Europa nach Palästina verpflanzen

 

Ita Heinze-Greenbergs umfassende Darstellung der Architekten des «zionistischen Projektes»

 

Von Ines Sonder

 

Wie werden wir in Palästina wohnen?» – mit dieser Frage beschäftigten sich schon frühzeitig zionistische Visionäre und Planer, wie der Berliner Architekt Alexander Levy (1883–1942). Der spätere Erbauer des imposanten «Pagodenhauses » (1925) in Tel Aviv hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg seine Gedanken zur baulichen Entwicklung beim Aufbau der neuen «jüdischen Heimstätte» formuliert und 1920 die Schrift «Vom Bauen und Wohnen im neuen Palästina» herausgegeben. Die Broschüre war eine der ersten umfassenden Publikationen zu Bau- und Wohnungsfragen im Lande Israel und macht deutlich, wie stark moderne europäische Erkenntnisse auf dem Gebiet des Wohnungsbaus und der Siedlungsplanung von zionistischen Architekten für Bauvorhaben in Palästina adaptiert wurden. «Europa nach Palästina zu verpflanzen» und «in Palästina als Europäer zu leben», war in den Anfangsjahren das Credo der meisten zionistischen Planer und Architekten, wie Arthur Ruppin (1876–1943), der «Vater des zionistischen Siedlungswerkes», in seinem Werk «Dreißig Jahre Aufbau in Palästina» (1937) rückblickend schrieb.

«Europa in Palästina» ist auch der Titel eines eben im Gta-Verlag der ETH Zürich erschienenen Bandes mit dem Untertitel «Die Architekten des zionistischen Projektes 1902–1923». Mit dem Buch hat die Kunsthistorikerin Ita Heinze-Greenberg, die durch zahlreiche Publikationen zu Erich Mendelsohn und als (Ko-) Autorin zur israelischen Architektur- und Siedlungsgeschichte hervorgetreten ist, ihr Opus magnum vorgelegt. Ita Heinze-Greenberg hat viele Jahre am Technion in Haifa und an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem geforscht und gelehrt, und ist heute Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design an der TU München.

 

Lange Inkubationszeit

Der Band «Europa in Palästina» hatte eine lange Inkubationszeit, seine Anfänge liegen 20 Jahre zurück. Manche Projekte brauchen Weil, Blickwinkel dehnen und verändern sich, neue Themen drängen ins Bild. Zwei Dekaden, in denen wichtige Publikationen und Monographien zur Architektur- und Siedlungsgeschichte von Israels vorstaatlicher Epoche vorgelegt respektive Biographien zionistischer Architekten untersucht wurden. Die meisten flossen in diesen Band ein, ebenso die vielen Veröffentlichungen der Autorin selbst, die sie auf Konferenzen im In- und Ausland und in Fachzeitschriften publizierte. Auch wenn der in das Thema Eingeweihte auf viel Vertrautes stößt – ein Novum ist das Buch allemal, da es die bisherigen Puzzlestücke vereint, durch neue Erkenntnisse vermehrt und zu einem Gesamtbild des frühen zionistischen Aufbauwerkes montiert. Der Uneingeweihte wird auf eine neue Welt stoßen, ein kulturelles und architektonisches Experimentierfeld, das in Europa seinen Anfang nahm und am Rand des östlichen Mittelmeers seinen baulichen Widerhall fand, anschaulich und facettenreich geschildert, wie nur wenige Publikationen zum Thema.

