Geld mag gezählt werden

Die Vorsitzende des Finanzausschusses der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg, Ella Becker, im Gespräch

 

Das Gespräch führte Elisaveta Kovalevskaja

 

 

Hintergrund:

Lange Zeit waren die jüdischen Gemeinden ausschließlich auf die Mitgliedsbeiträge reicher Mitglieder angewiesen. Im heutigen Deutschland übernimmt der Staat die finanzielle Unterstützung der Gemeinden. Darauf wird jedoch die staatliche Rolle oftmals begrenzt. Die Gemeinden genießen volle Autonomie, der Staat mischt sich weder in ihre Angelegenheiten ein noch kontrolliert er die Verwendung von Gemeindegeldern. Wenn gewissenlose Menschen im Vorsitz einer Gemeinde sitzen, werden sie sich ohne Kontrolle nicht scheuen, die Gemeindegelder schamlos für sich zu nutzen.

Ende der 90er Jahre, Anfang des neuen Jahrtausends verbreitete sich in der Israelischen Kultusgemeinde Schwaben- Augsburg das Gerücht, dass der Besitz der Gemeinde nicht ausreichend geschützt, Gemeindegelder veruntreut und all dies vom damaligen Vorstand nicht ausreichend beachtet werde. Die Gerüchte blieben jedoch folgenlos, offizielle Ermittlungen wurden nicht aufgenommen. Deshalb gibt es in diesem Fall auch keine Beweise, auf die man sich berufen könnte. Eines ist jedoch bekannt: Dem neuen Vorstand ist es gelungen, einen finanziellen Zusammenbruch der Gemeinde abzuwenden und wieder ein würdiges Leben ohne Diebstahl und Skandale in der Kultusgemeinde aufzunehmen. Die Gemeinde musste jedoch ein zinsloses Darlehen aufnehmen, um ihre Schulden decken zu können. Dieses Darlehen wird bis zum heutigen Tag sorgfältig zurückgezahlt.

Die Erfahrung des Finanzausschusses der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben- Augsburg beweist, dass jede Gemeinde ein solches Gremium braucht. Der professionelle, vom Gemeindevorstand unabhängige Ausschuss, der jedoch mit dem Gemeindevorstand eng zusammenarbeitet, hilft nicht nur die Entwendung von Geldern und Gütern in der Gemeinde vorzubeugen, sondern verbessert auch das Arbeitsklima in der Gemeinde. Und er verhindert wilde Spekulationen und üble Nachrede.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frau Becker, Sie leben seit 1997 in Augsburg. Sie haben nicht sofort nach Ihrer Ankunft begonnen, am Leben der Gemeinde teilzunehmen. Als Finanzprofi – vor Ihrer Auswanderung nach Deutschland waren Sie ja Leiterin der Finanzabteilung in einem Unternehmen in der Ukraine – haben Sie jedoch verstanden, welche Gefahr der Gemeinde droht. Was denken Sie, seit wann begannen der Diebstahl und die Verschwendung des Gemeindebesitzes?

Es ist schwierig zu sagen, wann es genau angefangen hat. Normalerweise wird so etwas nicht sofort entdeckt. Ohne Kontrolle entwickelt sich bei Dieben das Gefühl der Straflosigkeit. Mit der Zeit wollen sie immer mehr und es kommt letztendlich zu größeren Eigentumsdelikten, wie zum Beispiel der Diebstahl von vier antiken silbernen Kerzenständern aus unserer Gemeinde. Auf einem alten Foto, von dem wir nicht genau sagen können, wann genau das Foto geschossen wurde, sieht man sechs Kerzenständer. Heute sind nur zwei von ihnen übrig geblieben. Wer etwas mit dem Verschwinden dieser Antiquitäten zu tun hat, ist unklar. Ich denke, vieles bleibt für immer ein dunkler Fleck in der Geschichte der Gemeinde.

Hätte man diese Diebstähle nicht früher verhindern können, bevor die Gemeinde kurz vor dem finanziellen Aus stand? Es kann doch nicht sein, dass in der Gemeinde keine Menschen mit gesundem Menschenverstand verblieben sind!

