Klimakatastrophe, Energiekrise – kein Problem?

Abgase zu Benzin und Atommüll zu sauberem Strom. Das versprechen neue Technologien aus Israel

 

Verbrennung von Öl oder Benzin führt zu Abgasen, doch nun sollen Abgase zu Öl werden und das mit Hilfe von mikroskopisch kleinen Algen. Schon sprechen israelische Zeitungen vom «Weg aus der Energiekrise» und der «Rettung des Klimaschutzes». Vor Kurzem hatte die israelische Firma «Seambiotic Ltd.» auf einer Konferenz zu Meeresbiologie in Eilat eine Technologie vorgestellt, nach der sich Öl aus Algen gewinnen lässt, die speziell durch die Kohlendioxid-Emission von Kraftwerken genährt werden. In der Fachliteratur galt dies bislang wegen der hohen Schadstoffbelastung der Kraftwerkschwaden als unmöglich. Die Forscher von Seambiotic haben offensichtlich einen Weg gefunden, die Abgase durch Filter zu leiten und somit zu «Dünger» für die Algen werden zu lassen. Wo andere Organismen eingehen, gedeiht die seltene mediterrane Algenart und wächst gleich millionenfachen heran. Die Algenbecken befinden sich mehrere hundert Meter vom Kraftwerk entfernt und sind mit Kühlungswasser der Turbinen gefüllt. «Wir kriegen Kohlendioxid kostenlos und die Kraftwerke reduzieren ihren Ausstoß», freute sich Seambiotic-Chef Aaron Bachar in der Tageszeitung «Haaretz» und meldete in den USA gleich das Patent für die Erfindung an. Der Bezug der Abgase kann somit die Produktionskosten senken. Ein Kilo Öl aus fünf Kilo Algen - so soll die Bilanz der Algenzüchterei aussehen. Damit werde sie zu einer extrem preisgünstigen Rohstoffalternative und tauglich für die kommerzielle Nutzung, so Seambiotic. Zudem seien Algen ein Rohstoff, dessen Nutzung nicht in andere Märkte eingreift. Für alternative Energieproduktion genutztes Getreide oder anderer landwirtschaftliche Produkte ließen deren Preise auf dem Lebensmittelmarkt unweigerlich steigen. Die Firma entwickelte die experimentelle Algenzuchtplantage vor drei Jahren nahe dem Ashkelon Kraftwerk in Kooperation mit der Israel Electrical Cooperation.

Am Institut für Meeresbiologie der Universität Kiel hegt man Zweifel an der Umsetzbarkeit. «Öl aus Algen, um dann wieder zu verbrennen - das ist sicherlich der falsche Weg», meint Pressesprecher Andreas Villwock. Käme es zur massenhaften Züchtung von Algen im Meer, bliebe dies nicht ohne gravierende Folgen auf die Lebenswelt im Meer.

Auf einigen Unglauben stieß auch die Entdeckung, bei der radioaktiver Müll in sauberen Strom verwandelt werden soll - so lautete zumindest eine weitere sensationelle Meldung zu progressiver Umwelttechnik aus Israel. Die Firma Environmental Energy Resources (EER) hat einen Reaktor erarbeitet, der leicht- bis mittelschwer verseuchten radioaktiven Müll in inaktive Nebenprodukte wie Gas und Strom verwandelt. Lediglich durch die Gesetze der Natur was Energie und Masse betrifft und ohne negative Nebenwirkungen auf Boden und Wasser in Reaktorumgebung. Funktionieren soll sie nach einer «plasma gasification melting technology», eine Zusammenarbeit zweier Wissenschaftsinstitute in Russland und dem Technion in Haifa. Bereits seit 20 Jahren feilt man dem Unternehmen in Russland zufolge an der Technologie, die hohe Temperaturen und geringe radioaktive Energie kombiniere. Bis zu 7.000 Grad Celsius sind dabei im Spiel, doch verbrannnt wird nichts, so betont die Firma. Zunächst werde der Müll getrennt, Karbon in gasförmigen Zustand verwandelt, in einem Vakuum konserviert und gereinigt. Mit dem Gas werden Turbinen betrieben. 70 Prozent des erzeugten Stroms konsumiert das System selbst, jedoch, überschüssige 30 Prozent lassen sich auf dem regulären Strommarkt handeln. Nichtorganische Bestandteile werden zu solidem Material geschmolzen, das sich für Gebäude und Straßenbau eigne. Technologie und Beiprodukte stellte kürzlich der Vorstandsvorsitzende der finanzierenden Investmentfirma, Jitzchak Shrem, bei einer Pressekonferenz vor. Einen dunklen Brocken Endmaterials vor sich auf dem Tisch, wurde er von den Journalisten mit gebührender Skepsis betrachtet. Generiert wurde dieser in einem vor bereits vier Jahren konstruierten Pilotreaktor, den das Unternehmen bei Karmiel betreibt. Von 500 bis zu 1.000 Kilogramm Müll könne die Anlage pro Stunde verwandeln, so das Unternehmen.

Der Markt für die Abfallbeseitigung ist weltweit vielversprechend. Wer hat nicht alles radioaktiven Müll produziert und dies über Jahre - vornan produzierte die internationale Waffenindustrie kontaminiertes Gerät und vergiftete Böden. Laboratorien, Kraftwerke, medizinische Einrichtungen schließen sich an. Allein in Amerika, so die Information des Israelischen Auswärtigen Amtes, werde der diesjährige Markt für Abfallbeseitigungstechnologien auf 5,5 Billionen Dollar geschätzt. Aber auch das radioaktive Erbe der ehemaligen Sowjetunion wartet darauf, fachgerecht entsorgt zu werden. Hinzu kommt, dass es die Baseler Konvention zum grenzüberschreitenden Transport gefährlicher Abfallstoffe, den Ländern der Ersten Welt schwer macht ihren Müll in Ländern der Dritten Welt abzuladen. Diese sind daher gezwungen, über Lösungen vor Ort nachzudenken. Nach Angaben der Betreiberfirma EER ist die «plasma gasification melting technology» eine extrem konkurrenzfähige Entsorgungsalternative zu üblicher Verarbeitung oder Lagerung - genau zehnmal preisgünstiger. Das klingt bei bisherigen Kosten im fünfstelligen Bereich für eine Tonne entsorgtem Nuklearmüll geradezu phantastisch.

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», Mai 2007