Anwalt der Menschlichkeit: Simon Wisenthals neue Biographie

Tom Segevs neue Biographie von Simon Wiesenthal

Kriegsende 1945: Auf 50 Kilo abgemagert wird Simon Wiesenthal aus dem KZ Mauthausen befreit. Bereits ein paar Tage später fertigt er die erste Liste von NS-Verbrechern an. Es ist der Auftakt eines der Fahndung nach NS-Tätern verschriebenen, gegen das Vergessen und für die Gerechtigkeit kämpfenden Lebens. Eines Lebens voller Widerstände, Kontroversen und die Weltöffentlichkeit erregender Erfolge.

Nunmehr fünf Jahre nach seinem Tod legt der renommierte israelische Historiker und Journalist Tom Segev eine umfangreiche Biographie zu Simon Wiesenthal vor. Aufwendige Recherchen in einer Vielzahl von Archiven, mehrere Interviews mit Wegbegleitern und intensive Auseinandersetzungen mit den persönlichen Unterlagen Wiesenthals, die in seinem Dokumentationszentrum aufbewahrt werden und zu denen Segev uneingeschränkten Zugang erhielt, bilden die Grundlage dieses nie zur Langeweile neigenden Buches.

Als galizischer Jude geriet Wiesenthal mit der Eroberung Lembergs 1941 in das Martyrium der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Die Nazis verschleppten ihn in insgesamt fünf Lager. Seine Frau Cylia fand er nach dem Krieg unter glücklichen Umständen wieder; 89 andere Mitglieder seiner Familie wurden ermordet. Wie so viele andere überlebte Wiesenthal nur aufgrund von Zufällen – und mit viel Glück. Im Lager Janowska in Lemberg sah er sich bereits vor der sicheren Erschießung. Doch das Wunder geschah: Die SS-Wachmannschaft flüchtete mit den letzten Häftlingen vor der anrückenden Roten Armee nach Westen. Ohne die Bewachung der Häftlinge wäre es aufgefallen, dass sie eigentlich keine Aufgabe mehr hatten und frei für einen todbringenden Einsatz an der Ostfront waren. Allerdings währte die absurde gemeinsame Flucht von Tätern und Opfern nur einige Monate. Die SS-Leute wurden schließlich enttarnt und Wiesenthal zusammen mit den anderen Häftlingen in das nächste Lager verschleppt. Eine abenteuerliche Episode dieses reichen Lebens, die, wie so vieles, was Wiesenthal zu seinem Leben berichtete, ausgeschmückt, um nicht zu sagen, ausgedacht klingt. Doch im Kern hat sie, wie Segev nachweisen kann, der Wahrheit entsprochen.

 

«Recht, nicht Rache»

 

Nach Kriegsende war Wiesenthal zunächst als Betreuer für jüdische Flüchtlinge im österreichischen Linz tätig, ehe er sich voll und ganz der Suche nach NS-Tätern verschrieb. Den Grundstein für seine Fahndungen nach NS-Tätern bildeten die Namen und Aussagen, die er über Fragebögen, Infoblätter und Fotoausstellungen von den Flüchtlingen erhielt. Unermüdlich ging Wiesenthal den vielen Hinweisen nach, schrieb an Behörden und Institutionen im In- und Ausland, wertete Zeitungen und Telefonbücher aus und ermittelte auf eigene Faust. Seine Informationen gab er an die Strafverfolgungsbehörden weiter und sorgte über Presseberichte für den notwendigen öffentlichen Druck. Die nervliche Belastung der Jagd nach NS-Verbrechern kompensierte er privat mit Briefmarkensammeln.