Die Wahrheit besteht darin, dass wir für eine gute Lösung des Problems einen neuen arbeitsfähigen Vorstand brauchten.

Der Finanzausschuss wurde in der Generalversammlung 1999 ins Leben gerufen. Warum konnte dieses Gremium seine Macht nicht sofort entfalten?

Der Finanzausschuss wurde tatsächlich 1999 ins Leben gerufen. Er konnte jedoch nicht sofort seine Arbeit aufnehmen, weil ein solcher Ausschuss nicht in der Satzung der Gemeinde vorgesehen war. Anfang 2000 galt für die Gemeinde immer noch die Satzung aus dem Jahr 1960. Man musste eine neue Satzung verabschieden. Deren Entwicklung und Besprechung nahmen jedoch viel Zeit in Anspruch.

Dabei ist es bekannt, dass der neue Vorstand zu handeln begann, ohne auf die neue Satzung zu warten. Wenn das Schiff sinkt bleibt ja keine Zeit übrig …

Eine Verzögerung wäre für die Gemeinde lebensbedrohend gewesen. Die Information über die finanzielle Krise der Gemeinde kam langsam auch in die deutsche Presse. Es wurde entschieden, dass der Finanzausschuss noch vor der Ratifizierung der neuen Satzung seine Arbeit befristet aufnimmt.

Wie sind Sie in den Finanzausschuss gekommen?

Eines Tages wollte ich die Gemeinde, um Hilfe bei der Einladung meiner Verwandten nach Deutschland bitten. Was ich sah, war Chaos. Ich sprach mit dem Gemeindevorsitzenden und verstand, dass er die Probleme sah, jedoch nicht in der Lage war, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Es war so: Ich wollte, dass die Gemeinde mir hilft, musste der Gemeinde aber letztendlich selber meine Hilfe anbieten. Über eine sachkundige Gemeindebestandserfassung von materiellen Gütern der Gemeinde hat man früher überhaupt nicht nachgedacht. Es musste eine Bestandsaufnahme durchgeführt werden. Bei diesem Chaos wurde diese jedoch nur langsam vorangetrieben. Alles in allem wurden in das erste Sachgüterverzeichnis Ritual- und Kultusgegenstände nicht mit aufgenommen. Viele von diesen Gegenständen haben einen großen künstlerischen oder historischen Wert. Ich befürchte, dass wir niemals definitiv feststellen können werden, wie viele silberne Kerzenhalter es ursprünglich gab. Dasselbe betrifft auch die Torarollen, Torakronen und vieles mehr. Nach der Bestandsaufnahme weiß ich jedoch Bescheid, wie viele von diesen heiligen Gegenständen es in der Gemeinde momentan gibt und hoffe, dass unsere Nachkommenden sie alle in vollem Bestand übernehmen werden können. Diese Gegenstände sind beschrieben, fotografiert und alle diese Unterlagen befinden sich jetzt im Tresor des Finanzausschusses und des Vorstandes.

Die älteren Mitglieder der Gemeinde haben mir erzählt, dass im Jahr 2000 Unbekannte die Spuren eines Diebstahls verwischen wollten, einen Einbruch im Gemeindebüro inszeniert hatten. Nach diesem Vorfall verschwanden aktuelle Finanzunterlagen, unter anderem das Kassenbuch, Kassenbons und Abrechnungen. Ist das wahr?

Leider, ja. Aus eigener Kraft konnten wir die Verbrecher leider nicht fassen. Leider haben wir das Verbrechen auch nicht der Polizei gemeldet. Später, während der Finanzausschuss die verbliebenen Unterlagen studierte, befragten wir alle, die Zeugen finanzieller Verbrechen in der Gemeinde hätten sein können. Leider kamen wir zum traurigen Ergebnis: Es gab mehr als genug Möglichkeiten zum Aneignen von Gemeindesachgütern und finanziellen Mitteln.

Ich hatte die Gelegenheit zu erfahren, dass damals die anonymen Spenden in einer Pralinenschachtel aufbewahrt wurden ...

