Boucherie Mazel-Tov. Foto: M. S.

Bordeaux und die Juden in Frankreichs Südwesten

Mehr als Wein – (fast) ein Reisebericht

 

Das pinkfarbene Tor an der Durchgangsstraße von Gradignan nach Bordeaux ist markant. Dahinter öffnet sich der Blick auf einen alten, naturbelassenen Garten und ein helles, um 1900 erbautes Haus, das die Spuren vergangener Zeiten nicht verbirgt. Wir sitzen in Joans Arbeitszimmer im ersten Stock, zwischen Akten, Bücher- und Zeitungsstapeln. «Kennst Du die?» Michel deutet auf eine deutsche 55-Cent-Briefmarke. Sie erschien im Juli 2005 zum fünfzigsten Jahrestag der Pariser Verträge. Die Marke zeigt ein Gruppenporträt hochrangiger europäischer Politiker: Bundeskanzler Konrad Adenauer, den britischen Außenminister Anthony Eden, den amerikanischen Außenminister John Foster Dulles und - linksaußen - den französischen Ministerpräsidenten, Pierre Mendès France, Michels Vater.

Pierre Mendès France ist ein Mythos in Frankreich, die herausragende Persönlichkeit der politischen Linken im 20. Jahrhundert, das‚ «politische Gewissen der Nation». Geboren und aufgewachsen in Paris, studierte er dort Rechts- und Politikwissenschaft und schloß 1928 mit dem Doktortitel ab. Kurz darauf ließ er sich in Louvier bei Rouen als Anwalt nieder, wo man ihn später zum Bürgermeister wählte. Im Alter von 25 Jahren vertrat er die sozialistische Parti Radical als jüngster Abgeordneter der Nationalversammlung. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits mit Lily Cicurel verheiratet und hatte einen Sohn (Bernard); der andere (Michel) wurde 1936 geboren. Obwohl seine Position ihn vor dem aktiven Militärdienst bewahrte, ging Mendès France bei Kriegsbeginn zur Luftwaffe. Vom Vichy-Regime 1941 unter falscher Anklage festgenommen und zu sechs Jahren Haft verurteilt, floh er aus dem Gefängnis in Clermont-Ferrand über Marokko nach Großbritannien. In London schloß er sich der Bewegung «France libre» von de Gaulle an, der ihn 1944 in seiner Übergangsregierung zum Wirtschaftsminister machte. Nach Kriegsende behielt Mendès France einen exponierten Status in der Politik. 1954 wurde er Ministerpräsident; in sein Kabinett berief er neben anderen auch den jungen François Mitterrand. Mit der Beendigung des Indochinakriegs leitete Mendès France Frankreichs Rückzug aus der Kolonialpolitik ein, was ihn zum Ziel innenpolitischer, vielfach auch antisemitischer Angriffe machte. Nach wenigen Monaten wurde 1955 seine Regierung gestürzt. 1959 überwarf sich der streitbare Linke mit seiner Partei, die de Gaulles Machtpolitik unterstützte und wechselte zur PSU, einer kleinen Partei der intellektuellen Linken, die er in den 1960er Jahren in der Nationalversammlung repräsentierte. Er unterstützte die Kandidatur Mitterrands zu den Präsidentschaftswahlen 1974 und begleitete ihn als politischer Berater bis zu dessen Wahlsieg 1981. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Pierre Mendès France vor allem dem Friedensprozeß im Nahen Osten. Er starb inmitten seiner Arbeit, am 18. Oktober 1982 an seinem Schreibtisch in Paris. Sein umfangreiches Werk, darunter «Liberté, liberté, chérie» (1943) und «La République moderne» (1963), wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Bilder und Fotos von Pierre Mèndes France und seiner Familie findet man im ganzen Haus in Gradignan verteilt. Auffallend die künstlerischen Arbeiten von Lily Cicurel (1911-1967), darunter ein kraftvolles Selbstportrait. Als Frau an der Seite eines Mythos hätte man ihre Kunst nie objektiv beurteilt, deshalb habe sie ihre Begabung nie professionalisiert, erklärt ihr Sohn.

