Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]()
Die alt gewordenen Kinder der jüdischen RückkehrerEine Podiumsdiskussion mit der zweiten GenerationDas Jüdische Museum Berlin (JMB) hatte unter «Zurück ins Land der Täter» ein Podiumsgespräch angekündigt, doch Direktorin Cilly Kugelmann ließ bereits bei der Begrüßung wissen, dass nicht die aus Nazideutschland Vertriebenen, sondern deren im Exil geborene Kinder über die elterliche Flucht und Rückkehr sowie über ihre eigenen Erfahrungen Auskünfte geben würden. Zwei Runden fürs Podium, eine fürs Publikum, und Abschlussbemerkungen des Podiums gab Moderator Micha Brumlik vor, und er stellte im überfüllten Konzertsaal seine sieben Gesprächsteilnehmer mit biographischen Details vor. Allein Jael Kupferberg fiel mit ihren 27 Jahren, allerdings nur altersmäßig, aus der Reihe. Sie war als Vertreterin der dritten Generation gekommen und erzählte erfrischend offen, warum ihr fast legendärer Großvater, der Historiker Walter Grab, sie erheblich mehr beeinflusst habe als ihre wie sie in Berlin lebenden israelischen Eltern. Der Großvater hatte nach seiner Flucht nach Palästina und auch im späteren Israel stets darauf beharrt, aus Wien, nicht aus Zionismus gekommen zu sein. Später reiste er wieder gern nach Deutschland, doch weder hier noch in Wien mochte er auf Dauer leben. Durch den Dialog mit Großvater Grab erbte die Enkeltochter auch die Liebe zu Literatur und Geschichte. Mit israelischem und deutschem Pass ausgestattet, bezeichnete sich die Enkelin ganz im großväterlichen Sinn als kritisch sozialistisch und sah ihren Beitrag zum Judentum vor allem durch ein Judaistikstudium verwirklicht. Die anderen auf dem Podium gelten gemeinhin als Angehörige der zweiten Generation. 1942 wurde Julius H. Schoeps im elterlichen Exil in Stockholm und die Soziologin Dr. Irene Runge in Washington Heights, also in Manhattan, geboren. Runges sozialistischer Vater hatte sein Judentum und den Namen Kupfermann abgelegt, der künftige Publizist G. F. Alexan war mit seiner Frau 1934 nach Paris und 1938 in die USA geflohen. Immer der politischen und militärischen Entwicklung um einen Schritt voraus, schloss er sich ohne Kosten und Mühe zu scheuen, der anti-faschistischen Exilgemeinschaft an. 1949 kam die Familie aus politischer Überzeugung in die aufzubauende DDR zurück, zunächst nach Leipzig, dann wie viele andere nach Ostberlin. Vater Professor Hans Joachim Schoeps hingegen, der sich als Konservativer, Preuße und Jude bezeichnete, lehnte nach seiner Rückkehr den Ruf auf einen Lehrstuhl in Leipzig ab. Sohn Julius wuchs daher in der Universitätsstadt Erlangen und ausgerechnet in einem Internat auf dem Obersalzberg heran, wo es außer ihm keine Juden, dafür aber Kinder so führender Nazis wie Hess und Oberländer gab. Was wäre aus mir geworden, wenn der Vater anders entschieden hätte? Fragte er in den Saal und gab so unwahrscheinliche Antworten wie: LPG-Vorsitzender. Doch stattdessen opponierte er gegen das väterliche geistige Erbe und forscht bis heute zur deutsch-jüdischen und zionistischen Geschichte. Dr. Eva Grünstein-Neumann (Jahrgang 1946), deren jüdischer Vater als kommunistischer Jungfunktionär in Spanien bei den Interbrigaden kämpfte und nach der Internierung in Frankreich und Afrika wie andere Interbrigadisten in die Sowjetunion gelangte, kam bei Moskau zur Welt. Hier trafen ihre Eltern aufeinander, als sie unter deutschen Kriegsgefangenen nach den versteckten SS-Leuten fahndeten. Ihre ostjüdische Mutter hat diese Erfahrung niemals verwunden. Der Vater baute nach der Rückkehr die DDR-Volkspolizei mit auf, wurde Stellvertretender DDR-Innenminister und war der bisher einzige jüdische General im deutschen Militär. Wie Runges Vater spielte Grünsteins Mutter im frühen DDR-Rundfunk eine Rolle. Nicht nur diese zwei begleitete zeitlebens ihr kaum zu versteckendes Misstrauen gegen jene Deutsche, die weder über eine Exil- noch über eine glaubhafte Widerstandsvergangenheit