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War Heinrich von Kleist Rassist? Und wie stand es um sein Verhältnis zu den Juden? Zu einer noch immer aktuellen Kontroverse anlässlich des Kleist-Jahres
Dass die Inschrift auf dem Kleist-Gedenkstein am Kleinen Wannsee von einem jüdischen Autor stammte, konnte Goebbels‘ Propagandaministerium nicht verwinden. Im Jahr 1941 wurde der Vierzeiler Max Rings entfernt und der Ort «arisiert», an welchem Kleist erst seine Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst erschossen hatte. «Er lebte, sang und litt / in trüber, schwerer Zeit. / Er suchte hier den Tod / und fand Unsterblichkeit » hatte Ring einem von ihm gesetzten Stein in einer neuen Einfriedung 1862 eingravieren lassen. Goebbels’ Ministerium beließ es dann mit einer Zeile aus Kleists letztem Drama: „Nun / o Unsterblichkeit, bist du ganz mein.» Sollte mit der jüdischen Würdigung zugleich auch das Selbstmordthema getilgt werden? Kleist galt den Nationalsozialisten als geistiger Wegbereiter des deutschen Wesens, als ihr Klassiker schlechthin. Und wie konnte der frühe «Verkünder des nationalsozialistischen Deutschlands» den Ausweg aus seiner Verzweiflung auch ausgerechnet im Selbstmord gefunden haben?
Stilisierung zum Propheten des «Dritten Reichs» Kleists Stilisierung zum Propheten des «Dritten Reichs» hatte bereits 1936 die Feierlichkeiten zu seinem 125. Todestag bestimmt. Auf den damaligen Kleist-Festwochen in Bochum empfahl der Germanist Karl Justus Obenauer die Biographie des Dichters als «Weg zu Volk, Staat und Vaterland». Obenauer vertrat die Ansicht, dass «Kleist in die lebendig pulsierende Wirklichkeit des völkischen Seins jetzt erst ganz eintritt, sein Wesen ganz enthüllt und an seine ihm im geistigen Raum der Nation zukommende Stelle rückt». So abgehoben diese metaphysischen Raum- und Seinsvermessungen auch erscheinen mögen, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die NS-Germanisten beim historischen Kleist durchaus Anknüpfungspunkte fanden. Erinnert sei nur an die martialische Freund-Feind-Rhetorik in seiner Kriegslyrik, in der Germania-Ode etwa, die sich geradewegs als Aufruf zu einem Vernichtungskrieg gegen Frankreich liest. Oder der mythisch verklärte Führer in seinem Drama «Die Hermannsschlacht», der sich mit heroischem Pathos erfolgreich der Fremdherrschaft erwehrt. Kleists preußischer Nationalismus entlud sich in diesen Texten so gewaltvoll wie rauschhaft und agitatorisch. Dahinter aber standen die Wirren eines entsicherten aristokratischen Lebensplans, die tiefe Erschütterung durch den Zusammenbruch der alten preußischen Ordnung und die Ohnmacht angesichts der Europa unter sich begrabenden napoleonischen Kriegsmaschinerie. Die Zeit werde «eine neue Ordnung der Dinge hervorbringen und wir werden nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben», schrieb er seinem Freund Rühle von Lilienstern. Je unsicherer der eigene Platz, die eigene Beheimatung war, umso entschiedener wohl die Flucht in den preußischen Gleichschritt. Und daher gehören zu Kleist die Widersprüche, die Brüche und inneren Krisen, in denen neben seinem Hass auf alles Französische nicht zuletzt auch zukunftsweisende kosmopolitische Ideen und ein humanistischer Universalismus hervortraten – ein Umstand, den die NS-Germanisten verschwiegen, wenn sie den Dichter an ihre ideologische Front schickten. Für Obenauer war Kleist darüber hinaus allerdings nicht nur ein nationaler Vorkämpfer, sondern auch Rassist und Antisemit. In ihm finde sich das tiefe Bewusstsein für die Bindung an «Sippe, Geschlecht und Familie» und eine klare «germanisch- deutsche Wirklichkeitsauffassung». Aber lassen sich für solche Berufungen auch Belege finden? Und wie stand es um das Verhältnis von Kleist zu den Juden?