Michel Mendès France selbst ist emeritierter Mathematikprofessor an der Universität von Bordeaux, seine Frau Joan emeritierte Hochschullehrerin für Politische Wissenschaft. Die gebürtige Britin von den Scottish Borders kümmert sich um Erhalt und Fortschreibung des genealogischen Projekts ihres Schwiegervaters. In seiner Freizeit war der Politiker ein geradezu manischer Sammler, der seine Fundstücke akribisch genau sortierte und verzeichnete. Seine Herkunft aus einer sefardischen Familie, die ursprünglich aus Portugal kam, barg viele offene Fragen. Der von ihm handgefertigte Stammbaum zeigt eine über mehrere Jahrhunderte und viele Generationen sich erstreckende Familiengeschichte. Vermutlich stellte Pierre Mendès France bald fest, dass diese Familiengeschichte Teil einer Gesamtgeschichte war, die noch weitgehend unerforscht war. Dies wäre eine mögliche Erklärung für den immensen Umfang von insgesamt 6,5 laufenden Metern seines genealogischen Archivs zur Geschichte sefardischer Juden, das aus seiner Beschäftigung mit der Familie entstand. Die bisher noch kaum genutzte Sammlung befindet sich in Paris, bei der Alliance Israélite Universelle. Die Mendès France gehen davon aus, dass die Daten bald im Internet zugänglich sind. Im privaten Besitz der Familie verblieb vor allem die photographische Sammlung des Vaters und Schwiegervaters, die, von ihm penibel sortiert und beschriftet, an exponierter Stelle im Salon des Hauses aufbewahrt wird. Biographen schöpfen hier aus einem ergiebigen Fundus.

Während die Reihe von Biographien über Pierre Mendès France unlängst um zwei Neuerscheinungen erweitert wurde (die Biographie «Pierre Mendès France» von Eric Roussell bei Gallimard und die Untersuchung «Der ∫"Jude" Mendès France» von Gérard Boulanger bei calmann-levy), ist die Biographie der Familie Mendès France noch nicht geschrieben. Zweifellos müßte sie mit dem Fall des 43jährigen Luis Mendes de França beginnen, im Jahr 1683, in Lissabon. Der fünffache Familienvater und Kaufmann im Textil- und Tabakhandel wurde in der portugiesischen Hauptstadt wegen «heimlichen Praktizierens jüdischer Riten» inhaftiert und verurteilt. Er kam noch im gleichen Jahr frei, mußte sich aber bereit erklären, das Land zu verlassen. Allein. Frau und Kinder blieben in Portugal zurück. Er floh über die Grenze nach Frankreich. Versuche der Familienzusammenführung scheiterten, auch die Hoffnung, in Bordeaux ein neues Leben aufzubauen. Er heiratete erneut, bekam auch Kinder, doch litt er zunehmend an Depressionen, deren Ursache amerikanische Forensiker (Bénézech/Chapenoire 2004) in den traumatischen Ereignissen im Zusammenhang mit seiner Flucht aus Portugal vermuten. 1695 nahm er sich mit einer Pistole das Leben.

Mendes de França war einer jener sogenannten Marranen, Conversos oder Neuchristen aus Portugal, die sich im 16. und 17. Jahrhundert in Bordeaux niederließen. Die älteste jüdische Gemeinde der Stadt war im Mittelalter (1394) vertrieben worden, und lange Zeit hatte Frankreich überhaupt keine Juden mehr geduldet. Die Marranen kamen unter dem Druck der spanischen und portugiesischen Inquision. Man warf ihnen vor, dass sie ihr Christentum nur zum Schein lebten und Judentum weiterhin praktizierten. In Portugal verfolgt und vertrieben, waren sie ins Ausland geflohen, vorzugsweise in den Südwesten Frankreichs. Viele dieser Flüchtlinge waren im maritimen Handels- und Finanzwesen tätig. Bayonne und Bordeaux als florierende Handelshäfen und die nahen Pyrenäen, durch die eine wichtige Handelsroute verlief, machten den Südwesten zu einem geeigneten Fluchtort. Ein Bericht aus dem Jahr 1633 nennt 60 jüdische Familien bzw. 300 Personen mit entsprechendem Migrationshintergrund in Bayonne, 80 (400 Personen) in Labastide-Clairence, mehr als 40 Familien in Peyrehorade, 10 in Dax und 40 in Bordeaux. Dass sie über weitreichende Netzwerke und beste kaufmännische Kontakte verfügten, machte sie für ihr neues Gastland interessant. Französische Herrscher räumten ihnen deshalb weitreichende Freiheiten ein, das Recht auf Niederlassung etwa oder den Erwerb von Grundbesitz. In Bordeaux nannte man sie zunächst «la nation portugaise», was sowohl auf ihre Landsmannschaft wie auf ihre Kaufmannschaft hindeutete. Später wurde daraus «la nation juive», im Sinne von jüdischer Gemeinschaft. In Bordeaux konnten sie offiziell zum Judentum zurückkehren und den Grundstein für jene fortschrittliche Gemeinde legen, die vor allen anderen in Frankreich und Europa 1790 die vollen Bürgerrechte erhielt. Die im 18. Jahrhundert eingewanderten Avignoneser und aschkenasischen Juden bekamen diese Rechte erst später, was zu dauerhaften Konflikten führte, in denen sich die portugiesischen Juden bald als eine Art aristokratische Minderheit fühlten. Spuren der «spektakulären Integrationsgeschichte» (Esther Benbassa) der «nation» finden sich noch heute in Bordeaux.

