Algerien: Von König Salomon bis Vichy

Über 2000 Jahre jüdische Präsenz im Herzen des Maghreb

 

Vor 45 Jahren, am 19. März 1962, ging der Krieg in Algerien zu Ende, der sieben Jahre, vier Monate und 19 Tage dauerte. Es war einer der letzten großen «schmutzigen Kolonialkriege» des 20. Jahrhunderts, «la sale guerre», der nicht nur das Ende der 132-jährigen französischen Kolonialherrschaft im «Lande am Tell», wie Algerien auch genannt wird, brachte, sondern auch das Ende der über 2000 Jahre algerisch-jüdischen Geschichte. Die Ankunft der ersten Juden in Nordafrika, vor allem im Maghreb - der «Insel des Westens» -, ist von Legenden umwoben. Hartnäckig hält sich die Behauptung, dass es bereits zu Salomons Zeiten, 950 vor unserer Zeitrechnung, Handelsbeziehungen mit Nordafrika gab. Sicher ist, dass seit der Gründung Karthagos um 800 v.u.Z. durch die Phönizier sich hebräische Seefahrer zunächst an verschiedenen Punkten der algerischen Küste festsetzten. Wie in Marokko so stießen sie auch in Algerien auf die Urbevölkerung des Maghreb, die Berber, die sich selbst Imazighen nennen, das heißt: freie Menschen.

Weitere jüdische Zuwanderer erreichten Nordafrika nach der Zerstörung des Ersten Tempels im Jahre 587 v.u.Z. durch Nebukadnezar und des Zweiten Tempels in Jerusalem im Jahre 70 durch die Römer unter Titus. Die jüdischen Flüchtlinge mischten sich anders als in Marokko nur langsam mit den algerischen Berbern, die teilweise den jüdischen Glauben annahmen. Karthago herrschte von 800 bis 146 v.u.Z. in Nordafrika, und von der Ankunft der Römer im Jahr 42 v.u.Z. bis zum Ende der hundertjährigen Vandalenherrschaft im Jahr 534 war den Juden eine freie Ausübung ihrer Religion gestattet. Erst unter byzantinischer Herrschaft, von 534 bis 670, wurden die Juden verfolgt. Im Jahre 670 begann die Invasion der islamischen Araber. Noch bevor die arabischen Reitertruppen zum Sturm auf Algerien ansetzten, traten eine Reihe von Berberstämmen zum Judentum über. Dadurch entgingen sie, da sie als «alh el-kitab», als Völker der offenbarten Schrift, vom Islam toleriert wurden, der Niedermetzlung als Götzendiener. Die Berber leisteten den arabischen Eindringlingen unter der Führung der legendären jüdischen Königin Kahena erbitterten Widerstand. Die Araber siegten und die Masse der Berber, die judaïsierten und die christlichen Stämme, traten zum Islam über. Es gab aber auch jüdische Stämme, die am Glauben der Väter festhielten, was ihnen nach den Gesetzen des Islam in Form des Dhimmi-Status erlaubt war. Unter dem Schutzschild des Islam konnten die autochthonen Algerier mosaischen Bekenntnisses ihrem Glauben unbehelligt nachgehen.

1492 ging das letzte islamisch-iberische Königreich, Granada, an die Katholischen Könige Ferdinand II. von Aragon und Isabel von Kastilien verloren. Der folgende Massenexodus von Muslimen und Juden brachte auch Algerien jüdische Einwanderer. In Algerien gestatteten die islamischen Herrscher den Juden innere Autonomie. Von 1519 bis 1830 stand das Kernland des Maghreb unter türkischer Oberhoheit, das heißt, das Algerien zum Osmanischen Reich gehörte. Im 16. Jahrhundert kamen aus Andalusien neben den «Morrskos», zwangsgetauften arabischen Christen, auch «Marranos», Nachfahren zwangsgetaufter Juden, nach Algerien. Sie, die sefardischen Juden, die «Ausgewiesenen» (hebräisch: «megoraschim»), trafen hier auf im Lande geborenen Glaubensbrüder (hebräisch: «toschawim»), die mit ihren muslimischen Landsleuten in friedlicher Kohabitation lebten. Als letzte Eroberer landeten am 5. Juli 1830 die Franzosen in der Nähe von Algier. Sie sollten 132 Jahre die Geschicke Algeriens bestimmen. Der Dhimmi-Status wurde aufgehoben und die wirtschaftliche Lage der Juden begann sich zu verbessern. 1865 bot Frankreich Muslimen und Juden in Algerien das volle französische Bürgerrecht an, vorausgesetzt, sie schworen ihrem islamischen oder jüdischen Glauben ab. Nur ganz wenige machten von diesem Angebot Gebrauch. Mehr Erfolg hatte Frankreich jedoch mit dem legendären Dekret «Lex Crémieux» vom 24. Oktober 1870, nach Isaac Adolphe Crémieux, französischer Justizminister und Gründer der jüdischen Hilfsorganisation «Alliance Israélite Universelle», benannt. Dieses Dekret verlieh bedingungslos allen algerischen Juden die französische Staatsbürgerschaft. Auf diese Weise wurden 35.000 Algerier mosaischen Glaubens französische Staatsbürger. Die Folgen des «Lex Crémieux» zeigten sich bald. Das neue Gesetz führte zu einer einmütigen Entrüstung bei den algerischen Muslimen, die sich verletzt und diskriminiert fühlten. Sie gaben einem aufkeimenden arabischen Antisemitismus Nahrung.