 

Ungewöhnliche Zeitspanne

Was zunächst auffällt, ist die ungewöhnliche Zeitspanne der Untersuchung, die Jahre 1902 bis 1923. In der (kunst-) historischen Forschung, die ihren Fokus an signifikanten Eckdaten der Geschichte festmacht, sucht man vergeblich nach Anhaltspunkten, erst Recht wenn es um das Thema Zionismus und Palästina geht. Dem mit der zionistischen Historiographie und ihren Schriften vertrauten Leser sind diese Daten jedoch geläufig: 1902 veröffentlichte Theodor Herzl, der Gründervater der Zionistischen Weltorganisation (gegr. 1897) seine Romanutopie «Altneuland», in der er seine Vision einer künftigen jüdischen Gesellschaft im Lande Israel, dem alten neuen Land, in das Jahr 1923 projiziert. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von «Altneuland» war Palästina noch Teil des Osmanischen Reiches, 21 Jahre später stand das Land nach dem Ende des Ersten Weltkrieges unter britischem Mandat. Herzl selbst hat dies nicht mehr erlebt, er starb 1904 im Alter von nur 44 Jahren.

«Europa in Palästina» erzählt in acht Kapiteln von dieser frühen Experimentierphase des zionistischen Projektes, beginnend mit Herzls Traum eines erblühten jüdischen Gemeinwesens. «Traum ist von That nicht so verschieden wie mancher glaubt», hatte der Zionistenführer im Epilog von «Altneuland» geschrieben. Darin entwarf er die Utopie einer neuen Gesellschaft, basierend auf genossenschaftlichen Grundsätzen und frei von jeglichen wirtschaftlichen, sozialen und ideologischen Disparitäten. Den Weg zu einem jüdischen Nationalstaat, wie er ihn noch im «Judenstaat » (1896) entworfen hatte, hat Herzl in seinem Roman vor dem Hintergrund des Scheiterns seiner politischen Bemühungen verlassen. Trotz der vielfältigen Ideen – vom Siebenstunden-Arbeitstag bis zum friedlichen Zusammenleben mit den arabischen Nachbarn – und baulichen Impressionen war dem Buch jedoch kein literarischer Erfolg beschieden. Sein säkularer und auf westlich-zivilisatorischem Denken basierender Grundtenor hatte vor allem wegen der nur marginalen Behandlung der jüdischen Tradition und Wiederbelebung der hebräischen Sprache starke Kritik innerhalb der zionistischen Bewegung hervorgerufen, allen voran des Kulturzionisten Achad Ha’am (1856–1927).

 

Der «erste Baumeister der jüdischen Renaissance»

Einem von Herzls engsten Mitstreitern in der zionistischen Bewegung, dem Wiener Architekten Oskar Marmorek (1863–1909), ist das zweite Kapitel gewidmet. In «Altneuland » verkörpert er als «Architekt Steineck» den begabten Erbauer der modernen Städte und landwirtschaftlichen Siedlungen von Herzls Neuem Zion. Als Mitbegründer der zionistischen Wochenzeitung «Die Welt» hatte Marmorek schon 1897 auf Herzls Bitten eine Artikelserie zu «Baugedanken für Palästina» verfasst. In Herzls Augen war er der «erste Baumeister der jüdischen Renaissance ». 1903 gehört er zu den Teilnehmern der El-Arish-Expedition, die das Ergebnis intensiver Bemühungen und langer Verhandlungen Herzls mit britischen und ägyptischen Autoritäten über eine mögliche jüdische Ansiedlung unter britischer Kontrolle auf der Sinai-Halbinsel war. Von Herzl als Interimslösung vor allem für die von Pogromen verfolgten russischen Juden gedacht, blieb das Projekt jedoch ohne Erfolg.

Zwei Jahre nach Herzls frühem Tod wurde 1906 in Jerusalem die Bezalel-Kunstakademie als erste Kunstgewerbeschule in Erez Israel gegründet. Ihre Gründung gilt innerhalb der israelischen Kunstgeschichte als Beginn einer nationalen Kunstentwicklung, deren Ziel die Schaffung eines spezifisch «erez-israelischen Stils» war. Spiritus rector war der aus Litauen stammende Bildhauer Boris Schatz (1867–1932), dessen Aktivitäten für die Gründung der Schule und sein Engagement als erster Direktor bis heute zu den großen Leistungen des Kulturzionismus zählen. Mit ihm beschäftigt sich das dritte Kapitel. Neben der künstlerischen Arbeit der Schule und ihrer Werkstätten wird auch erstmals ausführlicher die 1910 von Schatz geplante Bezalel-Kolonie vorgestellt, eine Kunsthandwerker-Siedlung in Ben Shemen 40 Kilometer nordwestlich von Jerusalem nach dem Vorbild der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung.

