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Süßes auf PumpDer Klimawandel gräbt dem Nahen Osten das Wasser ab
Dass das Eis der Polkappen schmilzt und die Ozeane zunehmend übersäuert sind, kümmert Deutsche und Israelis gleichermaßen wenig. Nachdenklich sollte jedoch stimmen, dass dies nachweislich mit einer rapiden Erwärmung des globalen Klimas zusammenhängt. Und dass daran der wohlhabende Teil der Menschheit die Hauptschuld trägt. Falls die Reicheren dieser Welt nicht umgehend aufhören, die Luft mit Treibhausgasen zu verpesten, wird die Temperatur auf dem Globus in wenigen Jahren spürbar weiter steigen. Das mag Deutsche von der Toskana auf der heimischen Terrasse träumen lassen, wahrscheinlicher ist aber, dass heftige Orkane dann Dachziegel in die Vorgärten wehen werden. Und an der Küste müssen die Deiche angehoben werden, weil der Meeresspiegel ansteigt. In Israel wie in den Nachbarländern Afrikas und des Nahen Ostens jedoch wird der Klimawandel noch mehr Hitze und Trockenheit bringen. Die knappe Ressource Trinkwasser wird damit knapper denn je. Offen ist, ob und zu welchem Preis in 20 oder 50 Jahren das süße Wasser noch zu haben ist. Das sind Perspektiven, auf die ein Expertengremium der Vereinten Nationen in den ersten Monaten dieses Jahres die Augen der Weltöffentlichkeit gelenkt hat. Zwei Teile seines alarmierenden Berichts hat das «Intergovernmental Panel on Climate Change» (IPCC) bereits vorgelegt. Der dritte Teil folgt jetzt im Mai. Er soll Strategien für die Vermeidung der prognostizierten Katastrophen enthalten, auch wenn es schon «fünf nach 12» ist.
Debatten stehen an Welche Wirkung der meteorologische Großalarm hat, wird sich bald zeigen. Vor allem die Staaten Europas sehen dringenden Diskussions- und Handlungsbedarf. Der scheidende französische Staatspräsident fordert eine weltweite Deklaration und spricht von der Gefahr eines «globalen Umweltkrieges». Ausgerechnet die USA, die am meisten CO2 und Methangas in den Äther schicken, spielen die Bedeutung des Reports herunter, unisono mit Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien, die dabei sind, in die Erste Liga der Umweltverschmutzer und Ressourcenverbraucher aufzusteigen. Die Vereinten Nationen drängen, 2009 ein neues Klimaschutzabkommen zu unterschreiben. Dann bleibt nach den Angaben des IPCC-Berichts nur ein knappes Jahrzehnt, um ein unwiderrufliches Kippen des Klimas noch zu vermeiden. Der Problemkatalog reicht von der raschen Entwicklung regenerativer Solarenergie, über eine von manchen Seiten geforderte Verlängerung der Nutzung CO2-freier Atommeiler bis zur Durchsetzung eines sparsameren Umgangs mit Wasser, Öl, Holz und Kohle. Fest steht, dass der Klimawandel auf der Tagesordnung des G8-Gipfels Anfang Juni in Heiligendamm in den Vordergrund rücken wird. Noch im Januar sollte die Klimaentwicklung für die Wirtschaftsriesen unter «Verschiedenes» abgehandelt werden.