Vor uns liegt die Rekonstruktion eines Stadtplans aus dem Jahr 1755. Die Straßen, in denen vorwiegend Juden lebten, sind grün markiert. Jüdische Wohnviertel befanden sich demnach hauptsächlich im Bereich der heutigen Altstadt, dort, wo schon seit dem Mittelalter Juden lebten. Das bestätigt auch Louis Francia de Beaufleurys «Geschichte der Niederlassung von Juden in Bordeaux und Bayonne seit 1550» aus dem Jahr 1800. Einen «Wegweiser durch das jüdische Bordeaux», der das jüdische Erbe der Stadt sichtbar machen würde, gibt es nicht. Eine vorerst nur auf Französisch lesbare Alternative ist Gerard Nahons «Geschichte der Juden in Bordeaux» (Mollat 2003). Der Band wird unser ständiger Begleiter auf der Suche nach der jüdischen Vergangenheit der Stadt, die wir auf dem jüdischen Friedhof, cours de l'Yser No. 176, fortsetzen.

Die 1768 eröffnete (und noch in Nutzung befindliche) Begräbnisstätte wurde von Beginn an von Avignoneser, aschkenasischen und portugiesischen Juden belegt. Dieser Einklang im Tod ist insofern bemerkenswert, als daneben ein zweiter Friedhof am cours de la Marne 100 existiert, auf dem sich ausschließlich Portugiesen bestatten ließen, und auch die Avignoneser verfolgten zeitweilig das Projekt eines eigenen Friedhofs.

Joan macht uns auf ein schlichtes Grab im vorderen Bereich aufmerksam. Isaac Mendes liegt hier, gestorben «am 12. Thermidor des Jahres 2 der Französischen Republik», wie die Gravur der Steinplatte verrät. Deutlicher kann man seine politischen Sympathien nicht ausdrücken. Das Mausoleum der Familie Mendès France befindet sich im hinteren Teil des Areals. Es drückt den Stolz derer aus, für die gesellschaftliches Ansehen und Wohlstand nicht selbstverständlich sind. Das Grabmal trägt den verblaßten Glanz jener Epoche, die so viele jüdische Erfolgsgeschichten schrieb. Natürlicher Verfall, Verwahrlosung und antisemitischer Vandalismus haben das Monument in einen beklagenswerten Zustand versetzt. Im Innern die Replik von Michelangelos Moses, zerstörte Mosaiken und zerbrochenes Fensterglas. Ein trauriger Ort.

