Jüdischsein erwünscht

Die Fachhochschule Erfurt startet den Studiengang Jüdische Sozialarbeit

 

Die Fachhochschule Erfurt führte dieses Semester einen Studiengang ein, den sie als einzigartig bezeichnet. Dies, so zeigt sich, ist er auch. Der Bachelor «Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Jüdische Sozialarbeit» ist ein Pilotprojekt des Zentrums für Weiterbildung an der Fachhochschule der thüringischen Landeshauptstadt. Europaweit wachse die Zahl der jüdischen Gemeinden, das sei Anlass genug, die jüdische Sozialarbeit noch mehr zu fördern, so begründet die FH ihr neues Studienangebot. Gedacht ist die neue Qualifikation für Personen, die bereits im Umfeld der jüdischen Gemeinden tätig sind - als Sozialarbeiter, jedoch bisher ohne Ausbildung. Nach sieben berufsbegleitenden Semestern mit Präsenzphasen, Praktika und Selbststudium via E-Learning sollen diese dann den akademischen Grad in der Tasche haben. Das findet Anklang, der Studiengang hat mehr Bewerber als Studienplätze. Blutjung ist der Studiengang, doch Ausbildung wird zählen auf dem künftigen Arbeitsmarkt: «Der Bachelor ist sicherlich ein guter Start in die berufliche Entwicklung. Denn die öffentliche Hand und die Sozialgesetzgebung verpflichten die Träger der sozialen Wohlfahrt qualifiziertes Personal einzustellen», erklärt Esther Weitzel-Polzer, die mit ihrem Kollegen Doron Kiesel die wissenschaftliche Leitung des Studiengangs trägt. Das Arbeitsfeld der zukünftigen Sozialarbeiter mit dem jüdischen Schwerpunkt wird breit gefächert sein, von der Jugend- und Seniorenarbeit über Integrationshilfen und Zuwandererberatung bis zur Projektarbeit.

Für 24 Studenten begann Ende April das Büffeln. Die meisten stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und haben eine akademische Ausbildung: als Lehrer etwa, als Ingenieur oder Ökonom, jedoch nicht als Sozialarbeiter. Der Grund ist einfach - Sozialarbeit gab es nicht im damaligen Studienangebot. Nun werden sie eingeführt in rechtliche, geschichtliche und ethische Aspekte der Sozialen Arbeit. Medien, Gender und Internationalität stehen auf dem Studienplan, stets «unter besonderer Beachtung der Strukturen jüdischer Einrichtungen oder Führungskonzepte» oder «unter besonderer Beachtung jüdischer Geistes- und Sozialwissenschaftler». Letzteres liegt den wissenschaftlichen Leitern ganz besonders am Herzen: «Jüdische Sozialarbeit hat eine lange Tradition, die durch die historische Entwicklung in Deutschland unterbrochen wurde. Den Beitrag, den jüdische Meisterdenker bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gerade für die Theorie der Sozialen Arbeit leisteten, wollen wir ganz besonders betonen und vermitteln. Dieser Aspekt ist den meist aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion stammenden Studenten unbekannt», so Weitzel-Polzer. Hinzu kommt geschichtliches Hintergrundwissen zur Schoa und der jüngeren Vergangenheit, insbesondere der massiven jüdischen Zuwanderung nach Deutschland während der 90er Jahre. «Gesundheit, Krankheit und Behinderung», «Sozialpolitik» oder «Gruppen- und familienbezogene Methoden» heißen weitere Module, aber auch «Management und Organisation». Letzteres ist heute essentiell für den Sozialarbeiter. «Heute läuft viel über Projekte - da muss sich ein Sozialarbeiter auskennen», so die Professorin, «Ob es sich um die Eröffnung eines Jugendclubs handelt oder um Freizeitangebote für Senioren - da müssen Konzepte und Finanzierungspläne aufgestellt werden, um sie den Trägern der öffentlichen Sozialarbeit zu präsentieren und so Gelder dafür zu erhalten.»

In zwei Abschnitte gliedert sich das Studium. Auf fünf Semester Studienzeit folgt ein Praxissemester und ein Semester zum Verfassen einer Abschlussarbeit. Erst kürzlich stellte die FH Erfurt ihr gesamtes Curriculum zu Sozialer Arbeit auf den Bachelor-Abschluss um.

Bewerber für den Schwerpunkt «Jüdische Sozialarbeit» müssen eine Hochschulzugangsberechtigung vorweisen. Dokumente aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gelten als solche, wenn zehn Schuljahre und vier Studienjahre erfolgreich absolviert wurden. Weiterhin sind ausreichende Deutschkenntnisse nötig sowie ein Zugang zum Internet. Die Auswahl der Studienbewerber prüft die Fachhochschule nach ihren Kriterien. Da der Studiengang jedoch in Kooperation mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) besteht, ist auch an diese ein Bewerbungsschreiben zu richten. Die ZWST entscheidet dann über eine mögliche finanzielle Förderung der Kandidaten. Finanziert wird der Studiengang aus Mitteln der Dorothea Gould Stiftung in der Schweiz. Um die 300.000 Euro lässt sich die Stiftung ihr Engagement für bedürftige Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft kosten.

Jüdischsein erwünscht heißt es bei den zukünftigen Absolventen, denn das Programm richtet sich in erster Linie an Mitglieder der Gemeinden. Doch auch nichtjüdische Mitarbeiter der Gemeinden können sich bewerben, über die Zulassung entscheidet die ZWST. An der FH Erfurt hat der jüdische Wohlfahrtsträger erfahrene Partner für den Schwerpunkt «Jüdische Sozialarbeit» gefunden: Esther Weitzel-Polzer lehrt seit 1993 «Sozialmanagement» an der FH Erfurt. Sie pflegt langjährigen Kontakt zur jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main, für deren Altenpflegeheim sie das Modellkonzept erstellte. Doron Kiesel lehrt seit 1998 «Interkulturelle und internationale Sozialarbeit» an der Fachhochschule. Geboren in Israel verbrachte er seine Jugend bereits in Deutschland und ist Mitglied der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, wo er auch sein Studium der Sozial- und Erziehungswissenschaften abgeschlossen hat.

Nina Körner

 

 

Information
Der Abschluss, den man nach dem berufsbegleitenden Studium von sieben Semestern erhält, nennt sich «Bachelor of Arts Soziale Arbeit (Schwerpunkt Jüdische Sozialarbeit)». Für den zweiten Abschnitt des Studiums (6. und 7. Semester) fallen Studiengebühren an. Studienorte sind Erfurt und Bad Sobernheim. Neben dem Präsenzstudium (in Blockseminaren gehalten) gibt es auch E-learning und Chat-Sprechzeiten. Ansprechpartner ist Gudrun Maierhof (maierhof@fh-erfurt.de). Informationen, Studienbedingen, Antragsformular und Bewerbungsbogen kann man sich von der Website der Fachhochschule herunterladen (www.fh-erfurt.de).

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2007