Tora-Krone Foto: Judaica für alle Sinne

Ritual und Form

Die Yeminis: Design im Dienste des Judentums

 

Der jüdische Kalender bietet zahlreiche Gelegenheiten für den Gebrauch von wunderbar gefertigten Kultobjekten: Ein schön gestalteter Kidduschbecher oder ein Paar feingliedriger Schabbatkerzenleuchter schmücken so gut wie jeden jüdischen Haushalt. Und wenn man die Kerzen an so einer außergewöhnlichen Chanukkiah anzündet oder zu Hawdala den Duft aus einer handgefertigten Besamim-Büchse einatmet, dann wird die Kraft des rituellen Objektes freigesetzt, und die Auseinandersetzung mit dem Symbol beginnt - solche Judaica bilden quasi die Schnittstelle von Glauben und Kunst.

Yehia Yemini, Spross einer jemenitischen Familie, die schon seit Generationen Silber bearbeitet, begann seine Ausbildung im Jahr 1908 im zarten Alter von elf Jahren an der Jerusalemer Bezalel-Hochschule für Kunst. Die Schule war erst zwei Jahre davor gegründet worden, bestand zunächst bis 1929 und war bestrebt, einen eigenen künstlerischen Stil zu entwickeln, in dem sich westliche und östliche Einflüsse verbanden. Die Idee dazu hatte Boris Schatz, der sich damit 1904 an Theodor Herzl wandte. Yehia Yemini selbst, sein Sohn Yaakov, sein Enkelsohn Boaz und dessen Ehefrau Margie besuchten alle die Bezalel-Schule, die ursprünglich im Dienste einer zionistisch ausgerichteten Kunst gestanden hatte, die «den schlummernden Geist der alten Propheten Israels erwecken wollte.» Später leistete sie einen enormen Beitrag zur zeitgenössischen jüdischen Kunst, die eine Mischung aus internationalem Design im Bauhaus-Stil und wiedererwachten Interesse an jüdischen Ritualobjekten darstellte.

Die Frage ist nun, wie sich diese angebliche Kraft des rituellen Objektes genau manifestiert, und welche Bedeutung in solch schlichten rituellen Objekten verborgen ist. Die Antwort ist: Design. Das war die große Innovation von New Bezalel, der 1935 von Berlin aus wiederbegründeten Akademie. Im Weg über die modernistische Bauhaus-Ästhetik leistete sie einen Beitrag zur besseren Würdigung von Judaica im auslaufenden 20. Jahrhundert. Dem modernen Konzept des Designs liegt die Forderung zu Grunde, Form und Funktionalität eines Gegenstandes in einem geschärften Bewusstsein für die verwendeten Materialien dafür einzusetzen, einem funktionellen Objekt neue Bedeutung zu verleihen. Besucht man die Familie Yemini in ihrem Studio in der Hirshenberg Street Nr. 6 in Jerusalem, so eröffnet sich allein in der Auseinandersetzung mit dem Thema «Besamim» eine Tour de Force der Generationen, die sich über 60 Jahre erstreckt. In einem Schaukasten sieht man Yehia Yeminis Silber-Besamim aus den vierziger Jahren, feingliedrig und traditionell. Daneben die Besamim-Behälter seines Sohnes aus dem Jahr 1985. Und schließlich stellt der Enkelsohn Boaz eine noch modernere Interpretation des traditionellen Gegenstandes zur Schau. Wobei die Yeminis genau genommen nichts zur Schau stellen; es gibt keine werbewirksame Website, und die Adresse des Ateliers in der Nähe des alten Bezalel-Gebäudes ist nicht sofort ausfindig zu machen. Dabei hat die Familie weit über Israel hinaus Renommee: ihre Arbeiten waren zuletzt in Frankfurt, Wien und Sao Paulo zu sehen, schmücken aber auch die riesige Park Synagogue von Cleveland in den USA. Die Familie Yemini ist ein beredtes Beispiel dafür, dass die Weiterentwicklung von Judaica sich in bestimmten Familiengeschichten widerspiegelt. Anhand ihrer Geschichte kommt aber auch das Motiv von Lehrer und Schüler zum Tragen: Vater und Sohn, Lehrer und Schüler, Ehemann und Ehefrau arbeiten auf das Engste zusammen. Die Kraft dieser Judaica lässt sich nicht durch Fotografien vermitteln: So wie jedes plastische Werk muss man sie aus verschiedensten Blickwinkeln betrachten, um sie herumgehen und sie in vielerlei Perspektiven genießen. Diese Erfahrung vermittelt uns die Kraft von rituellen Objekten, die darin liegt, unsere eigenen Erfahrungen zu transformieren, während wir die Gegenstände gebrauchen und mit ihnen die Mitzwot erfüllen. Tatsächlich können einzelne Judaica-Objekte nur dann ihre Botschaft vermitteln, wenn der Künstler bestrebt ist, «be'zal - el» zu sein: einer, der im Schatten Gottes steht. Die Yeminis zeigen uns, wie erfolgreich dies von Generation zu Generation geschehen kann. Und angesichts der wachsenden Zahl von Synagogenneubauten und Gemeindemitgliedern, die sich auf ihr jüdisches Erbe besinnen, kommt einem in den Sinn, dass Deutschland einmal ein Zentrum der internationalen Judaica-Produktion war: Eine Entwicklung, die durch Nationalsozialismus und Schoa jäh unterbrochen wurde. Sollte die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nicht einen Versuch machen, diese Tradition wieder aufzunehmen? Die Yeminis können 2008 auf hundert Jahre Erfahrung mit Judaica-Design zurück blicken - vielleicht ein Anlass, ihre Arbeiten und deren Geschichten auch hierzulande zu präsentieren. Bei ihrem letzten Berlin-Besuch haben Boaz und Margie Yemini im Jüdischen Museum bereits ein bekanntes Objekt aus der Familienwerkstatt entdeckt: allerdings ohne Herkunftsbezeichnung.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Mai 2007