Der zweifellos markanteste - und seit 2000 illuminierte - Ort jüdischer Kulturgeschichte in Bordeaux ist die Synagoge in der rue du Grand-Rabbin Joseph Cohen. Eigentlich ist sie mehr eine ruelle, eine Gasse und steht in augenfälligem Kontrast zur Präsenz des Gebäudes. Eine lange, schwierige Baugeschichte hat verhindert, dass die Synagoge nicht dort ist, wo sie eigentlich hin sollte (cours Victor Hugo, heute Musée d'Aquitaine). Sie ersetzte das Gotteshaus in der rue Causserouge im alten jüdischen Viertel, das seit 1812 von der Gemeinde genutzt, aber 1873 durch ein Feuer zerstört worden war. Unübersehbar ist der repräsentative Zweck der neuen Synagoge, die bei ihrer Einweihung im Jahr 1882 die größte in Frankreich war. Gebaut wurde sie vom Stadtarchitekten Charles Durand, der die Pläne seines verstorbenen Vorgängers André Burguet «orientalisierte» und im Trend westeuropäischer Synagogenarchitektur des späten 19. Jahrhunderts romanische und byzantinische Stilelemente miteinander kombinierte. Bemerkenswert vor allem die Westfassade des Gebäudes mit ihren beiden symmetrischen Türmen. Die Frauenempore im Innern tragen Metallpfeiler aus der Werkstatt Gustave Eiffels in Bordeaux. Während des Zweiten Weltkriegs mißbrauchten Nationalsozialsozialisten die Synagoge als Gefängnis. 1690 Personen wurden zwischen 1942 und 1944 von dort aus in Konzentrationslager deportiert. Französische Faschisten plünderten und zerstörten noch vor Kriegsende das Innere der Synagoge. Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten konnte das Gotteshaus erst 1956 wieder eröffnet werden. Auf seinem Vorplatz erinnert eine Namenstafel an die im Holocaust ermordeten Juden von Bordeaux. Die Synagoge wird heute von der sefardischen Gemeinde genutzt.

Ihre Mitglieder sind vorwiegend jüdische Einwanderer aus Nordafrika. Sie sind dabei, ihre eigene Geschichte zu schreiben, die nicht mehr an die Erfolgsgeschichte der Vorkriegsgemeinde anknüpft. Eine Vielzahl von Gemeindeeinrichtungen und die Tatsache, dass es wieder eine koschere Fleischerei gibt (cours Victor Hugo), zeugt von dem Bedürfnis, sich im Alltag der Stadt zu etablieren. Der Name der Fleischerei ist zwar wenig originell, birgt aber alle Hoffnung für die Zukunft: «Mazal Tov».

Bleibt die Frage nach dem Wein. Ein schwieriges Thema. Schon im 18. Jahrhundert stritten sich die jüdischen Kaufleute Bordeaux‘ mit deutschen Händlern über die Rechtmäßigkeit der Steuern auf koscheren Wein. Der Hamburger Rabbiner Jonathan Eybeschütz erklärte daraufhin den Wein aus Bordeaux schlichtweg für «rituell unrein». In Bordeaux sah man sich damit einer wichtigen Einnahmequelle beraubt, was die Atmosphäre des deutsch-französischen Handels nachhaltig belastete. Seit dem 19. Jahrhundert steht das Haus Rothschild als Synonym für hochklassigen Wein aus dem Bordelais. Joachim Kurz hat diese Erfolgsgeschichte soeben hinreichend beschrieben (Die Rothschilds und der Wein, Econ Verlag 2006). Im Office du tourisme erhalten wir eine Liste von Weingütern, die koscheren Bordeaux produzieren. Wir entscheiden uns für das Château Smith Haut Lafitte, klassifizierter Grand Cru de Graves, Appellation Pessac Léognan. Seit dem 14. Jahrhundert wird hier Wein angebaut, seit 1990 unter der Leitung des ehemaligen französischen Skistars Daniel Cathiard und seiner Frau Florence. Die Domaine besticht durch endlose Weinfelder, elegante Gebäude und eine ehrwürdige Kellerei. Am Eingang zum Château wird man über eine Blindverkostung von koscherem und nichtkoscherem Wein des Jahrgangs 2004 informiert, durchgeführt von vier Sommeliers internationalen Rangs. Das Ergebnis: ein deutliches Patt. Mark Slater und Roger Dagorn bevorzugen den koscheren, Hervé Pennequin und Michael McNeill den nichtkoscheren Pessac. Keine einzige Flasche des hochgelobten koscheren Weins lagert jedoch in den Kellern des Weinguts. Die gesamte Produktion sei bereits verkauft und im Pariser Vertrieb. Viel mehr erfahren wir an diesem Ort nicht und beschließen, das Thema zu vertagen - Bordeaux hat ohnehin mehr zu bieten als Wein.

Marina Sassenberg

«Jüdische Zeitung», Mai 2007