Angst, Ehrfurcht, Respekt oder Annahme

Wie der Mensch Gott findet

 

Von Chaya Tal

 

Was für eine Beziehung kann der Mensch mit Gott aufbauen? Es heißt ja, «der Himmel ist für den Herrn und die Erde hat er den Menschen gegeben» (Psalm 115) und sowieso ist es heute allgemein bekannt: Gott findet man nicht unter einem Stein, hinter der Tür oder in der Synagoge an der Decke. Der Mensch benutzt viele Begriffe, die er als Synonym für Gott gebraucht; aus Mangel an Fähigkeit, dieses vergleichslose «Wesen», diese abstrakte Existenz zu beschreiben. Wer ist Gott? Die Suche nach Gott hat mit der Erschaffung des Menschen begonnen und von damals bis heute wird diese Frage gestellt.

Um weiterzukommen, möchte ich eine große Zeitspanne überspringen und überlasse die Frage denjenigen, die die Tora nicht kennen. Ist man aber auf der Suche nach sich selbst und seinem Ursprung bei Gott und seinem Wort, der Tora, angelangt und hat sich klargemacht, dass nichts außer dieser Urquelle alles Lebendigen als Gott gelten kann; ist man soweit und möchte weitere Erkenntnisse sammeln – was soll man also tun?

Die Verhältnisse klären. Welche Verhältnisse? Die zwischen Mensch und Gott.

Kann es ein solches Verhältnis geben? Ist Gott nicht zu weit entfernt, dass er mit uns Kontakt aufbauen wollte? Ist er nicht zu hoch, zu weit, zu fremd und zu unerreichbar? Die Philosophen verschiedenster Jahrhunderte versuchten, uns das immer wieder zu beweisen. Es fing mit den Griechen an… Nein, eigentlich mit den Götzendienern, die dachten, man bräuchte einen Baum oder einen Stein, um mit dem Schöpfer zu sprechen. Wie das Sprichwort sagt: Vor lauter Bäumen sahen sie den Wald nicht mehr und vergaßen, dass es einen einzigen Schöpfer gab.

Es kamen die Philosophen. Die Griechen, die Römer, die Araber und als letzte die Europäer. Yehuda Halevy, Rabbiner, Dichter und Philosoph in einem, schrieb im späten Mittelalter in Spanien das Buch «Kuzari», eine flammende Antwort an all diejenigen, die behaupten wollten, der Schöpfer habe seine Welt vernachlässigt und säße apathisch auf einer der Sphären ohne weiteres Interesse an seinem komplizierten Spielzeug. Nein, schreibt Halevy in «Kuzari»: Gott ist mit dem Menschen und mit allem, was ihn umgibt. Weder die Welt noch sein Volk hat er verlassen. Er ist der Welt nicht fremd, sondern ohne seine Wirkung würde die Existenz enden. Oft genug hat uns Gott in der Tora bewiesen, dass er keine Scheu hat, sich einzelnen zu zeigen. Jede in der Tora erwähnte Person hatte ihre Impression vom Schöpfer: Noach, Avraham, Yitzhak, Yaakov, Yosef, Mose und schließlich ganz Israel am Berg Sinai. Die Gabe der Tora als kollektives Ereignis – so etwas prägt sich in die Natur eines Volkes ein, das von nun an persönlich bezeugen kann: Wir waren dabei und wir wissen, dass wir mit dem Schöpfer der Welt verbunden sind. Er war mit uns; er und kein Engel; er und kein Stellvertreter (siehe Pessach-Haggada).

Nun haben unsere Vorfahren das ganze Wort Gottes bekommen. Nein, nicht nur sie, sondern, wie es in Parashat Nitzavim heißt: «Und nicht nur mit euch allein schließe ich diesen Bund (…), sondern mit denen, die heute mit uns sind und die nicht mit uns heute sind.» (5. Buch, 13-14). Sprich, wir waren alle zugegen. Gott hat «vorgesorgt».

Was aber will Gott von uns?

Er will immer das Eine: Verbindung. Er will nicht, dass wir Ihn vergessen. Er will, dass wir mit Hilfe verschiedener Wege, durch die Vernunft, durch die Tora, durch die Gebote, mit ihm in Kontakt bleiben. Er ist immer mit uns. Der Fakt, dass wir und unsere Umgebung am Leben sind, sollte uns genügend Zeichen sein. Doch wir merken es nicht. Wir werden in eine Welt hineingeboren, die funktioniert. Daher müssen wir unser Verhältnis zum Schöpfer unabhängig, allein und als Gruppe, aufbauen.

Wie findet der Mensch Gott? Was bringt er Ihm entgegen?

Vier Zutaten sind im Verhältnis Mensch- Gott enthalten: Angst, Ehrfurcht, Respekt und Annahme. Das Ergebnis aller vier ist die Liebe. Die Ehre zu Gott kann aus der Schwäche heraus folgen. Dann erreicht sie nur die Stufen der Angst und der Ehrfurcht. Sie kann aber auch durch Stärke ausgeübt werden. Sie wird zu Respekt und zur freiwilligen Annahme. So erklärt es Rav Avraham Yitzhak ha- Kohen Kuk, der Begründer des religiösen Zionismus: «Ehre aus Stärke heraus macht den Menschen groß und glücklich. Diejenigen, die Gott aus Angst heraus ehren, ehren Ihn nicht. Sie fürchten sich vor Strafe, sie machen sich selbst zum Sklaven, gezwungen, brutal und voller Hass auf alle.» Sie sagen, sie lieben Gott, aber was tun sie? Sie wählen die Furcht. Gott schüchtert sie ein, er ist der Punkt ihrer größten Schwäche. Wie kann man jemanden lieben, vor dem man sich fürchtet? Der unterdrückt und erniedrigt? Gott, in diese Rolle «gedrängt», verliert den wirklichen Wert. Wem gilt die Ehrfurcht am Ende? Dem eigenen Schreckensbild.

Wo aber ist Gott? Fragte einmal ein Vater sein Kind dieselbe Frage. Antwortete das Kind: «Er ist überall». «Nein», sagte der Vater, «er ist dort, wo man Ihn einlässt.» Dort, wo wir ihm seinen Platz zugestehen, dort offenbart sich Gott in all seiner Macht. Wo wir verstehen, was er in unserem Leben bewirkt, dort werden wir seine Anwesenheit umso mehr spüren. Wenn wir aus der Rolle der vom Himmel Erdrückten aussteigen und lernen, dass er ein Grund für jeden Aufstieg ist, dort steigen wir auf, werden zu großen Herzen, großen Geistern und bewegen die Welt. Unser Verhältnis zu Gott ist unser Blick auf uns und die Mitmenschen. Steigen wir, oder fallen wir? Ignorieren wir oder suchen wir? Was wählen wir: «Adam verbarg sich vor Gott hinter den Büschen» oder «Höre Israel, der Herr ist unser Gott»?

«Jüdische Zeitung», Februar 2012