Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Ovdim Sarim»Kulturelle Vielfalt oder moderner Sklavenhandel – Gastarbeiter in Israel
TEL AVIV Jeden Samstag konnten wir vom Garten aus das immergleiche Spiel mitten in Jerusalem beobachten: Angekündigt vom Rattern eines rostigen Einkaufwagens und fröhlichen Stimmen wanderte eine Gruppe Philippinos, Afrikaner oder Chinesen durch das Viertel. Auf dem Einkaufswagen wurden Umzugsgüter transportiert, ebenso auf den Köpfen der Umziehenden, in Taschen und Rucksäcken. In die Stille des Schabbat mischte sich das Leben hinter dem offiziellen Leben in Jerusalem: Gastarbeiter, die wieder einmal eine neue Wohnung suchten. Ein Rundgang durch das Viertel am Abend zeigte die nichtisraelische Bevölkerung in aller Vielfalt: Zwei-Zimmer-Wohnungen, in denen mindestens zehn Menschen hausten, waren keine Seltenheit, gekocht wurde im Sommer vor der Tür, denn drinnen war beim besten Willen kein Platz mehr. Auch die Wäsche wurde draußen gewaschen und aufgehängt, nachbarschaftliche Kontakte geknüpft, geflirtet, Kinder spielten miteinander. Auf den ersten Blick eine weitere Facette der bunten israelischen Vielfalt. Auf den zweiten Blick sah man schon an vielen Ecken die Gastarbeitertreffpunkte, die inzwischen global gelten: Telefonläden mit Spezialtarifen in bestimmte Zielländer, aber auch eigene Geschäfte mit Waren aus China, Rumänien (das Klischee will es so, dort wurde meist Alkohol verkauft), Afrika oder von den Philippinen. Wer am Sonntag statt mit dem Bus mit dem Sammeltaxi von Jerusalem nach Tel Aviv fährt, trifft sie dort alle wieder: Denn am Sonntag finden im Süden von Tel Aviv, in den unwohnlichen Quartieren rund um die alte Central Bus Station, die Gottesdienste und Versammlungen der diversen Gastarbeitergemeinden statt. Deswegen ist Sonntag auch der einzige Tag, an dem man die Bewohner der Altenheime und andere alte Menschen ohne Begleitung oder in der Begleitung von Familienmitgliedern sieht - an jedem anderen Tag wimmeln Bürgersteige und Bushaltestellen von alten Israelis und meist relativ jungem Pflegepersonal, das von den Philippinen «importiert» wurde. Im letzten Jahr gab es in der neuen Central Bus Station sogar einen Weihnachtsmarkt, auf dem die meisten Kunden kein Hebräisch sprachen. Diese Arbeiter sind meist in den Sektoren Alten- beziehungsweise Krankenpflege, Bau und Landwirtschaft beschäftigt, und wie in den meisten Staaten, die sich nicht von Anfang an auf eine einheitliche Praxis gegenüber Gastarbeitern festgelegt haben, entstanden auch in Israel in der Folge viele Probleme. Das dringlichste war bis vor kurzem der Status der in Israel geborenen und sozialisierten Kinder dieser Arbeitskräfte, die häufig nicht einmal die Landessprache des Herkunftslandes ihrer Eltern sprachen, ganz normal israelische Kindergärten und Schulen besuchten und von einer Eliteeinheit in der israelischen Armee träumten. Doch irgendwann endete dieser Traum, Familien oder Teile von Familien wurden wegen illegalen Aufenthaltes in Israel zurück in ihre Herkunftsländer deportiert. Erst ein Gesetz, das den Kindern von diesen Arbeitern unter bestimmten Umständen die Legalisierung ihres Status erlaubte, schuf zumindest partiell Abhilfe. Ins Land kamen sie meist über offizielle oder semi-offizielle Arbeitskraftvermittlungsorganisationen, die für Privatpersonen oder Unternehmer Arbeiter aus billigen Ländern anwarben und ihnen bei Reise und Beschaffung von Visa behilflich waren. Das Schwert ist zweischneidig, denn von den willigen Billiglohnkräften wurden teilweise horrende Summen gefordert, die