Die Quellen des Jordan Bekannt ist, dass das Klima sich nicht um Landesgrenzen schert, auch wenn es auf der Wetterkarte der Tagesschau so scheinen will. Und in Israel sind manche Grenzen ohnehin umstritten. «Es ist unerlässlich, dass die Wasserressourcen, von denen die Zukunft des Landes abhängt, nicht außerhalb der Grenzen der künftigen jüdischen Heimstätte liegen», schrieb David Ben Gurion schon 1973. Sechs Jahre zuvor hatte Israel sich im Sechs-Tage-Krieg den Zugriff auf das Wasser des Jordan und das Grundwasser im Bergland von Judäa und Samaria gesichert. Bis dahin lagen die Quellflüsse des Jordan mehrheitlich jenseits der Grenzen Israels: Nur der Dan entspringt auf israelischem Boden in den Grenzen vor 1967. Er hat die größte Quelle, um die sich eine üppige Vegetation gebildet hat. Der Hazbani hat seine Quelle am Hermon-Berg im Südlibanon nahe dem auch von Syrien beanspruchten Gebiet der Scheeba-Farmen. Für Israel, das den Golan im Krieg besetzt hat, gilt hier seit 1981 israelisches Recht. Der Banias, wie der Dan von einem Naturschutzgebiet umwuchert, tritt auf den bis dato syrischen Höhen zu Tage. Viele Strategen Israels, die vor einer Rückgabe der Golanhöhen an den Feind im Norden warnen, denken heute nicht mehr an das potentielle Stationierungsgebiet für Abschussrampen, sondern an die Möglichkeit, Israel könne dort sein lebenswichtiges Wasser abgegraben werden. In der Huleebene, auf israelischem Grund, fließen die drei Flüsse zum Jordan zusammen. Südlich des Sees Genezareth strömt noch der Jarmuk ins Jordan-Becken. Er ist zuerst Grenzfluss zwischen Jordanien und Syrien, später zwischen Jordanien und Israel. Mit Billigung Israels bauen die Syrer und Jordanier zurzeit einen gemeinsamen Staudamm, der ihnen bis zu 110 Millionen Kubikmeter Wasser reservieren soll. Wasser ist in Israel ein kostbares Gut. Im Norden regnet es rund 1000 mm Niederschlagshöhe pro Jahr, an der Südspitze sind es durchschnittlich weniger als 30 mm. Von den 5 Milliarden Kubikmetern Regenwasser verdunsten 60 Prozent in der Hitze, fünf Prozent fließen ins Mittelmeer. Im Schnitt 1,7 Milliarden füllen das Grundwasser und die Flüsse wieder auf. Mehr als die Hälfte des Wasserverbrauchs - Tendenz abnehmend - fließt nach Statistiken des staatlichen Wasser-Netzes Mekorot der Landwirtschaft und ihren Bewässerungssystemen zu. Von fünf auf sieben Prozent ist der Verbrauchsanteil der Industrie gewachsen, am steilsten steigt die Verbrauchskurve im Privatkonsum. Der israelische Durchschnittsverbraucher nutzt nach mehreren Internet-Informationen täglich an die 300 Liter, fast zwei Badewannen. Die Nachbarn in Jordanien müssen mit 120 Litern auskommen, die Bewohner der Palästinensischen Gebiete erhalten mit 60 bis 80 Liter die geringste Menge. Die Botschaft Israels bestreitet solche Zahlen energisch und erklärt, dass die Bürger Israels allenfalls zweieinhalb Mal soviel Wasser verbrauchen wie die Palästinenser. Was an Frischwasser nach der Nutzung der Flüsse fehlt, wird den Grundwasser in den Bergen und an der Meeresküste abgepumpt, aus Abwasser recycelt oder durch Entsalzung gewonnen: Verfahren, die im ersteren Fall an die Substanz gehen oder aufwändig und teuer sind. Steigender Lebensstandard der Israelis und zunehmende Erderwärmung lassen den Wasserverbrauch wachsen und den Wasserspiegel des Sees Genezareth bedrohlich sinken. Dort werden jährlich rund 520 Millionen Kubikmeter Süßwasser abgepumpt, mehr als ein Drittel der in Israel verbrauchten Wassermenge. Der See ist in den letzten Jahren mehrmals unter die «rote Linie» von 217 Metern unterhalb des Meeresspiegels gesunken. Damit bleibt vom Jordan, der aus dem See zum Toten Meer weiter fließt, oft nur noch ein Rinnsal. Das abflusslose Meer ist in den letzten 25 Jahren jeweils um etwa einen Meter tiefer gesunken. Seine Oberfläche, auf der Touristen im Salzwasser treibend die Zeitung lesen können, lag im Sommer 2006 bei minus 416 Metern, dem tiefsten Loch der Erdoberfläche. Der Südteil des Meeres, der heute der Salzgewinnung dient, ist bereits vom Nordteil abgetrennt und droht völlig auszutrocknen. Mit einer besonderen Strategie zum Wassersparen haben sich jetzt die «Friends of the Earth Middle East» (FoEME) zu Wort gemeldet. Die israelisch-palästinensisch-jordanische Initiative setzt sich massiv für