"Fürs deutsche Vaterland starben..."

Bundesverteidigungsminister und Zentralrat der Juden ehren jüdische Soldaten des I. Weltkrieges

Am 7. November 2010 legte der Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung, Christian Schmidt, auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt am Main zur Ehrung der im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten und ihrer im Holocaust ermordeten Angehörigen und Kameraden einen Kranz nieder. An der Veranstaltung nahmen der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Salomon Korn, sowie Vertreter der Streitkräfte der USA, Österreichs und Israels teil. Insgesamt 467 jüdische Soldaten aus Frankfurt fielen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges. Ihnen ist auf dem Friedhof ein Ehrenmal gewidmet. Auch der Bund jüdischer Soldaten (RjF) war als einer der Organisatoren mit mehreren Vertretern bei der Gedenkveranstaltung anwesend und legte einen Kranz nieder.

Eröffnet wurde das Ehrenmal am 8. November 1925. Eine lokale ehrenamtliche Initiative hat es in den letzten Jahren vor dem Verfall gerettet und restauriert. Neben deutschen jüdischen Soldaten ruhen auf dem Friedhof auch jüdische Soldaten aus Österreich, die Frankfurter Lazaretten verstarben.

 

Integration, Ausgrenzung und Vernichtung

Unweit des Ehrenmales, an dem die Gedenkveranstaltung stattfand, befindet sich ein Grabstein mit der Aufschrift «Hier ruht der letzte der israelitischen Veteranen des Frankfurter Contingentes aus den Freiheitskriegen von 1814-1815, Herr Michael Joseph Maas, geb. 27. Februar 1790, gest. 9. December 1868», eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse für die Teilnahme jüdischer Soldaten an den Freiheitskriegen. Obwohl die Emanzipation der Juden im Militär so hoffnungsvoll begonnen hatte, sollte die bürgerliche Gleichstellung in Preußen vorerst nur auf dem Papier gelten. Der in Deutschland vorhandene Antisemitismus verhinderte nach wie vor die volle Gleichberechtigung und Gleichbehandlung jüdischer Soldaten. Im Ersten Weltkrieg wuchs die Zahl der jüdischen Soldaten in den Armeen des deutschen Kaiserreiches auf rund 100.000 an. Mehr als 12.000 von ihnen ließen an der Front ihr Leben. In Österreich-Ungarn zogen 300.000 jüdische Soldaten in den Krieg, mindestens 30.000 fielen an der Front. Rückblickend zeigt sich insbesondere der Erste Weltkrieg, der bezeichnenderweise am jüdischen Trauertag, dem 9. Aw, begann, als eine große Katastrophe. Unzählige Juden auf allen Seiten töteten sich gegenseitig. Jüdische Soldaten berichteten von der Front, wie sie angesichts des laut gesprochenen Glaubensbekenntnisses «Schma Israel» eines tödlich verwundeten Soldaten der Feindesseite erkennen mussten, dass sie einen Volks- und Glaubensbruder getötet hatten. Trotz ihrer Leistungen waren die Juden in der deutschen Armee auch während des Krieges zunehmend antisemitischen Angriffen ausgesetzt.

Insgesamt wurden etwa 35.000 jüdische Soldaten für ihre Tapferkeit geehrt, viele von Ihnen mit dem Eisernen Kreuz, darauf wies Staatssekretär Schmidt in seiner Ansprache hin. Schon Ende des 19. Jahrhunderts hätten jüdische Publizisten davor gewarnt, in deutscher Uniform in den Krieg zu ziehen, sagte Schmidt. Der Staatssekretär zitierte einen von ihnen: «Weshalb kämpft ihr mit ihnen? Egal, was ihr tut, alles wird vergebens sein.»

Nach der Kranzniederlegung spielte ein Trompeter der Bundeswehr, der Kantor der Jüdischen Gemeinde rezitierte das Gebet zum Gedenken an die Verstorbenen «El Mole Rachamim» und die Namen der 50 jüdischen Soldaten, die auf dem Friedhof an der Rat-Beil-Straße bestattet sind, wurden verlesen.