verfügten. Auch die 1935 nach Palästina ausgewanderten Eltern des 1946 in Tel Aviv geborenen Ronny Loewy erwogen kurzzeitig, in die DDR zu gehen. Der Vater, ein namhafter Literatur- und Medienwissenschaftler, wusste, dass es dort Männer wie Walter Janka gab. Und er hoffte, die DDR-Genossen wären erträglicher als die Mitglieder der KP Israels. Der Ungarnaufstand zerstörte solche Illusionen, daher wurde ab 1956 in Frankfurt/Main gelebt, wo ein Kreis aus politisch und kulturell Vertrauten entstanden war. Sohn Ronny ist heute ein Experte für die jüdische Filmgeschichte. Wiederum war der Vater des grünen Europapolitikers Daniel Cohn-Bendits Rechtsanwalt und Mitglied der USDAP. Da es in der Weimarer Zeit zu viele Anwälte namens Cohn gab, fügte er den mütterlichen Mädchennamen dazu. In Berlin verteidigte er als Cohn-Bendit auch den Kommunisten Hans Litten. Nach der Flucht waren die Eltern in Pariser Exilkreisen und im Widerstand aktiv, der Vater wurde interniert, seine Frau überlebte mit dem erstgeborenen Sohn im unbesetzten Süden. Genau neun Monate nach dem ersehnten Frieden kam Daniel hier zur Welt. Weil die Familie in die USA wollte, blieb das Baby staatenlos, aber da der Vater als Anwalt schließlich nur in Deutschland arbeiten konnte, wurde daraus für ihn Frankfurt/Main, doch Frau und Kinder blieben in Paris. Die Mutter folgte dem schwer Erkrankten bis zu dessen Tod, der 13jährige Daniel kam in die Odenwaldschule aufs Internat, wo es ihm wider Erwarten bis zur Rückkehr nach Paris gefiel. Im Jahr 1968 wies seine französische Heimat den jungen Staatenlosen wegen politischer Umtriebe aus, er fand nun in Westdeutschland eine vorübergehend große Liebe, in der Studentenbewegung sein zeitweiliges politisches Zuhause und Freunde wie Ronny Loewy und Mischa Brumlik. Bis heute pendelt Cohn-Bendit zwischen Mutter- und Vaterland. Der Erziehungswissenschaftler Prof. Micha Brumlik wiederum wurde 1947 im Schweizer Exil in Davos geboren, sein Vater war ein organisierter und organisierender jüdischer Aktivist und Zionist. Er blieb dies auch bei der Familienrückkehr nach Deutschland, genauer: nach Frankfurt am Main, wo Micha in einem entsprechenden Umfeld heranwuchs. Emigrantenkinder eint eine besondere Geschichte. Sie mussten ungefragt und unvorbereitet ihre ihnen mehr oder weniger vertraute Geburtsheimat und Kindersprache aufgeben, je nach Alter eine als tränenreich geschilderte Tragödie. In jeder der kurzgefassten Lebensgeschichten war von den frühen Brüchen die Rede, vom Kindergefühl, in Deutschland anders als alle zu sein, vom anwachsenden Bewusstwerden der Fremdheit. Manche Ähnlichkeiten in den Erinnerungen verblüfften die Zuhörer. So wurde fast durchwegs über die seinerzeit alles entscheidenden Väter gesprochen, doch die Mütter von Cohn-Bendit und Eva Grünstein bewährten sich nach der Flucht nicht minder «mannhaft». Eine Hoffnung namens Israel schien diesem Kreis keine Option zu sein, allein Brumlik hatte davon und vom religiös Jüdischen schon in der Kindheit erfahren. In seiner gedruckten Autobiographie ist es nachlesbar. Am Ende der kurzweiligen, intensiven Exkursionen in so deutlich linkspolitisch geprägte Lebensgeschichten war eine Zuhörerin hörbar enttäuscht. Sie wollte unbedingt wissen, wo denn die Religion in diesen Lebensläufen abgeblieben sei. Jetzt kam das Wort Identität ins Spiel. Die Gefragten schwankten eingangs zwischen genervtem Lächeln und freundlicher Irritation. Erziehungswissenschaftler Brumlik nannte das die Gretchenfrage, der Politiker Cohn-Bendit erklärte sich zum radikalen Atheisten, für Runge war Religion Privatsache, als Publizistin habe sie in Ostberlin einen jüdischen Kulturverein mitbegründet, weil es für politische Juden wie sie vor und nach der Wendezeit keinen Raum gab. Der Filmwissenschaftler Ronny Loewy schüttelte nur den Kopf, der Historiker Julius Schoeps lachte und antwortete im historischen Vergleich, und Eva Grünstein, die lehrende Philosophin, gab