 

«Architekt des Aufbaus»

Boris Schatz’ Bezalel-Kolonie war eines jener Projekte vor dem Ersten Weltkrieg, die auch den Schreibtisch von Arthur Ruppin passierten, der seit 1908 der Leiter des Palästina- Amtes in Jaffa war. Der aus Posen stammende Ruppin hat wie kein zweiter das jüdische Siedlungswerk geprägt und ging als «Architekt des Aufbaus» in die zionistische Historiographie ein. Die von ihm mitbegründete Palestine Land Development Company (PLDC), eine Ggesellschaft zum Landkauf und seiner Besiedlung, sah vor dem Ersten Weltkrieg ihr Vorbild vor allem in dem sogenannten Posener Modell der Königlich-Preußischen Ansiedlungskommission zur «Germanisierung » der Provinzen Posen und Westpreußen, ein bis heute kritisch bewertetes Leitbild der ersten Jahre. Neben seinen Aktivitäten als Gründungsinitiator zahlreicher Kibbuzim und Moschavim machte sich Ruppin auch als «Vater der jüdischen Soziologie» verdient, seine Lebensleistung das vierte Kapitel behandelt.

Zu den Verdiensten Arthur Ruppins gehörte auch sein persönliches Engagement für die Gründung von Tel Aviv, der späteren «ersten jüdischen Stadt», die 1909 als erster jüdischer Gartenvorort nach europäischen Vorbild in Palästina errichtet worden war. In die erste Planungsphase war auch der Wiener Architekt und K.u.k.-Baurat Wilhelm Stiassny (1842–1910) involviert. Den Namen Tel Aviv (hebr. Frühlingshügel) erhielt der Vorort 1910 nach der hebräischen Übersetzung von «Altneuland» von Nachum Sokolov. In den 1930er Jahren waren es wiederum jüdische Architekten aus Europa, die Tel Aviv in ein Laboratorium der architektonischen Moderne verwandelten, mit zahlreichen Bauten im Internationalen Stil. Die White City von Tel Aviv wurde 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Das fünfte Kapitel gibt Einblicke in die Hintergründe der Planung und ersten Dekaden von Tel Aviv.

Der Berliner Architekt Alexander Baerwald (1877–1930) starb zu früh, um die architektonische Entwicklung Tel Avivs in Richtung Moderne zu erleben. Er war der Hauptvertreter des neu zu schaffenden «erez-israelischen» Baustils, sein Leben und Werk wird in einem weiteren Kapitel vorgestellt. Als jüdischer Architekt hatte Baerwald in Deutschland den Rang eines Preußischen Regierungsbaumeisters erworben und zwischen 1912 und 1914 im Auftrag des Hilfsvereins der deutschen Juden den Bau der Jüdischen Anstalt für Technische Erziehung, das heutige Technion auf dem Karmelberg bei Haifa, geplant. Das in einem eklektischen Stil mit orientalisierenden Formelementen errichtete Gebäude wurde 1925 eröffnet und gilt als die älteste Hochschule Israels. Daneben bereicherte er die Architekturlandschaft des neuen Jischuv durch zahlreiche öffentliche und private Bauten, darunter das Wohnhaus für den Berliner Graphiker Hermann Struck (1876–1944) in Haifa.

