Klezmer is just fucking gooood

Daniel Kahn und seine Band erneuern das Feld der jüdischen Volksmusik

Jüdische Volksmusik ist nicht jedermanns Sache. Und so scheiden sich die Geister am Genre der Klezmermusik, jener traditionellen Festmusik des aschkenasischen Judentums, der sich weltweit unzählige Musiker verschrieben haben. Wer sich für konventionellen Klezmer nur wenig begeistern kann, dem sei die neue CD «Lost Causes» von Daniel Kahn und seiner Band The Painted Bird empfohlen, die voraussichtlich noch im Dezember dieses Jahres erscheinen wird. Multitalent und Vielfachinstrumentalist Daniel Kahn, geboren in Detroit und seit fünf Jahren wohnhaft in Berlin, beschreibt seinen Musikstil selbst gern als «Verfremdungsklezmer». Im Gespräch erklärt er, was er darunter versteht. In seiner Musik gehe es vor allem darum, vertraute Dinge in einem neuen Licht erscheinen zu lassen und somit den Zuhörer dazu zu bewegen, seine bisherige Sichtweise zu hinterfragen.

Klezmer mal anders. So ließe sich das nunmehr dritte Album von Daniel Kahn und The Painted Bird beschreiben. Die Platte präsentiert sich als spannungsreiche Mischung aus Liedern, die einer längst vergangenen Zeit entstammen und doch in ihrer inhaltlichen Aussagekraft sehr zeitgemäß erscheinen, sowie neuen, von Daniel Kahn komponierten Stücken. Bei der Auswahl der Lieder stand für Kahn nur eines im Vordergrund: Er wollte Geschichten erzählen, die für die Gegenwart und den Menschen an sich relevant sind. Daher drehen sich die Lieder um ganz universale Themen wie Geld, Arbeit, Krieg, Befreiung, Liebe. Themen, die alle Menschen in allen Zeiten beschäftigt haben und auch stets beschäftigen werden. Die Liedtexte sind in jiddischer, englischer und deutscher Sprache verfasst. Auch wenn die Tatsache, dass viele dieser Lieder schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts und vor einem ganz anderen historischen Hintergrund entstanden sind, beim Anhören der CD zunächst in den Hintergrund rückt, lohnt sich ein Blick in das zugehörige Textbuch.

 

Einflüsse von Folk und Blues

So erfährt man beispielsweise, dass der Text zu dem traditionellen Klezmerlied «In Kamf» bereits 1889 von dem jiddischsprachigen Schriftstellers David Edelstadt verfasst wurde, der 1882 aus Russland in die Vereinigten Staaten von Amerika eingewandert war. Daniel Kahn interpretiert dieses jiddische Lied auf seine Weise. Er verleiht ihm einen ganz eigenwilligen Punk-Charme, indem er die klassische Klezmermelodie mit schrammeligen Gitarrenriffs, launigen Bläsereinlagen und schepperndem Schlagwerk aufmischt. Was dabei herauskommt ist eine ziemlich verschrobene Klezmerversion, die Einflüsse von Folk und Blues erkennen lässt. Dass Daniel Kahn mehrere Jahre seines Lebens in New Orleans verbracht hat, hat auch in seiner Musik unverkennbare Spuren hinterlassen.

Und auch ein deutscher Schlager findet sich auf dem Album wieder, allerdings in jiddischer Übersetzung: In einer sehr reduzierten Fassung präsentiert Daniel Kahn das Lied «Lilli Marlee». Lediglich untermalt von den sehnsuchtsvollen Klängen der Singenden Säge  und von der immer wieder durchschimmernden Stimme Tine Kindermanns erklingt dieser Klassiker, der während des Zweiten Weltkrieges zu einem der bekanntesten Soldatenlieder avancierte.

 

Kahns Stimme erinnert an Tom Waits

Im Wesentlichen ist es jedoch die Stimme von Daniel Kahn, die die Atmosphäre der Lieder trägt und in manchen Momenten an Tom Waits erinnert. In den selbst komponierten Stücken ist es jene eindringliche Stimme, die bemerkenswerte, aufrüttelnde und zuweilen traurige Geschichten erzählt. Für die endgültige Version von «Sunday After The War» habe er fünf Jahre gebraucht, erzählt Kahn. Ein wahrer Kraftakt sei es gewesen, das Lied fertig zu stellen. Angelehnt an ein Zitat von Henry Miller entstand das Stück vor dem Hintergrund der Militäreinsätze der USA in Afghanistan und im Irak. Der Text handle davon, dass der Mensch unfähig ist, aus den Kriegen und Katastrophen der Vergangenheit zu lernen, erläutert Kahn. In der letzten Strophe heißt es lapidar: «Nach dem Krieg werden wieder neue Leute rekrutiert, nach dem Krieg ist alles wieder so, wie es vorher war, am Sonntag nach dem Krieg».

 

Innere Emigration

Auch in «Inner Emigration» greift Kahn ein wenig erfreuliches Thema auf. In den Strophen werden verschiedene Lebenssituationen von Personen nachgezeichnet, die keinen anderen Ausweg mehr für sich sehen, als in die innere Emigration zu gehen. Die skeptische Sichtweise, die Kahn an den Tag legt, ist kaum zu überhören. Er singt über Grenzen der Identität, die jedem Menschen von außen auferlegt sind. Doch diese Grenzen lassen sich überwinden, und zwar durch innere Emigration. Nicht einmal nationale Grenzen können die Identität eines Menschen beschränken, davon ist Kahn überzeugt. In «Inner Emigration» setzt sich der Musiker aber auch mit dem Gefühl der Fremdheit auseinander. Fast jeder kennt diese Situationen, in denen man sich ausgeschlossen fühlt, nicht dazugehörig, anders. Selbst in Berlin fühle er sich manchmal wie ein Fremder, gibt Daniel Kahn zu, und dass, obwohl er nun schon seit mehreren Jahren hier wohnt und sich in verschiedenen Künstler- und insbesondere Klezmerszenen bewegt. Doch er hat sich mit diesem Gefühl arrangiert, es stört ihn nicht mehr. Was ihn allerdings stört, sind Fragen zu seiner Identität. Mit solchen Fragen könne er nicht viel anfangen. Er habe einfach keine Lust, seine Identität auf das Eine oder das Andere festzulegen. Im Gespräch betont Daniel Kahn, dass er keinen Wert darauf legt, herauszufinden, wer er sei oder ob seine jüdische Herkunft seine musikalische Entwicklung beeinflusst habe.

Wesentlich wichtiger als diese Identitätsfragen findet er die Debatte um die Klezmermusik. In Deutschland werde Klezmer entweder völlig überhöht und mit philosemitischen Klischees bedacht oder er werde künstlerisch unterschätzt und nicht ernst genommen. Beides sei falsch, so Kahn. Für Daniel Kahn steht der Klezmer für eine außergewöhnliche musikalische Sprachform voller Intensität, Spaß und Lebensfreude, oder kurz gesagt: «Klezmer is just fucking good».

 

Stefanie Neumeister

«Jüdische Zeitung», Dezember 2010