Wiesenthal sann nicht auf Rache an den Peinigern des jüdischen Volkes. Er forderte vielmehr Gerechtigkeit für seine sechs Millionen «Klienten» ein. Rechtsstaatliche Verfahren zur Aburteilung der Täter erschienen ihm als Humanisten das probateste Mittel zu sein. «Diese Prozesse brauchen wir als historische Lehrstunde und als Warnung an künftige Mörder», so Wiesenthal, der seine Autobiographie folgerichtig «Recht, nicht Rache» nannte. Auch wenn Amnestieregelungen und die laxe Haltung vieler Strafverfolger und der Justiz gegenüber NS-Tätern seine Bemühungen häufig konterkarierten («Die blödesten Nazis waren diese, die beim Zusammenbruch des Dritten Reichs Selbstmord begangen haben.»), arbeitete er Zeit seines Lebens auf die Aburteilung der Täter hin.

Sein größter Erfolg, der ihn schlagartig weltbekannt machte, war zweifellos die Verhaftung Adolf Eichmanns 1961 in Argentinien. Eichmann stand bereits seit 1945 auf Wiesenthals Fahndungsliste. «Neun Jahre lang habe ich gearbeitet und mich gemüht, um Eichmann ausfindig zu machen», fasste Wiesenthal einmal die Suche zusammen.1953 fand er heraus, dass Eichmann sich in Argentinien versteckte. Er teilte dies, wie Segev beschreibt, sofort dem israelischen Konsul in Österreich und später auch Nahum Goldmann vom Jüdischen Weltkongress mit, der die Mitteilung an die CIA weiterleitete. Doch zu der erwarteten Verhaftung kam es nicht. Sein Hinweis wurde in Israel und den USA lediglich abgeheftet und erfuhr keine weitere Beachtung durch die Behörden. Erst auf Betreiben des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der 1957 vom Versteck Eichmanns erfuhr, begannen zielführende Ermittlungen des Mossad. Das Interesse der Medien nach der Verhaftung fokussierte sich rasch auf Wiesenthal. Sehr zum Missfallen des Mossad verstand es Wiesenthal, seine Rolle bei der Ergreifung Eichmanns durch die Veröffentlichung eines Buches zu festigen. Segev beschreibt sehr detailliert, wer wann welche Informationen über Eichmann ermittelte, wie häufig Wiesenthal daneben lag oder ohne Grundlage spekulierte. Er erwähnt aber auch, dass es zweifellos Wiesenthals Verdienst ist, als Erster den richtigen Aufenthaltsort Eichmanns entdeckt zu haben.

 

Auf der Gehaltsliste des Mossad

 

Enttäuscht über die fehlende Reaktion auf seinen Hinweis zu Eichmann und mangelnde Rückendeckung hatte Wiesenthal Mitte der 50er-Jahre bereits sein Dokumentationszentrum in Linz geschlossen und sein gesammeltes Material nach Yad Vashem gesandt. Bis dahin hatte er nach eigenen Angaben zur Verhaftung von 800 Kriegsverbrechern beigetragen. Gleichwohl war das erst der Anfang. Der Eichmann-Prozess verschaffte ihm die öffentliche Aufmerksamkeit, die er für die Neugründung seines Dokumentationszentrums in Wien benötigte. Weitere Erfolge wie die Ergreifung Franz Stangls, dem Kommandanten von Treblinka und Sobibor, oder des Polizisten, der Anne Frank verhaftet hatte, machten ihn in den Augen der Öffentlichkeit zum «Nazi-Jäger».

Analog zum Anstieg seines Bekanntheitsgrads fand Wiesenthals Meinung nun auch in anderen Bereichen der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit immer mehr Gehör. Er nahm Einfluss auf die Verjährungsdebatten für Mord in der Bundesrepublik, setzte sich für nichtjüdische Opfergruppen und ihre Belange ein und versuchte sich im literarischen Diskurs mit Intellektuellen über das nationalsozialistische Böse und die Möglichkeit der Vergebung.

