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Wie Lagerfeuer und Haare schneiden zusammenhängenLag Ba’Omer ist ein freudiger Tag und eventuell eine haarige Angelegenheit
An Lag Ba'Omer kommt vieles zusammen. Eigentlich ist der 33ste Tag der Omerzählung, der dieses Jahr auf den 6. Mai fällt, ein freudiger Tag während der Trauerzeit zwischen Pessach und Schawuot. Ein Tag fürs Familienpicknick, für Hochzeiten und Haare schneiden. Beachtet man seine historische und die talmudische Erklärung, so ist dies eher befremdlich. Historisch sieht man Lag Ba'Omer als Jahrestag eines Pogroms in Jerusalem vor der Zerstörung des Tempels. Dies markierte den Anfang einer langen Reihe jüdisch-römischer Auseinandersetzungen. Beim geselligen Familienpicknick heute ziehen die Kinder zur Erinnerung an den Freiheitskampf daher mit Gummipfeil- und Bogen umher. Nach dem Talmud hatte an Lag Ba'Omer das große «Schülersterben» ein Ende, und zwar im Jahre 135 üblicher Zeitrechnung. Da dauerte der Aufstand der Juden unter Bar Kochba gegen die jüdische Besatzung bereits drei Jahre an. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und auch Rabbi Akiva, eine der Leitfiguren, getötet. Eine mysteriöse Pest wütete anschließend unter seinen Schülern und raffte 24.000 von ihnen hinweg, angeblich weil sie es an gegenseitiger Achtung fehlen ließen. Erst an Lag Ba'Omer endete die Epidemie. Schließlich ist Lag Ba'Omer der Todestag des Akiva-Schülers Schimon bar Jochaj, ein Anlass, der den Tag am meisten prägt. Der Gottesmann verstarb nach der Zerstörung des zweiten Tempels um 150 üblicher Zeitrechnung in Meron im Galil. Er gilt als Begründer der Kabbala und Verfasser des Sohar, der bedeutendsten Schrift der jüdischen Mystik. Seine Anhänger, so wollte es der Lehrer von Jehuda HaNassi, sollten seinen Tod nicht in Trauer begehen. Als Metapher für seine erleuchtenden Worte entzündeten sie zum Gebet Feuer neben seinem Grab. Da nach kabbalistischem Verständnis die Seele der Frommen jedes Jahr am Todestag erneut aufersteht, feiert man die «Yahrzeit» noch heute mit Ausflügen zu den Gräbern, Picknicks und großen Lagerfeuern. Wer kann, pilgert nach Meron und folgt dort vielleicht dem Beispiel des Rabbis Isaac Luria. Der große Interpret der kabbalistischen Lehre lebte im 16ten Jahrhundert. Er führte seinen dreijährigen Sohn zum Grab des weisen Kabbalisten und schnitt ihm dort die Haare, um ihn gemäß der Tora im Sinne der «Orla» nicht länger «ungelöst» zu lassen. Für Damson Raphael Hirsch, dem Vordenker der deutschen Neo-Orthodoxie im 19. Jahrhundert, bedeuteten «Orlat HaRosch» und der erste Haarschnitt die symbolische Entfernung von all dem, was das Verständnis der Tora beschränken könnte. «Wenn das Kind drei Jahre alt ist beginnt die jüdische Erziehung», erklärt der Kölner Chabad-Rabbiner Mendel Schtrocks zur «Chalaka», dem «Glattscheren». «Das soll mit dem ersten Haarschnitt an Lag Ba'Omer besonders begangen werden. Isaac Luria zählte darauf, dass die Nähe zum Grab des bar Jochaj seinem Kind in seiner Laufbahn hilft.» Nicht jeder kann nach Meron pilgern, doch geschnitten werden kann ohnedies. Dabei schneiden orthodoxe und streng religiöse Juden meist klassisch: mit Schläfenlocken (hebräisch «Peot», jiddisch «Peies»). Dabei folgen sie dem göttlichen Gesetz, wonach das Haupt zwischen Stirn und Ohren bedeckt sein muss. Der Talmud definiert die Region genauer: um und über den Ohren bis zum Niveau der Nase. Das Tragen der Schläfenlocken (und später das eines Bartes) geht auf das Verbot zurück, das Gesicht mit scharfen und schneidenden Gegenständen zu berühren: «Ihr sollt euer Haar am Haupt nicht rundherum abschneiden» (Lev 19:27). Nach den Schriften des mittelalterlichen jüdischen Gelehrten Moses Maimonides (1135-1204), so Rabbiner Schtrocks, waren die Schläfenlocken außerdem ein Mittel der Juden sich gegenüber der Haartracht anderer Priester abzusetzen. Schläfenlocken dürfen nicht abgeschnitten werden. Und auch schneiden lassen sich die Peies nicht problemlos, ebenso wenig der Bart. Zumindest mit Messer oder Klinge, das verbietet das göttliche Gesetz. Mit einem auf dem Scherenprinzip basierenden modernen Rasierapparat wäre jedoch das Lockentrimmen und Rasieren auch für Orthodoxe und Strenggläubige möglicherweise einfach und gottgefällig. Und einige Hilfsmittel für eine korkenziehergleiche Lockenpracht muss es doch geben, denn nicht jeder hat Naturkrause. Jedoch - die Locken müssen nicht gelockt sein, belehrt Rabbiner Schtrocks, lediglich 40 Seitenhaare müssen darin versammelt sein: «Meine sind ziemlich gerade!» In der Länge und Tragweise können die Schläfenlocken durchaus variieren. Bei Chabad Lubawitsch trägt man stets Ohrlänge, unter den chassidischen Juden lässt man die Schläfenlocken lebenslang unbeschnitten. Yemenitische Juden trugen das Seitenhaar bis zu Armlänge. Nach dem Stil der Juden aus Gur wurden die Haarenden unter die Kippa gesteckt. Vor dem Ohr geknotet oder sauber hinter die Ohren gesteckt - auch das sind mögliche Tragweisen. Im Falle ungewollter Haarlosigkeit kann man sich mit dem gesparten Aufwand trösten: «Wenn jemand keine Haare hat, dann greift das Gesetz nicht. Wenn ich nichts zu essen habe, dann brauche ich mir ja auch keine Gedanken zu machen, ob es koscher ist», so Rabbiner Schtrocks. |