Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() 125 Jahre Jüdische Gemeinde in Chemnitz: Ein Blick zurück
Ihrer Konstituierung war ein länger als zwölf Jahre währender Prozess vorausgegangen, der von vielen inneren Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten, insbesondere mit den Landesbehörden begleitet wurde – doch dann war es soweit: Die Jüdische Gemeinde Chemnitz entstand vor 125 Jahren als Religionsgemeinschaft mit öffentlich-rechtlichem Status. Erst 1867/68 hatten jüdische Kaufleute ihren Wohnsitz dauerhaft nach Chemnitz verlegt. Julius Simon wurde im Frühjahr 1868 Prokurist eines Herrenbekleidungsmagazins am Markt und später in der «Jüdischen Zeitung für Mittelsachsen» voller Hochachtung als der «erste in Chemnitz ansässig gewordene Jude» bezeichnet. Bereits fünf Jahre später hatten sich 98 jüdische Kaufleute mit ihren Familien in der Stadt angesiedelt. Sehr schnell konnte nun eine Gruppe von zehn erwachsenen jüdischen Männern gebildet werden, die nötig war, um eine Betgemeinde gründen zu können. Das religiöse Leben spielte sich zunächst in der Wohnung von Abraham Dresel ab, dem «Nestors der Chemnitzer Juden». Schon 1872/73 «setzte eine Bewegung zur Konstituierung einer Gemeinschaft ein», wie sich Rabbiner Hugo Fuchs 60 Jahre später ausdrückte. Insgesamt wandten sich 22 Familienvorstände mit einem entsprechenden Antrag an die Behörden, in dem sie ihren Wunsch zum Ausdruck brachten, eine «Kehillah», zu deutsch: eine Gemeinde, zu gründen. Bereits am 12. Dezember 1873 wurde von den Befürwortern einer Gemeindegründung der Entwurf eines Statuts vorgelegt. Einige Punkte blieben jedoch strittig, etwa Mitgliedschaft und Steuern. Dennoch konstituierte sich am 28. Mai 1874 ein «Provisorischer israelitischer Verein». Das eigentliche Ziel war damit zwar noch nicht erreicht worden, im Selbstverständnis der Chemnitzer Juden nahm mit dieser Vereinsgründung jedoch die Geschichte der Gemeinde ihren Anfang. Denn nur so ist es zu verstehen, dass sie am Chanukkafest 1900 «das 25-jährige Bestehen der Gemeinde» feierten. Träger der rituellen Veranstaltungen blieb bis zur endgültigen Gemeindegründung vorerst der Verein, der 1876 den Namen «Israelitische Religionsgemeinde« angenommen hatte. Ein jüdischer Lehrer wurde angestellt: Simon Lewin, seit 1877 israelitischer Kultusbeamter, setzte all seine Kraft ein, «den wahrhaften Gottesglauben» in der israelitischen Jugend der Stadt zu festigen und brachte eigens zu diesem Zweck 1880 ein «Handbüchlein der jüdischen Liturgik» im Eigenverlag heraus. Bis Anfang 1880 bildeten sich dank des Engagements einzelner jüdischer Familien feste Strukturen im religiösen Leben der Chemnitzer Juden heraus, so wurde ein zweiter Anlauf zur Bildung einer öffentlich-rechtlichen Religionsgemeinde genommen. Am 28. September 1880 wurde jedoch vorerst im Genossenschaftsregister der Stadt nur der bestehende Verein eingetragen. Erst der dritte Versuch führte zum Ziel. Nachdem das erneut veränderte Statut am 12. Oktober 1885 vom Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts in Dresden bestätigt worden war, konstituierte sich am Abend des 19. November 1885 die «Israelitische Religionsgemeinde zu Chemnitz». Insgesamt 83 von über 500 hier ansässigen Chemnitzer Juden waren dem Aufruf des noch provisorischen Gemeindevorstandes gefolgt und trugen sich als Mitglieder ein. Die nächste Zäsur in der Gemeindeentwicklung ergab sich infolge des am 10. Juni 1904 erlassenen «Gesetzes die Israelitischen Religionsgemeinden betreffend». Die jüdischen Gemeinden im Königreich Sachsen wurden zwar nun Körperschaften des öffentlichen Rechts, die verfassungsmäßigen Rechte der christlichen Konfessionen standen ihnen jedoch noch nicht zu. Dennoch bedeutete das Gesetz einen Fortschritt, wurden die Israelitischen Gemeinden, wie Rabbiner Fuchs bemerkte, «doch als Faktor des öffentlichen Lebens» behandelt. Ihre Rechte, wie die aller israelitischen Religionsgemeinden, wurden nach der NS-Machtübernahme systematisch eingeschränkt, ihre Mitglieder verfolgt und vertrieben. Durch das «Gesetz über die Rechtsverhältnisse der jüdischen Kultusvereinigungen» vom 28. März 1938 verlor die Gemeinde rückwirkend sogar den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. An ihrer statt musste im Oktober 1939 eine gleichnamige «Jüdische Kultusvereinigung» gebildet werden, die jedoch nur noch ein eingetragener Verein war. Die «Rumpfgemeinde» bestand bis Anfang 1942, bevor sie zu einer Verwaltungsstelle der «Reichsvereinigung der Juden in Deutschland» wurde. Ab Mai 1942 wurden auch die Chemnitzer Juden nach Osten deportiert. Nach der Auflösung der Reichsvereinigung im Juni 1943 hielten nur noch wenige «Vertrauensmänner» einer «Neuen Reichsvereinigung» im offiziellen Auftrag der Geheimen Staatspolizei den Kontakt zu den noch in den Städten verbliebenen Juden. Der Arzt Dr. Adolf Lipp wurde Vertrauensmann in Chemnitz und führte diese schwierige Tätigkeit auch noch nach dem Ende der NS-Diktatur bis August 1945 fort. Im September 1945 wurde die Jüdische Gemeinde Chemnitz als Rechtsnachfolgerin der aufgelösten Israelitischen Religionsgemeinde gegründet. Diese Gemeinde erweckte anfangs in der Öffentlichkeit sicherlich noch den Eindruck eines Provisoriums. Sie wollte aber weder als «Gemeinde auf Zeit» noch als «Liquidationsgemeinde» angesehen werden, die bis zu ihrer späteren Auflösung allein karitativ tätig wäre und nur Möglichkeiten zur Religionsausübung böte. Die meisten ihrer Mitglieder hatten sich bewusst für den Verbleib in Sachsen entschieden und nur wenige hatten die Absicht, möglichst bald das Land zu verlassen, um sich im Ausland eine neue Heimat zu schaffen. So vertrat die Gemeinde in der Folgezeit nicht nur die Interessen der jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die in den Grenzen des 1904 festgelegten Gemeindebezirkes wohnhaft waren, sondern auch die Belange der sich zum Judentum bekennenden Bürger im späteren Bezirk Karl-Marx-Stadt – alles in allem etwa 30 Menschen. Nach der politischen Wende der Jahre 1989/90 erfuhr das jüdische Leben in der Stadt Chemnitz eine unerwartete Wiedergeburt, die zum Entstehen der heutigen Jüdischen Gemeinde mit einer Neuen Synagoge und derzeit 666 Mitgliedern führte.
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