Glauben Sie, das ist ein Scherz? Leider nein! Ich habe mit meinen eigenen Augen diese Schachtel in einer Schreibtischschublade des Kassenwarts gesehen. Darin lagen ein paar kleinere Banknoten.

Wie muss man anonyme Spenden aufbewahren?

Wir haben ein paar versiegelte Behälter für die Spenden. Niemand darf sie öffnen. Alle drei Monate werden diese Behälter unter der Aufsicht des Finanzausschusses geöffnet. Alles wird protokolliert, die Gelder gehen zuerst in die Gemeindekasse und anschließend auf ein eigens eingerichtetes Gemeindekonto. Wie viel genau gespendet wird, werde ich Ihnen nicht sagen, das ist ein Geheimnis. Ich sage jedoch nur eins: Fast immer bekommen wir mehrere Hunderte Euro.

Entscheiden Sie bei der Verteilung von Gemeindegeldern mit?

Die Hauptaufgabe des Finanzausschusses der Gemeinde ist laut seiner Richtlinien, den «Missbrauch von Gemeindemitteln vorzubeugen und aufzudecken». Ich als Vorsitzende des Finanzausschusses habe deshalb den Zugang zu allen finanziellen Unterlagen, nehme an den Vorstandsversammlungen teil und habe dort eine beratende Stimme. Ich darf praktisch bei jeder finanziellen Angelegenheit der Gemeinde mitbestimmen und tue es gerne. Ich darf beispielsweise über die Zweckmäßigkeit von Gemeindeeinkäufen ein Urteil abgeben. Ehrlich gesagt, ist es sehr angenehm, dass auf meine Meinung gehört wird.

Heißt das denn, dass jetzt alles schön und ruhig ist, «im Staate Dänemark»?

Naja, auch uns unterlaufen manchmal Fehler. Nur wer nicht arbeitet, macht keine Fehler. Wir kontrollieren jedoch regelmäßig den Stand unserer finanziellen Mittel und versuchen, mögliche Verstöße in diesem Bereich vorzubeugen. Ich werde dies am folgenden Beispiel schildern. Während der finanziellen Prüfung in der Sonntagsschule im Sommer letzten Jahres wurde festgestellt, dass die Gelder unbedacht ausgegeben wurden, um es milde auszudrücken. Die Finanzpolitik der Schulführung entsprach weder den Interessen der Schüler noch denen der Gemeinde. Zu hohe Preise für Bildungsangebote führten dazu, dass deutlich weniger Familien den Unterricht in Anspruch nahmen. Der Schuldirektor übte einen zu starken Druck aus. Nach dieser Kontrolle wurde entschieden, den Vertrag mit der Schulführung nicht weiter zu verlängern. Außerdem wurde die Initiative des Elternbeirats unterstützt, laut der die Schule zu einer Gemeinwohleinrichtung gemacht werden sollte. Mit der Schule wurde ein neuer Vertrag abgeschlossen und zur Führung der Schule berief der Vorstand die Repräsentanten des Elternbeirats. Nachdem die Eltern, die lebendiges Interesse an eine guten Bildung, Erholung und Ernährung ihrer Kinder hatten, die Führung in ihre eigene Hand genommen haben, verbesserten sich die Bedingungen in der Sonntagsschule. Die nächste Prüfung der Schule im November hat gezeigt, dass es der neuen Schulführung gelungen ist, die Preise für Bildungsangebote zu reduzieren.

Wie gut sind die Gemeindemitglieder über den finanziellen Stand der Gemeinden informiert?

Die Gemeindezeitung «Vestnik» («Nachrichtenblatt ») veröffentlicht regelmäßig die Information über den finanziellen Stand unserer Gemeinde. Auf den Gemeindeversammlungen berichte ich jedes Mal ausführlich über die Tätigkeit des Finanzausschusses.

Kam es vor, dass unter Ihrer Führung Gelder oder materielle Güter aus der Gemeinde verschwanden?

Wir halten alles unter Kontrolle. Bei richtigem Monitoring ist es kaum noch möglich, Gelder oder materielle Güter in eigene Tasche zu stecken.

«Jüdische Zeitung», Februar 2012