Gut für die Juden und gut für Israel?

 

Der «arabische Frühling»

 

Von Miriam Magall

 

Wann immer sich Änderungen im öffentlichen Leben einstellen, fragt man sich als Jude: Ist das nun gut für die Juden und auch gut für Israel? Diese Frage ist in Bezug auf den «arabischen Frühling» von ganz besonderer Bedeutung. Denn welche Richtung die Umwälzungen dort einnehmen, wird entscheidend für das Wohl sowohl der Juden, die noch in arabischen Ländern leben, als auch für Israel sein.

Der «arabische Frühling» hat in der Tat schon einiges bewirkt, leider gibt es wenige Anzeichen dafür, dass eine möglicherweise sich in Entwicklung befindliche Demokratie vom Maghreb bis Afghanistan Frieden mit dem Staat Israel vorsieht. Davon ist schlichtweg nirgends die Rede. Ganz im Gegenteil, Israel wird von den westlichen, sprich den deutschen Medien bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ermahnt, doch endlich zur Vernunft zu kommen und auf die Palästinenser zuzugehen. Es solle neben anderen Forderungen auch der nachkommen, endlich seine «illegalen Siedlungen», von denen noch weiter unten die Rede sein soll, ein für alle Male nicht weiter auszubauen, sondern vielmehr, möglichst aufzulösen. Sonst, ja, sonst, tönt es bedrohlich, könnte in den revolutionären arabischen Ländern der Zorn auf Israel noch weiter anwachsen. Wie ist das zu verstehen? Schauen wir uns die Entwicklungen doch einmal an.

 

Die Ideologie der Muslimbruderschaft

Am Sonntag, dem 23. Oktober 2011, gingen die Tunesier zum ersten Mal seit Menschengedenken in die Wahllokale, um ihre Vertreter für eine verfassungsgebende Versammlung zu wählen, die ihrerseits die Übergangsregierung bilden soll. Und zum ersten Mal durften sie Kandidaten wählen, die ihnen persönlich zusagten, nicht nur dem Autokraten Zine el-Abidine Ben Ali. Schon am Montag danach zeichnete sich ein Wahlsieg der islamistischen Partei «Ennahda» ab. Unter Ben Ali war sie verboten, ihre Vertreter saßen im Gefängnis. Die «Ennahda» ist der tunesische Zweig der Muslimbruderschaft, muss man wissen. Zwar hat sie offiziell der Gewalt abgeschworen und zugesichert, Menschenrechte wie Demokratie zu achten; damit widerspricht sie jedoch der allgemeinen Ideologie der Muslimbruderschaft.

Zur Erinnerung: Begonnen hat die tunesische «Jasmin-Revolution» am 17. Dezember 2010. Damals erfolgte die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi in der Stadt Sidi Bouzid. Danach gingen die Tunesier, Männer wie Frauen, auch sie waren von Anfang an mit dabei, auf die Straße und forderten Presse- und Redefreiheit. Und sie hatten Erfolg damit: Praktisch über Nacht verschwand der Diktator mit seiner Familie und ging ins – vorläufig – sichere Exil nach Saudi-Arabien. Damit endete mit einem Schlag seine Alleinherrschaft, die immerhin 23 Jahre angedauert hatte. Aber die Tunesier demonstrierten weiter, denn der Diktator hatte zwar das Land verlassen, aber seine Milizen hatte er im Land zurückgelassen. Und diese verwüsteten und zerstörten alles, was ihnen vor die Füße und Gewehre kam. Dabei kam es leider auch zu zwei Übergriffen auf jüdische Einrichtungen: In der Stadt El Hamma griffen Unbekannte die Grabstätte des Kabbalisten Rabbi Yosef Ma’aravi an und zerstörten das Eingangstor, ein Wachhäuschen und eine Torarolle. Am 15. Februar versuchte eine Gruppe von Salafisten, das sind die neofundamentalistischen Hüter der uralten Tradition, die sich nach den Anfängen des Islam zurücksehnen und alles Moderne verurteilen, die antijüdische Parolen schrien, in die Synagoge in Tunis einzudringen. Doch die Armee war schon nach kurzer Zeit zur Stelle und vertrieb die Angreifer.

Noch ist in Tunesien alles im Fluss. Dennoch sind sich Juden wie Nichtjuden im Land einig: Sie nehmen an Ereignissen teil, von denen sie ein Jahr zuvor nur träumen konnten: Sie bekommen den Geschmack der Freiheit zu spüren. Es bleibt zu hoffen, dass auch Tunesiens Juden, soweit sie weiterhin im Land bleiben, etwas von diesem Geschmack abbekommen.