Paralleltext zur «Hermannsschlacht» Im gleichen Monat des Jahres 1936, in welchem die Nazis in Bochum ihre Kleist- Festwoche abhielten und Obenauer vom germanischen Dichterfürsten Kleist schwadronierte, trotzte ihnen der frühere «Weltbühne»-Autor Kurt Kersten aus seinem Prager Exil. In der damals noch erscheinenden «Jüdischen Revue» widersprach er der zeitgenössischen Lesart und nahm den Dichter gegen die rassistischen und antisemitischen Vereinnahmungen in Schutz. Kersten verwies auf die Zeit, in der sich Kleist als politischer Emigrant in Prag tief beeindruckt zeigte von dem jüdischen Ghetto der Altstadt. Der Anblick eines durch seine kulturellen Leistungen hochstrebenden Volkes, welches zugleich gewaltsam in alle Welt versprengt worden war, rief eine starke Anteilnahme hervor. Zeitzeugen schilderten später, wie er sich intensiv mit der jüdischen Kultur und Geschichte beschäftigt hatte und die Idee verfolgte, ein Trauerspiel über die Belagerung und Zerstörung Jerusalems durch Titus zu verfassen. Gewissermaßen als Paralleltext zur «Hermannsschlacht», aus der Perspektive eines vom römischen Imperialismus bedrängten Volkes. Aufzeichnungen Kleists zu einer solchen Tragödie wurden nie ausfindig gemacht. Ein Fragment mit dem Titel «An die Zeitgenossen» aus seiner Prager Zeit jedoch stimmt schon den Ton an, mit welchem er sich diesem Stoff annehmen wollte: «Was! Dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, diese Stadt Gottes, von seinen leibhaftigen Cherubinen beschützt, sie sollte, Zion, mit Zinnen und Mauern, zu Asche versinken? Der Tod sollte die ganze Bevölkerung hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggeführt werden, und die Nachkommenschaft, in aller Länder der Welt zerstreut, durch Jahrtausende und Jahrtausende, auf ewig elend, verworfen das Leben der Sklaven führen?» Kleist litt an den großen Umbrüchen seiner Zeit und es war eben dieses Leiden, welches ihn – wie bewusst auch immer – in eine gewisse Nähe, eine Identifikation mit dem Schicksal der jüdischen Diaspora versetzte. Nichts schien ihm entsetzlicher als die Spaltung und die Verbannung eines Volkes in die Ort- und Heimatlosigkeit. Und in eben diesem heimatlosen Zustand sah er das unter der napoleonischen Herrschaft in viele Länder zerstückelte Deutschland und auch sich selbst – immer auf der Suche nach einem eigenen Platz, immer auf Reisen.
Keine Spur von Antisemitismus Um Kleist als bekennenden Antisemiten darzustellen, musste die NS-Germanistik viel herbeiphantasieren. Richtig ist, dass sich bei ihm nicht die geringste Spur einer antisemitischen Einstellung finden lässt. Und das obgleich die ihn umgebenden Frühromantiker der «Christlich-deutschen Tischgesellschaft» wie Achim von Arnim, Clemens Brentano oder Adam Müller daran nicht sparten. Während sie ihren Hass gegen die Philister der Aufklärung spöttisch mit offener Judenfeindschaft verbanden, suchte Kleist den Umgang mit der jüdischen Intelligenz Berlins, verkehrte in den Salons der Henriette Herz und Rahel Levin. Rahel ist es schließlich auch, die als erste Worte fand zu dem Freitod des Dichters – sein Freund und Mitarbeiter Adam Müller brauchte Monate, um sich einen reservierten Nachruf auf den sündhaften Selbstmörder abzuringen. Rahels Brief an Alexander von Marwitz, nur wenige Tage nach Kleists Tod, lässt erahnen, wie vertraut sie mit ihm war: «Ich freue mich, dass mein edler Freund – denn Freund ruf’ ich ihm bitter und mit Tränen nach – das Unwürdige nicht duldete: gelitten hat er genug.» Den «Unglückseligen», so nannte Rahel Levin Heinrich von Kleist und griff somit den Versen Max Rings vor. Dessen Inschrift befindet sich seit kurzem wieder auf dem Gedenkstein in dem Winkel zwischen der Königstraße und der Bismarckstraße in Berlin-Zehlendorf. Anlässlich des 200. Todestages wurde der Stein am Kleinen Wannsee neu gestaltet, bereinigt von den nationalsozialistischen Aneignungsversuchen. |