieder arbeitslos gemacht hat, und unter dem Wachstum von Mexiko Stadt», erklärt Tacher hinter seinem Edelholzschreibtisch im zweiten Stock des Verwaltungstraktes. Die Entfernungen zwischen Wohnviertel und Sportstätte werden so mancher Familie zu weit. Kleine dezentrale Sportanlagen für und von Juden machen dem Centro Deportiva Israelita zunehmend Konkurrenz, denn im Stadtverkehr vom einen Ende der Stadt zum anderen zu fahren ist nicht jedermanns Sache. «Dabei ist der Sicherheitsaspekt nur ein Faktor, vielen dauert es schlicht zu lange», erklärt Direktor Tacher. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit, wie eine Mutter, die ihre beiden Söhne gerade zum Fußballtraining gebracht hat, bestätigt: «In unsicheren Zeiten nimmt die Zahl derjenigen zu, die auf kurze Wege setzen», erklärt die attraktive Frau und eilt ins Café zu einer Verabredung. Sie nutzt das Training, um sich mit einer Freundin zu treffen: auch dafür ist das Sportzentrum ein idealer Rahmen. Cafés, Restaurants und auch Ausstellungsräume finden sich im Centro, wo auch die wichtigsten Feierlichkeiten der jüdischen Gemeinde begangen werden. Auch ein Grund, weshalb das Zentrum heute immer noch rund 16.000 Mitglieder hat.
Gemeinde wird religiöser Vor zwei Jahren waren es noch zweitausend mehr. Das liegt auch an den Mitgliedsbeiträgen, die mit 2.200 Peso, umgerechnet rund 130 Euro, pro Familie für die Verhältnisse hierzulande nicht gerade knapp bemessen sind. Mit Preisabschlägen versucht der Direktor alte Mitglieder zu halten, die nun mehr aufs Geld schauen müssen. Doch nicht nur deshalb ist die Attraktivität des Centro innerhalb der Gemeinde rückläufig. Die Gemeinde wird auch religiöser, erklärt Reneé Dayán-Shabot: «Der Anteil der Orthodoxen steigt, die Religion hat einen wachsenden Stellenwert», so die Direktorin der «Tribuna Israelita». Hinter dem irreführenden Namen verbirgt sich keine Zeitung, sondern die Organisation, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde kümmert, Kulturveranstaltungen ausrichtet und Kontakte mit den mexikanischen Institutionen hält und pflegt. Von Jahr zu Jahr wächst der Anteil der orthodoxen Mitglieder innerhalb der jüdischen Gemeinde. Die Hinwendung zur Religion ist dabei durchaus auch ein Reflex auf die unsichere Großwetterlage in Mexiko, so Reneé Sayán-Shabot. In den Straßen Polancos kann man das sehen, denn Kinder und Halbwüchsige mit Kippa sind dort keine Seltenheit mehr und immer mal wieder stehen zwei oder auch drei elegante Männer mit gepflegten Bärten und schwarzen Hüten vor irgendeinem Geschäft oder irgendeiner Botschaft und unterhalten sich angeregt. Vollkommen normal in Polanco. Dort schlägt das Herz des jüdischen Lebens Mexikos. Eli Jamal verlässt den Stadtteil indes nur noch, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Alles andere ist ihm zu unsicher…
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