Alexander Baerwald war 1920 auch in das zionistische Großprojekt der Gründung der sogenannten Nordau-Gartenstadt involviert, geplant als Ehrung zum 70. Geburtstag des zionistischen Altmeisters und Herzl-Vertrauten Max Nordau (1849–1923). Diesem und anderen Siedlungsprojekten ist das vorletzte Kapitel gewidmet. Zu den wichtigsten Förderern des jüdischen Siedlungsbaus in Deutschland, die ihre Ideen und Konzepte für Palästina in vielfältigen Schriften publizierten, gehörten Franz Oppenheimer (1864–1943), Davis Trietsch (1870–1935) und Selig Soskin (1872–1959), auf deren unmittelbare Initiativen später die Siedlungen Merchavia (Oppenheimer), Ramoth Hashavim (Trietsch) und Naharijah (Soskin) gegründet wurden. Später war es der ebenfalls aus Deutschland stammende Architekt Richard Kauffmann (1887–1958), der 1920 zum ersten zionistischen Stadt- und Siedlungsplaner nach Palästina berufen worden war und für die städtebaulichen Strukturen der ersten Kibbuzim und Moschavim verantwortlich zeichnete. Seine Pionierleistung für die Kibbuz-Planung der 1920er Jahre wird in der vom 25. November 2011 bis 9. April 2012 gezeigten Ausstellung «Kibbuz und Bauhaus» in der Stiftung Bauhaus Dessau zu sehen sein.

Last but not least wird ein Blick auf die ersten Kraftwerk gerichtet, allen voran die Planungen von dem aus der Ukraine stammenden Pinhas Rutenberg (1879–1942). Bereits Herzl hatte in «Altneuland» geschrieben, dass die wichtigste Voraussetzung für die Verwirklichung einer modernen und zukunftssicheren Landesplanung in einer klimatischen Region wie Palästina das Wasser sei. «Die wahren Gründer von Altneuland», so einer der später oft zitierten Sätze des Romans, «waren die Wasserbautechniker ». Rutenberg hatte mit seinen Kraftwerken die Voraussetzungen für die Urbarmachung und Industrialisierung des Landes geschaffen.

 

Angemessene Tiefenschärfe

Wer sich einen Einblick in die vielfältigen Bemühungen des frühen zionistischen Projekts verschaffen will, dem sei «Europa in Palästina» ausdrücklich empfohlen. Andreas Tönnesmann, Professor für Architekturund Kunstgeschichte an der ETH Zürich, liegt ganz richtig, wenn er in seinem Geleitwort schreibt, dass es diesem Buch gelingt, «in angemessener Tiefenschärfe ein zentrales Kapitel der nahöstlichen Siedlungsund Architekturgeschichte aufzuarbeiten, von dem wir bisher wenig wussten und das – wie wir jetzt erfahren – im Europa des 19. Jahrhunderts seine Wurzeln hatte». Leider ist die Einführung in das Thema etwas kurz geraten, und ein Resümee, das auch die kritische Seite dieses westlichen Ideen- und Kulturtransfers beleuchtet ein europäischer «Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei » zu sein, wie es Herzl im «Judenstaat» genannt hatte – wäre wünschenswert gewesen.

Die Auswahl der Fotografien, darunter viele neue und bekannte zum ersten Mal im Großformat, bebildert anschaulich die Anfänge des zionistischen Projektes. Das umfangreiche Literaturverzeichnis beschränkt sich nicht nur auf den Nachweis der verwendeten Publikationen und Quellen, sondern muss als umfassendere Bibliographie zum Thema gelesen werden, da auch Werke von und über Personen erwähnt werden, die im Text gar nicht vorkommen, darunter der eingangs zitierte Alexander Levy.

 

Dr. Ines Sonder ist Kunsthistorikerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses- Mendelssohn-Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, mit dem Forschungsschwerpunkt Architektur- und Kulturgeschichte Israels. Zuletzt erschien ihre Biographie «Lotte Cohn. Baumeisterin des Landes Israel» (Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag 2010).

«Jüdische Zeitung», Dezember 2011