Meckern künftig ohne Proirität

Im neugewählten Präsidium des Zentralrates der Juden steht die Integration der Zuwanderer auf dem Programm

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat seit dem 28. November ein neu gewähltes, neunköpfiges Präsidium. Drei Mitglieder wurden von der Ratsversammlung direkt gewählt, sechs wurden durch das im Anschluss tagende Direktorium bestimmt. Das Präsidium konstituierte sich dann unverzüglich im Frankfurter Gemeindezentrum und wählte den Volkswirtschaftler und Währungsexperten Dieter Graumann, bislang Vizepräsident, zum neuen Präsidenten.

Der Nachfolger von Charlotte Knobloch ist so alt wie der 1950 gegründete Zentralrat. Er will zwar nicht auf kritische Stellungnahmen gegen Antisemitismus oder überzogene Israel-Kritik verzichten, wohl aber die organisierten Juden Deutschlands «aus der Meckerecke» herausführen. Stattdessen möchte er ein modernes und dem bunten Leben zugewandtes Judentum präsentieren.

Gern formuliert der Präsident, dass es jetzt darum gehe, «Köpfe und Herzen der Jugend» zu gewinnen. Zu den Vokabeln, mit denen er Jüdischkeit beschreibt, gehören «putzmunter ausgelebte Tradition» oder «Judentum ist eine Infusion der Stärke». Damit setzt sich Graumann deutlich in Stil und Inhalt von seiner Vorgängerin Charlotte Knobloch ab, der er an diesem Tag des Wechsels mit großem und anhaltendem Beifall Dank sagte für ihre vierjährige Präsidentschaft mit «Herz, Seele und Verstand».

Dieter Graumann bekam 1950 zur Geburt in Ramat Gan den Vornamen David. Seine Eltern hatten die NS-Zeit in Deutschland überlebt und waren nach dem Krieg als Displaced Persons von Frankfurt nach Israel ausgereist, kehrten aber bereits nach 18 Monaten, gemeinsam mit Sohn David, zurück. Dieser ging in Frankfurt und in der Schweiz zur Schule, studierte in London und wiederum in der Main-Metropole, wo er heute eine Liegenschaftsverwaltung betreibt. Er gehörte seit 2001 dem Präsidium des Zentralrats an, seit 2006 als Vizepräsident. Amtsvorgänger der von Graumann abgelösten ersten Präsidentin waren Heinz Galinski (1954–1963 sowie 1988–1992), Herbert Lewin (1963–1969), Werner Nachmann (1969–1988) sowie der von Graumann hoch geschätzte Ignatz Bubis (1992–1999) und Paul Spiegel (2000–2006).

Einer der beiden Vizepräsidenten bleibt Dr. Salomon Korn, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Gemeinde. Der 67-Jährige stammt aus Lublin und ist Architekt und Soziologe. Der mehrfach geehrte Autor erhielt vom Land Hessen für seine Verdienste zum Thema «Erinnerung» den Professorentitel verliehen. Er wurde mehrmals für die Wahl zum Zentralratspräsidenten vorgeschlagen, lehnte aber eine Kandidatur ab.

Als zweiter und neuer Vizepräsident wurde der Würzburger Gemeindevorsitzende Josef Schuster gewählt, der 1954 in Haifa geboren wurde. Der Internist ist Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und hat im vergangenen Jahr beispielsweise engagiert gegen den Augsburger Bischof Walter Mixa Stellung bezogen, als dieser den Holocaust relativiert hatte.

Die Zusammensetzung des neuen Präsidiums verhält sich umgekehrt proportional zur ganz überwiegend aus den GUS-Staaten stammenden Mitgliedschaft der jüdischen Gemeinden. Diese sind nun erstmals personell im Präsidium vertreten durch Küf Kaufmann, den im russischen Marx geborenen Autor und Regisseur, Kabarettisten und Cartoonisten. Kaufmann kam 1991 nach Deutschland. Er gehört dem Gemeindevorstand in Leipzig und auch dem Präsidium des Landesverbandes Sachsen an.

Dass die Juden aus Osteuropa an der Spitze des Zentralrates der Juden in Deutschland trotz der Wahl von Kaufmann noch deutlich unterrepräsentiert sind, ist dem neuen Präsidenten Graumann durchaus bewusst. Er warnte deshalb in ersten Interviews vor «Quoten-Denken» und unterstrich, es komme nicht so sehr darauf an, woher jemand stamme, sondern was er tue. In der Tat sei es nicht das Ziel des Zentralrats, die russischen Traditionen der Zugewanderten zu konservieren, sondern sie in den Prozess der Integration stärker einzubeziehen.

Weitere Mitglieder im Präsidium sind Mark Dainow, Stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Hessen, Johann Schwarz, Vorsitzender in Krefeld, Hanna Sperling, Vorsitzende des Landesverbands Westfalen-Lippe, Lala Süsskind, Vorsitzende der Berliner Gemeinde sowie Vera Szackamer aus der Münchner Gemeinde der bisherigen Vorsitzenden Knobloch.

Die verabschiedete Präsidentin Knobloch, die bei der Wahl im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum öffentlich nicht in Erscheinung trat, war fünf Tage zuvor von Bundespräsident Christian Wulff das Große Verdienstkreuz mit Stern erhalten. Der Bundespräsident hatte erklärte: «Menschen wie Charlotte Knobloch verdanken wir es, dass es so etwas wie Versöhnung gibt.»

Offen ist, ob Generalsekretär Stephan Kramer, der sich in den letzten Jahren und Monaten nicht nur mit angemessener, sondern oft auch überzogener Kritik anstelle der Präsidentin zum Themenkreis Deutschland-Israel und zur Rolle der Religionen zu Wort gemeldet hatte, unter dem neuen Präsidenten einen Gang zurückschalten muss.

Der Zentralrat wurde 1950 in Frankfurt gegründet. Später residierte er in Düsseldorf und der alten Bundeshauptstadt Bonn. Seit 1999 hat er seinen Sitz im Leo-Baeck-Haus in der Berliner Tucholskystraße. Ihm gehören 23 Landesverbände mit 107 Gemeinden an

 

Klaus Commer

«Jüdische Zeitung», Dezember 2010