sie durch ihre Arbeit in Israel zu begleichen hatten, häufig mehrere Tausend Dollar. Gegner dieser «Menschenimporte» sehen darin eine moderne Form der Sklaverei, und studiert man die Internetseiten der Menschenrechtsorganisationen, die sich auf die Unterstützung dieser Menschen spezialisiert haben, so kann man diesem Begriff nur zustimmen: Bis vor kurzem war es einem solchen Arbeiter beinahe unmöglich, einen Arbeitgeber zu verlassen, selbst wenn er bereits einen neuen Arbeitsplatz bei einem neuen Arbeitgeber hatte. Fälle, in denen diese Arbeiter über Monate hinweg keinen Lohn bekamen, meist solange, bis das Visum ausgelaufen war, und dann wegen ihres illegalen Status deportiert wurden, häuften sich. Erst ein Präzedenzurteil des Obersten Gerichts änderte dies, doch immer noch gelangen Berichte zu den Menschrechtsorganisationen wie Kav LaOved (Arbeiterhotline), dass das Urteil zwar gültig ist, aber weder offizielle Stellen wie die Migrationspolizei und Behörden, noch Arbeitgeber sich daran halten, sondern fortfahren, die Arbeiter in ihrer Rechtlosigkeit zu halten. Eine vergleichende Studie hat inzwischen erwiesen, dass Israel nach den USA an zweiter Stelle bei der Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte steht. Dem gegenüber steht die steigende Arbeitslosigkeit unter Israelis, die zurzeit bei etwa 200.000 Menschen steht, die offiziell arbeitslos gemeldet sind. Diese sollen nun nach einer neuen Initiative der Regierung die ausländischen Arbeitskräfte ersetzen. Von diesen sind im Moment etwa 85.000 legal in Israel beschäftigt, wie hoch die wirkliche Zahl der in Israel arbeitenden ausländischen Arbeiter ist, kann nur vermutet werden. In einem ersten Schritt sollen nun Israelis für die Bereiche, in denen zurzeit überwiegend Gastarbeiter beschäftigt sind, ausgebildet und interessiert werden, während gleichzeitig die Anzahl der Einreisevisa drastisch reduziert werden soll. In Israels National Employment Service wurde der Plan ausgearbeitet, erst einmal die Anzahl der in der Bauwirtschaft und Industrie beschäftigten Ausländer von zur Zeit geschätzten 15.000 Menschen bis zum Jahr 2010 erheblich zu senken und einerseits israelische Arbeitskräfte dort einzusetzen, während andererseits durch massive Investitionen die Mechanisierung des Bereichs vorangetrieben werden soll. Gleiches gilt auch für andere Sektoren wie die Landwirtschaft. Dabei sind dies alles Sektoren, in denen auch vor dem massiven «Import» von ausländischen Arbeitskräften nur wenige jüdische Israelis gearbeitet haben. Vor dem Ausbruch der Intifada waren es meist billige arabische Arbeitskräfte, die vor allem in der Landwirtschaft dringend gebraucht wurden. Deren Beschäftigung war natürlich mit Ausbruch der Intifada nicht mehr fortzuführen, und so verlegte die Wirtschaft sich auf die billigen Arbeiter aus dem Ausland, die häufig für weniger als den Mindestlohn tätig sind. Das alles soll nun beendet werden. Die Regierung will versuchen, die arbeitslosen Israelis in diese Stellen zu befördern. Der erste Modellversuch läuft: Seit dem ersten März dürfen in Eilat in den Hotels und Restaurants keine «Ovdim Sarim» (fremde Arbeiter) mehr beschäftigt werden. Im Vorfeld hatten die Hoteliers der Stadt intensive Werbekampagnen und Arbeitsmessen bei Israelis im ganzen Land organisiert, um diese Stellen zu besetzen. Doch die Hoteliers sind skeptisch: Sie behaupten, dass es mindestens 1.500 Israelis bräuchte, um die etwa 500 legal in der Stadt beschäftigten ausländischen Arbeitskräfte zu ersetzen, da jeder Ausländer die Arbeit von drei Israelis erledige. |