 

Heftige antiisraelische Töne

Mit ihren ersten freien Wahlen nach dem Sturz des Diktators sind die Tunesier dem zweiten arabischen Staat, der sich eines langjährigen Diktators entledigt hat, Ägypten, schon um mehrere Schritte voraus. Um die in Ägypten heute noch lebenden Juden, ihre Zahl schätzt man auf knapp 60, es sind überwiegend ältere Männer und Frauen, muss man sich vermutlich keine großen Sorgen machen. Anlass zur Sorge geben dagegen die heftigen antiisraelischen Töne, die die ägyptische Revolution auf dem Tahrir-Platz von Anfang an begleiteten. Von den westlichen Medien beinahe unbemerkt bzw. unbeachtet blieben die antisemitischen Karikaturen – sie zeigten neben anderen den verhassten Präsidenten Hosni Mubarak mit einem Davidstern auf der Stirn. Nach 18 Tagen der Demonstrationen auf dem Tahrirplatz in Kairo trat Mubarak am 11. Februar 2011 zurück. Schon davor, verstärkt aber nach seinem Rücktritt sind die Stimmen, die eine Aufhebung des Friedensvertrags mit Israel fordern, unüberhörbar.

Zwischendurch gab es dann diesen Terroranschlag auf israelische Busse, die Zivilisten durch ganz legales israelisches Land nach Elat bringen sollten, dem und dessen Opfern etwas mehr Aufmerksamkeit zuteilwurde als anderen Übergriffen auf Juden oder Israelis. Das internationale Mitgefühl verlagerte sich jedoch nur allzu schnell auf die ägyptischen Soldaten, die israelischer Aussage zufolge in die Schusslinie gerieten, als israelische Soldaten die Attentäter in den Sinai verfolgten. Da war die Empörung des ägyptischen Volkes doch nur natürlich, so dass man ihm kaum verübeln konnte, spontan die israelische Botschaft in Kairo zu stürmen.

Am 9. September erfolgte dann auch der Sturm auf die israelische Botschaft in Kairo: Ungefähr 3.000 aufs Höchste erzürnte Demonstranten schlugen mit Hämmern und Eisenstangen auf die erst kurz zuvor um die Botschaft errichtete Mauer der Botschaft ein. Ungehindert kletterten vier junge Männer außen an der Fassade des Hauses mit der Botschaft hoch. Im 18. Stock angelangt, verbrannten sie eine israelische Fahne, legten Feuer in die Botschaftsräume und warfen Dokumente aus dem Fenster. Ungehindert drangen zudem 30 Personen unter den Augen sowohl der ägyptischen Polizei als auch des ägyptischen Militärs durch den Haupteingang in das Gebäude ein.

Dass die in der Botschaft eingeschlossenen sechs Israelis, vermutlich in höchster Todesangst, geschlagene sieben Stunden lang auf ihre Befreiung warten mussten, dass sie danach über versteckte Geheimgänge in Wagen schnellstens zum Flughafen gebracht und nach Israel ausgeflogen wurden, das alles ging im Trubel der Ereignisse im revolutionären Kairo unter.

 

Blühende jüdische Gemeinde seit der Antike

Und damit kommen wir zur dritten gelungenen arabischen Revolution, nach Libyen. Es mutet beinah schon obszön an: Der Mann, der 42 Jahre als Despot sein Land terrorisierte, unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hat und bis zum Schluss um sich schoss und schießen ließ, muss am 20. Oktober 2011 auf eher chaotische Weise endlich sein Leben aushauchen – und die Welt erregt sich darüber, wie dieses Gräuel seine letzten Sekunden verbrachte. War es ein gezielter Kopfschuss? Geriet er in die Schusslinie von Kämpfern? Ist der Ärmste verblutet? Eine UN-Kommission muss her! Amnesty International fordert eine Untersuchung! Die EU gibt sich betrübt! Mittlerweile hat es die mehrtägige Gaddafi-Leichenschau in einem Kühlhaus in Tripolis gegeben. Am 25. Oktober 2011 wurde der Leichnam Muammar al-Gaddafis, uneingeschränkter Herrscher Libyens von 1969 bis 2011, dann endlich zusammen mit der einer seiner Söhne und einiger Anhänger im Morgengrauen heimlich, still und leise in die libysche Wüste geschafft und, wie es heißt, nach islamischem Gesetz an geheimem Ort beigesetzt.