den Ausbau des Tourismus am Toten Meer ein. Dieser soll die Landwirtschaft, die trotz Rückgang noch zu den Hauptverbrauchern von subventioniertem Wassers zählt, weiter schwinden lassen. Israel als Land mit trockenem Klima müsse sich mit Früchten nur selbst versorgen und keinen Export betreiben. Günstiger für den Wasserverbrauch wie für die Handelsbilanz sei ein ökologisch angepasster Urlaub in kleinen Bed-and-Breakfast-Anlagen, in denen die Touristen für den Badespass und ihr Tafelwasser zahlen. Nicht nur der ungleiche private Verbrauch erzeugt laut Gidon Bromberg, dem israelischen FoEME-Geschäftsführer, Spannungen. Sein palästinensischer Kollege Nader Al Khateeb fordert für das Gebiet am Toten Meer einen «integrierten Management-Plan». Überdies müsse das untere Jordan-Tal, das früher jährlich 1,3 Milliarden Kubikmeters in das Meer gebracht habe und jetzt fast ausgetrocknet ist, von der UNESCO zum Weltnatur und -kulturerbe erklärt werden. Tourismus müsse konsequent nachhaltig betrieben werden, dürfe also nicht mehr an Wasser und Natur verbrauchen, wie gleichzeitig zufließen und nachwachsen. Dass die Anrainer auf dem Verhandlungsweg einen Krieg um Wasser vermeiden können, ist bewiesen. Israel hat sich beispielsweise schon bei den Friedensverhandlungen mit Jordanien im Jahr 1994 und ein Jahr später im Oslo-Prozess mit der PLO auf Vereinbarungen geeinigt. Am 24. September 1995 unterzeichneten Jitzchak Rabin und Jassir Arafat im ägyptischen Taba das zweite Autonomieabkommen. Vier Tage später wurde es in Washington vor der Weltöffentlichkeit bekräftigt. Zur Übereinkunft gehörte die Bildung eines gemeinsamen Wasserkomitees. Israel versprach, die jährliche Wasserversorgung palästinensisch bewohnter Gebiete um 28 Millionen Kubikmeter zu erhöhen - eine Zusage, die bis heute gilt, aber eben nicht alle Ungleichheiten beseitigt.
Kann die Wissenschaft helfen? Fundierte Lösungen versprechen sich Optimisten von «GLOWA Jordan River-Project», einem deutschen Forschungsprojekt über den globalen Wasserkreislauf in der nahöstlichen Region. Das Ziel ist, gemeinsame Wege der Nachbarländer für die nachhaltige und vorausschauende Bewirtschaftung von Wasser zu finden. Die Wissenschaftler sollen sicherstellen, dass alle Beteiligten zur rechten Zeit die notwendige Menge an Wasser in guter Qualität erhalten. Um dieses Ziel zu erreichen, untersuchen sie - anders als die IPCC-Experten im Weltmaßstab - die Veränderungen des Klimas und der Niederschläge und wie sie sich in dieser Region auswirken. Dazu beobachten sie auch den Einfluss der Landnutzung auf den Wasserhaushalt. Und drittens ziehen sie Schlussfolgerungen für die Vorratshaltung von Wasser und die Lösung von Nutzungskonflikten. Die Koordination des Projektes, das unter dem Stichwort GLOWA auch die Wasserprobleme anderer Regionen untersucht, liegt bei Katja Tielbörger, die es von der Universität Potsdam mit zu ihrer Professur an die Abteilung Vegetationsökologie der Universität Tübingen nahm. Es kooperieren 37 Universitäten und Forschungsinstitute in Israel, in den palästinensischen Autonomiegebieten, in Jordanien und Deutschland. Während der ersten drei Jahre bis 2005 wurde die Forschung mit 3 Millionen Euro von der deutschen Regierung gefördert. Die aktuellen Zwischenergebnisse der zweiten Stufe des Jordan-Projekts werden jetzt vom 25. bis 27. Juni im schwäbischen Herrenberg diskutiert. Katja Tielbörger unterstrich schon zu Beginn der Forschungsarbeit, dass Wasser schon immer zu den wichtigsten Ressourcen für Mensch und Natur gezählt habe. Nicht zuletzt deshalb sei Israel zu einem der wichtigsten Exporteure für Wasser sparende Technologien, wie beispielsweise der berühmten Tröpfelbewässerung in der Landwirtschaft, geworden. Die Universität Potsdam beschrieb den Projektstart 2002 so, als habe man bereits die Offenbarung des Klimawandels im Jahr 2007 geahnt: «Alle Anrainerstaaten des Jordan leben, was die erneuerbaren Wasserressourcen angeht, bereits seit Jahrzehnten auf Pump. Hinzu kommt, dass das Bevölkerungswachstum eines der höchsten in der Welt ist. Klimatische Veränderungen könnten die Situation noch verschlechtern. Bisher ist noch viel zu wenig bekannt, wie sich Klimaveränderungen in Kombination mit sozioökonomischen Prozessen auf die Verfügbarkeit von Wasser auswirken.» |