Ab Mitte der 20iger Jahre kam es immer wieder zu antisemitischen Ausschreitungen in Algerien, die erst mit dem Sieg der Alliierten 1945 ein Ende fanden. Die Volksfront von Ministerpräsident Léon Blum (1936-1938) zog in ganz Frankreich eine antisemitische Stimmung auf sich, die auch auf Algerien übergriff. Kurz vor dem zweiten Weltkrieg lebten 120.000 Juden in Algerien, das waren 1,5 Prozent der Gesamtbevölkerung und ein Achtel der dort lebenden europäischen Siedler. Mit der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland galten die Bestimmungen des deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommens auch für Nordafrika. Die europäischen Siedler standen in ihrer Mehrheit auf Seiten des mit Nazi-Deutschland verbündeten Vichy-Regimes, das eine antijüdische Gesetzgebung für die französischen Protektorate Marokko und Tunesien sowie für das zum französischen Mutterland zählende Algerien erließ. Am 7. Oktober 1940 wurde die «Lex-Crémieux» außer Kraft gesetzt: die algerischen Juden waren von nun an staatenlos.Bereits 1940 begann sich der Widerstand gegen das Vichy-Regime zu organisieren. Viele algerische Juden spielten eine wichtige Rolle im Untergrundkampf gegen den deutsch-französischen Faschismus. Unter ihnen tat sich besonders der 22-jährige José Aboulker hervor. Er organisierte den Widerstand in Algerien, und ihm allein war es zu verdanken, dass die Amerikaner am 8. November 1942 in Algier landen konnten. General de Gaulle, der am 3. Mai 1943 die Macht in Algier übernommen hatte, setzte die « Lex-Crémieux» stillschweigend wieder in Kraft. Im Unterschied zu Marokko, wo es König Mohammed V. gelungen war, «seine 450.000 jüdischen Landeskinder» vor der Deportation nach Hitler-Deutschland zu retten, indem er sich weigerte, die Vichy- Rassengesetze zur «Behandlung der Israeliten» anzuwenden, wurden die jüdischen Algerier Opfer der Schoa. Die Gründung des Staates Israel wurde von den algerischen Juden zwar begrüßt, aber die Zahl derer, die sich der Alija, der Einwanderung nach Eretz Israel, anschlossen, war gering.

Am 1. November 1954 griffen die Algerier zu den Waffen. Jetzt stand der gesamte Maghreb in Flammen. Damit gerieten die jüdischen Algerier zwischen alle Stühle. Verständlicherweise waren sie beunruhigt über ihr Schicksal und ihre Zukunft. Auf der einen Seite standen ihnen die antisemitischen Siedler gegenüber, und auf der anderen Seite forderte sie die «Algerische Befreiungsfront" (FLN) auf, sich ihrem antikolonialen Kampf anzuschließen. Es gab jüdische Intellektuelle, Ärzte, Handwerker, Rabbiner und Kaufleute, die den «Moudjahidine», wie die algerischen Freiheitskämpfer genannt wurden, vor Ort halfen, indem sie verfolgte FLN-Mitglieder einen sicheren Unterschlupf gewährten und auch Waffen versteckten. Mit der Plünderung der Großen Synagoge in Algier, am 24. Dezember 1960, setzte eine allgemeine Verschlechterung der Existenzbedingungen für die Juden ein, die schließlich vor der Unabhängigkeit Algeriens am 3. Juli 1962 zum Massenexodus führte. 115.000 jüdische Algerier wanderten in wenigen Wochen nach Frankreich aus, lediglich sieben Prozent emigrierten nach Israel. Heute gibt es nur noch eine Handvoll Juden in Algerien. Das algerische Judentum hat aufgehört zu existieren. Doch ihre Diasporageschichte lebt weiter in der Erinnerung der algerischen Israeliten, in ihren Büchern und ihrer Sprache, ihrem Brauchtum und ihrer Musik, ihren Liedern und Tänzen, ihren traditionellen Festen und Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, so wie es jüdischer Brauch ist.

Mourad Kusserow

«Jüdische Zeitung», Mai 2007