an, einen liberalen Rabbiner, einen Holocaustüberlebenden mit osteuropäischer Vergangenheit geheiratet und 1988 mit ihm in die USA gegangen zu sein. Ihr Mann halte sie zwar für religiös, das Unglück läge aber darin, dass ihre Generation diese Sprache leider verloren habe. Die religiöse jüdische Gemeinde jedenfalls schien für niemanden eine Heimat zu sein. Als Moderator Brumlik durchgängig von Nachkriegsdeutschland sprach, aber nur die Bundesrepublik meinte, schilderten Grünstein und Runge, wie in der von ihm übersehenen DDR die abgeschotteten Privilegien und starren Überzeugungen einer kleinen Minderheit aus ehemals Verfolgten funktioniert hatten. Zwar seien viele dieser Leute jüdisch gewesen, doch die politische Mission ihrer Rückkehr hatte - nicht unabhängig von allen anderen Gründen - daraus sehr lange eine absolute Nebensache gemacht. Es war auch vergnüglich, den Vortragenden zuzuhören, die sich seit langem kannten oder spontan zueinander fanden und sich wahrlich ergänzten. Ihre Eltern hätten auf dieser Bühne vermutlich nicht so harmonisch miteinander agiert. Die Frankfurter rollten Erfahrungen aus der Zeit der Studentenrevolten auf, die Ostberliner erklärten, warum sie das Internationalistische geprägt habe, und alle hatten nach den verschwiegenen Wahrheiten in den elterlichen Biographien gesucht. Dabei waren sie auch auf das Jüdische gestoßen. Cohn-Bendit erinnerte stolz an das New York des Jahres 1963, als viele junge Juden gegen die Rassendiskriminierung aktiv wurden. Unfassbar blieb ihm, dass Deutschlands linke Studenten 1968 die Verbrechen von Vietnam und Auschwitz als Zusammenhang skandierten. Dezidiert stellte er seinen nachdenklichen Antikommunismus gegen das Politleben der Eltern von Loewy, Grünstein, Runge und ein wenig auch gegen das von Walter Grab. Einig waren sich die Gesprächsteilnehmer, dass trotz Vergangenheit, trotz antisemitischer Stimmungen und Intoleranz, die es überall auf der Welt gäbe, das heutige Deutschland eine legitime Lebensumwelt von zunehmend mehr Jüdinnen und Juden geworden sei. Aus dem Publikum meldeten sich auch Vertreter der Eltern- und Kindergeneration zu Wort. Ergänzt wurde, dass wildfremde Menschen hierzulande ungeniert und unvermittelt Juden fragten, weshalb diese nach der Schoa hier leben wollten. Das sei «eine Frechheit ohnegleichen», wie eine Frau zusammenfasste, und aus dem Podium wurde ergänzt, dass der Geburtsort in den Personaldokumenten der im Exil Geborenen angegeben sei. Mit diesem Abend hat das Jüdische Museum nicht nur sich einen großen Gefallen getan. Die sieben jüdischen Intellektuellen auf der Bühne strotzten vor Lebenslust und kritischem Respekt gegenüber ihren Altvorderen. Ihre Redebeiträge wurden, wie Beifall und Andrang im Anschluss bewiesen, mit Gewinn und Genuss aufgenommen. Dieser Typus jüdischer Persönlichkeiten, dieses säkulare gesellschaftskritische Denken, dieses Kultur- und Sprachverständnis weicht erheblich von dem des jüdischen Establishments in Deutschland ab. Das kollektive jüdische Gedächtnis hat das politische Judentum nicht mehr gespeichert. Nur zögerlich fügt sich daher nach Stalinismus und NS-System, nach der Ermordung der Erben und dem erlernten Unwissen erneut die jüdische Vielfalt zusammen. Die Podiumsteilnehmer erinnerten auch an die einst starke jüdische Arbeiterbewegung, an den vernichteten jüdisch-sozialistischen Bund, an überlebende Zeitzeugen, die gerade noch in Israel, den USA, Paris und sogar in Polen anzutreffen waren. Ganz zuletzt meldete sich ein Mann zu Wort, der als Kind mit seinen Eltern den umgekehrten Weg ins amerikanische Exil gegangen war. Er, ein Journalist der «New York Times», hätte sich, kaum im Exil angekommen, wie viele Seinesgleichen den grüblerischen Identitätsfragen niemals gestellt. Sie wären allesamt und ganz und gar zu US-Amerikanern geworden. War dies nun eine Feststellung oder eine Grundsatzfrage? Für die erklärende Antwort gab es leider keine Zeit mehr. |