Was hat das alles mit den Juden zu tun? In Libyen gab es seit der Antike eine blühende jüdische Gemeinde. Gaddafi vertrieb die letzten aus dem Land und beschlagnahmte ihren Besitz. Schon früh in der Geschichte der libyschen Revolution suchten Vertreter der Libyschen Demokratischen Partei und des Nationalen Übergangsrats den Kontakt mit Vertretern dieser ehemaligen jüdischen Gemeinde in Libyen. Sowohl Raphael Luzon, der im Exil in London lebt und der Europa-Direktor der World Organization of Jews of Libya ist, als auch David Gerbi, ein im Exil in Rom lebender Psychoanalytiker, folgten der Einladung dieser libyschen Rebellenvertreter. Für beide ging es darum zu beweisen, dass man sich in Libyen anschickt, von einer Diktatur zu einer Demokratie überzugehen und damit auch die Rechte von Minderheiten zu achten. Für beide bedeutet das auch, dass jüdischer Besitz, Häuser und Grundstücke, wieder an seine rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben wird, dass Synagogen erneut ihrer wahren Bestimmung als Ort der Zusammenkunft, des Gebets und des Studiums zugeführt und dass zerstörte Friedhöfe wiederhergestellt werden. Im September 2011 hörten sich beide sehr optimistisch an, ja, sie sahen beinahe eine Renaissance jüdischen Lebens in Libyen voraus. Im Oktober klangen sie schon ganz anders. Gewaltsame Demonstrationen veranlassten sowohl den einen als auch den anderen, ihr Geburtsland fluchtartig zu verlassen.

Ja, und dann ist da – genau wie in Tunesien und Ägypten – noch die Sache mit den Islamisten. Schon der Nationale Übergangsrat verkündete, das geltende Recht im vom Diktator befreiten Libyen werde die Scharia sein.

Ob das für die Juden und für Israel wirklich gut ist, kann bezweifelt werden.

Die westliche Welt und ihre Medien halten sich bedeckt. Man wagt es nicht, auch nur die kleinste Kritik angesichts dieser Entwicklungen zu äußern. Aber es gibt ja zum Glück noch Israel. Und auf Israel schlägt man umso munterer ein. Dass Israel immer wieder Anschläge und Übergriffe seiner Bürger zu ertragen hat, wird in den westlichen Medien im Allgemeinen mit einem «Pech gehabt!» quittiert.

Angesichts der Entsetzensschreie über den noch immer nicht völlig aufgeklärten Tod des libyschen Diktators kann sich ein normaler Mensch nur wundern! Wo sind, wo waren die Empörung und das Entsetzen, wann immer Israelis die Opfer sind? Erinnert sei an die beiden Israelis, die sich vor ein paar Jahren in ein arabisches Dorf in den besetzten Gebieten verirrt hatten. Sie wurden auf der Polizeiwache misshandelt, aus dem Fenster geworfen und von einer aufgebrachten (wieso aufgebracht, wäre da noch zu fragen) Menschenmenge gelyncht. Da in der Westbank akkreditierten Journalisten damit gedroht wurde, sie würden ihre Akkreditierung verlieren, wenn sie mehr als nötig über diesen Zwischenfall berichteten, zogen sie es vor, sich nur auf die knappste Berichterstattung zu beschränken.

 

Empörte Stimmen fehlen

Wo sind, wo waren die empörten Stimmen, als im März dieses Jahres eine ganze Familie, insgesamt fünf Personen, in Itamar bei Nablus im Schlaf in ihren Betten ermordet wurde? Angefangen vom gerade einmal drei Monate alten Säugling bis hin zu älteren Geschwistern, drei und elf Jahre alt, und den Eltern. Pech gehabt, hieß es stattdessen beinahe schon schadenfroh. Selbst Schuld gehabt, hieß es noch weniger freundlich. Geschieht euch Recht, das waren doch nur illegale Siedler. Dass sowohl die Fatah-nahen al-Aksa-Brigaden als auch die Hamas und der Islamische Dschihad diese brutalen Morde als «heroische Heldentaten» lobte, dass die Ermordung weiterer Israelis und die Entführung ihrer Leichen angedroht wurde, dass man auf den Straßen von Rafah im Gazastreifen spontan feierte und Bonbons verteilte, das alles ging im Strudel des «arabischen Frühlings», von dem noch gleich weiter unten zu reden sein wird, unter.

Wie weiter versprochen, noch ein Wort zu den israelischen «illegalen Siedlungen»: Das jüngste Beispiel dafür ist Gilo, das jüdische Stadtviertel im Süden der israelischen Hauptstadt. Ohne sich näher zu informieren, zählen die westlichen Medien es pauschal zu den «illegalen Siedlungen», sein weiterer Ausbau wird in den deutschen Medien als den Friedensbemühungen zuwiderlaufenden Bemühungen gegeißelt, ganz zu schweigen vom palästinensischen Unterhändler Saeb Erekat, der diesen Schritt natürlich aufs Heftigste verurteilt. Das beweist allerdings lediglich, dass der palästinensische Unterhändler genauso wie die US-amerikanische und die deutsche Regierung nicht wahrhaben wollen, was sie eigentlich wissen müssten, nämlich, dass Gilo in jedem zukünftigen Friedensabkommen Teil sowohl von Jerusalem als auch des Staates Israel sein soll. Diese Tatsache wurde bisher von niemandem in Frage gestellt.