Im Jahre 1933 war es mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zu einem Bruch gekommen, der radikaler und unfassbarer nicht vorstellbar gewesen wäre. Mit einem Mal galten Juden als «wehrunwürdig», ihr früherer Einsatz für «Kaiser und Vaterland» zählte auf einmal nicht mehr, selbst hohe Auszeichnungen, schützten sie nicht vor der Verfolgung. In den Konzentrationslagern starben Tausende, die im Ersten Weltkrieg noch in deutscher Uniform gekämpft hatten. Auch ihrer wurde am Sonntag auf dem Jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße gedacht.

 

Deutsche Juden in der Bundeswehr

Angesichts dieser Geschichte bestanden in der jüdischen Gemeinde in Deutschland erhebliche Vorbehalte gegenüber der 1955 gegründeten Bundeswehr. So fanden nur wenige Juden bis zur Jahrhundertwende den Weg in die deutschen Streitkräfte.

Dies hat sich in den letzten Jahren jedoch geändert. Achtung und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Ethnien sind wesentliche Merkmale der Grundsätze der Inneren Führung, der maßgeblichen Gestaltungs- und Führungskonzeption der Bundeswehr. Die Väter der Inneren Führung kamen aufgrund ihrer Erfahrungen in der Wehrmacht folgerichtig zu dem Schluss, sich von einem nicht tragfähigen Ethos verabschieden zu müssen. Diese großartige Leistung unterscheidet die Bundeswehr von allen Vorgängerarmeen und macht ihre innere Qualität aus. Darauf können wir mit Recht stolz sein. Vor diesem Hintergrund erscheint die Tatsache, dass wieder Soldaten jüdischen Glaubens in den deutschen oder österreichischen Streitkräften ihren Dienst tun und dass es in den deutschen Streitkräften einen „Bund jüdischer Soldaten“ gibt, vergleichbar mit dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in der Weimarer Republik, zunehmend verständlicher.

Mittlerweile sei die Armee für zahlreiche Deutsche jüdischen Glaubens ein «attraktiver Arbeitgeber», sagte Staatssekretär Schmidt. Die Gleichheit aller Soldaten, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder Geschlecht sei heute verwirklicht. «Damit erfüllt sich auch ein Vermächtnis, dass die jüdischen Soldaten, die damals ihr Leben gelassen haben, uns eigentlich in die Gegenwart und in die Zukunft übertragen haben», betonte Schmidt und schon allein deshalb müssten diese jüdischen Soldaten in der Erinnerungskultur einen herausragenden Platz finden

Tatsächlich bewahrte die Bundeswehr dieses fast vergessene Erbe. In Anerkennung ihrer hervorragenden Leistungen wurden Bundeswehrkasernen nach jüdischen Soldaten benannt. Sowohl aktive Soldaten als auch Reservisten pflegen jüdische Friedhöfe und regelmäßig wird den gefallenen jüdischen Soldaten gedacht. So fand nach Frankfurt am Main auch auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee eine zentrale Gedenkveranstaltung statt. Am 14. November 2010 erinnerte der Bundesminister der Verteidigung Karl-Theodor zu Guttenberg zusammen mit dem Generalinspekteur Volker Wieker, Vertretern des Zentralrates der Juden, des Deutschen Bundestages und des Bundes jüdischer Soldaten an die im Ersten Weltkrieg gefallenen und in Weißensee beigesetzten 395 deutschen Soldaten jüdischen Glaubens. Die Zeremonie auf dem Jüdischen Friedhof war Bestandteil des landesweiten Gedenkens an die Opfer von Krieg und Gewalt

Die Geschichte jüdischer Soldaten und ihr Schicksal ist als Bestandteil der deutsch-jüdischen Geschichte ein besonderes und bedeutendes Vermächtnis und wurde von der Bundeswehr als Teil der Tradition der deutschen Streitkräfte angenommen.

 

Michael Berger

«Jüdische Zeitung», Dezember 2010