Mit der gestiegenen öffentlichen Wahrnehmung stieg indessen auch die Zahl seiner Kritiker. Politisch fühlte sich Wiesenthal stets Israel verbunden und hielt auch nicht mit seiner kritischen Haltung gegenüber dem Kommunismus hinter dem Berg. Wie Segev darlegt, unterstützte Wiesenthal im Kalten Krieg Israel und die Westmächte. Während er den Antisemitismus in Polen brandmarkte und verstärkt nach Kriegsverbrechern suchte, die Zuflucht im Ostblock gefunden hatten, sah er über Versäumnisse der Westmächte mitunter gnädig hinweg. Zeitweise führte sein Engagement zu einer Überwachung durch den polnischen Geheimdienst. Selbst die Stasi suchte nach dunklen Stellen in der Biographie des «imperialen Agenten», der zumindest lange Jahre auf der Gehaltsliste des Mossad stand, wie Segev erstmals enthüllt.

Berühmt geworden und von Segev ausführlich beschrieben ist Wiesenthals sich über Jahrzehnte hinziehende Fehde mit dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky. Der Streit entzündete sich ursprünglich an Wiesenthals Kritik an ehemaligen Nationalsozialisten in Kreiskys Kabinett, entwickelte sich aber recht bald zu einer Auseinandersetzung über antisemitische Vorbehalte, die Aufarbeitung in Österreich und den israelisch-arabischen Konflikt. Kreisky, selbst Jude,  bezeichnete Wiesenthal zwischenzeitig gar als «jüdischen Faschisten» und warf ihm Kollaboration mit der Gestapo vor. Wiesenthal, im Streit geübt und eine Bedrohung seines Dokumentationszentrum fürchtend, keilte verbal und mit Verleumdungsklagen zurück. Ursächlich für die nahezu feindliche Haltung Kreiskys war laut Segev und anderen Zeitgenossen eine psychische Komponente: Sie attestierten Kreisky einen «tief greifenden jüdischen Komplex», der seine österreichische Identität in Frage stellte. Wiesenthal schrieb dazu scharfzüngig: «Er ist ein bedeutender Politiker, aber nicht gerne Jude.» Der Streit hallt indessen noch bis heute nach. Kreiskys Biograph Petritsch widersprach kürzlich Segevs Aussage, Kreisky hätte Wiesenthal systematisch überwachen lassen.

 

Die Waldheim-Affäre

 

Eine der unrühmlichsten Episoden im Leben Wiesenthals ist zweifelsohne die Affäre Waldheim. Kurt Waldheim, Generalsekretär der Vereinten Nationen und späterer Präsident Österreichs, hatte verheimlicht, dass er als Wehrmachtsangehöriger an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen war. Wiesenthal, der Waldheim kannte und schätzte, übernahm seine Geschichte ungeprüft und attestierte gegenüber nachfragenden jüdischen Organisationen stets seine Unbedenklichkeit. Er tat dies nach Segev auch dann noch, als er bereits von den Verstrickungen Waldheims wusste, die 1986 vom Jüdischen Weltkongress publik gemacht wurden. Aus der Sicht Segevs kostete Wiesenthal das zu lange Festhalten an Waldheim sogar den sicher geglaubten Friedensnobelpreis für sein Lebenswerk.

Nach Segev ist es das Gefühl der Schuld, der Schuld des Überlebens, gewesen, die Wiesenthal zur Jagd auf NS-Verbrecher antrieb, ihn sogar gelegentlich sein eigenes Leid durch Phantasien überhöhen ließ. In der Fahndung nach den Tätern fand er die Erlösung von seinen Qualen für ein Verbrechen, dass er selbst nicht begangen hatte.

Tom Segev ist es mit seiner Biographie eindrucksvoll gelungen, Wiesenthals verworrenen Lebenslinien ebenso wie seine Gefühlswelt lesbar nachzuzeichnen, die Stärken des großen Polarisierers herauszuarbeiten und dabei mit kritischer Distanz seine vielfältigen Schwächen zu benennen. Selbst wenn angesichts der überbordenden Detailfülle bisweilen die Struktur des Buches zu entgleiten droht, fühlt sich der Leser am Ende doch anschaulich in die lebenslangen Kämpfe des Simon Wiesenthal hineinversetzt.

 

Florian Grumblies

«Jüdische Zeitung», Dezember 2010