 

Sündenbock und Beweis

Aber der Fall Gilo eignet sich hervorragend als Sündenbock und Beweis dafür, wie unnachgiebig die israelische Regierung immer wieder handelt. Da ist es wahrhaftig kein Wunder, dass die palästinensische Autonomiebehörde unter ihrem Vorsitzenden Mahmud Abbas notgedrungen den Schritt ergreifen muss, den er im September 2011 ergriffen hat: Er forderte vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen die volle Anerkennung eines palästinensischen Staates. In der Vollversammlung hat er ja auch uneingeschränkt die Mehrheit der Mitglieder auf seiner Seite, im Sicherheitsrat legte, wie erwartet, der Vertreter der USA ein Veto ein.

Wo sind, wo waren die Stimmen, die Mahmud Abbas nahelegen könnten, es doch noch einmal mit Verhandlungen mit dem erklärten Feind Israel zu versuchen, und zwar ohne alle Vorbedingungen. Denn kein anderer Staat würde wohl freiwillig seiner eigenen Auflösung zustimmen, was unweigerlich erfolgen würde, ließe sich Israel auf das von Unterhändler Erekat und Vorsitzendem Abbas auf das von ihnen geforderte „Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge“ ein, um nur ein Beispiel für ihre zahlreichen Forderungen noch vor der Aufnahme irgendwelcher Friedensgespräche zu nennen. Denn die zwischen 1947 und 1948 geflohenen rund 600.000 arabischen Flüchtlinge aus dem damaligen englischen Mandatsgebiet Palästina sind nach mittlerweile über 60 Jahren auf immerhin 4,5 Millionen Seelen angeschwollen. Wofür brauchen die Palästinenser dann noch einen eigenen Staat, wenn sie alle unbedingt in den Staat Israel wollen? Naiverweise könnte man denken: Ein palästinensischer Staat für die Palästinenser, ein jüdischer Staat namens Israel für die Juden, zumal ja auch die Juden in Israel immerhin rund 800.000 Juden aus arabischen Ländern in ihrem 1948 gegründeten Staat aufgenommen und soweit integriert haben, dass von «jüdischen Flüchtlingen aus arabischen Ländern» keine Rede sein kann.

Und zum Schluss noch ein Wort zum Gefangenenaustausch. Ein einziger gekidnappter israelischer Soldat, Gilad Schalit, wurde im Oktober 2011 gegen die Freilassung von 1.027 palästinensischen Häftlingen freigelassen. Das ist ein hoher Preis für einen einzigen Gefangenen, beweist aber doch wohl, dass der – vorläufig noch immer – einzigen Demokratie im Nahen Osten ein Menschenleben wichtiger ist als alle anderen Überlegungen, selbst angesichts der Drohungen der Hamas, weitere Soldaten zu entführen, um auch die Freilassung der übrigen palästinensischen Häftlinge durchzusetzen.

Dass die Ankunft des mageren, blassen jungen Mannes in Israel den deutschen Medien gerade einmal einige Minuten wert war, dafür aber die Ankunft der ersten palästinensischen Häftlinge vor allem im Gazastreifen öffentlich mit viel Lärm und Trubel gefeiert und auch auf allen Fernsehkanälen übertragen wurde, spricht beinahe schon für sich. Dass diese palästinensischen Freigelassenen dann auch noch ausgiebig in Radio und Fernsehen interviewt wurden, wobei sie mehr als einmal durchklingen ließen, sie würden ihre Kinder in genau dem gleichen Geist erziehen, nämlich Tod unter die Israelis zu säen, das kam augenscheinlich keinem der Interviewer als geradezu obszön vor.

Eigentlich hätte man als Zuschauer, ob Jude oder auch nicht erwarten sollen, die Frage oder auch den Rat zu hören, man solle es doch zur Abwechslung einmal auf friedlichem Weg versuchen und ohne alle Vorbedingungen Verhandlungen führen. Diese Gelegenheit bietet Israel schon seit seiner Gründung im Jahr 1948 an. Vielleicht wäre es auch eine gute Gelegenheit, diese Mörder, die immerhin über 900 Morde an Israelis zu verantworten haben, an das 6. Gebot zu erinnern: «Du sollst nicht morden!»

Vor 3.400 Jahren den Israeliten am Berg Sinai verkündet, hat es nichts von seiner Aktualität verloren!

«Jüdische Zeitung», Dezember 2011