Bei der Vieauktion. Foto: D. Goldblatt

Ein Auge Südafrikas

Das Fotomuseum Winterthur zeigt Arbeiten von David Goldblatt aus den Jahren 1952 bis 2006

 

Im Jahr 2005 erschien David Goldblatts erstes Fotobuch in Farbe. «Intersections» - Schnittpunkte nannte der Fotograf, der zu den wichtigsten Dokumentaristen der südafrikanischen Apartheid zu zählen ist, sein Projekt. Dass der gewaltige und für viele Fotokünstler bis heute undenkbare Schritt zur Farbe dabei nicht nur Ausdruck eines freien Südafrikas nach dem Ende der Rassentrennung ist, stellt die Einzigartigkeit des in Europa, trotz seiner Auszeichnung mit dem «Hasselblad Foundation International Award in Photography» im vorigen Jahr, immer noch zurückhaltend beachteten Goldblatt unter Beweis. Nie hat er den Fotoapparat als Waffe oder die Dunkelkammer als Keimzelle des politischen Widerstands verstanden; darin unterscheidet er sich von vielen seiner Arbeits- und Zeitgenossen. Einen unpolitischen Fotografen kann man Goldblatt dennoch nicht nennen. Denn während sich sein ästhetisches Vorgehen bis heute kaum subsumieren lässt, er den Inhalt nach wie vor über die Form zu stellen scheint, ist sein ausschließliches Interesse für die Menschen Südafrikas und der von deren Denken und Handeln geprägte Landschaften Leitmotiv seines umfangreichen Oeuvres. In seinen frühen Werken war Goldblatts Bildsprache dabei noch relativ gewöhnlich, erinnerte an die international gängige Fotografie der 60er und 70er Jahre. Menschen in ihrem sozialen Umfeld. Spätestens ab «Particulars» geht Goldblatt dann allerdings seine eigenen Wege. In den 70er Jahren aufgenommen, aber erst 2003 als Buch veröffentlicht, hebt er hier jede Distanz zwischen Kamera und dem Abgelichteten auf, verletzt bewusst die schützende Sphäre der Umgebung. Ausschnitte von Gesichtern, Hände, Oberschenkel und immer wieder auch der unverhohlene Blick in den Schritt. Die Closeup-Blicke anonymisieren die Menschen, indem sie sie ihrer Ganzheit und ihres räumlichen Umfelds berauben.

Eine durchgehende ästhetische Leitlinie gibt es in Goldblatts Werk nicht, obgleich die einzelnen Kapitel seiner Arbeit von bewundernswerter bildgestalterischer Konsequenz zeugen. Das mag darin begründet sein, dass Goldblatt fast ausschließlich in Projekten arbeitet, die, vorausgesetzt er findet einen gewogenen Verleger, in einem Fotobuch enden.

Das Fotomuseum in Winterthur hat sich nun der ob seiner Disparität durchaus schwierigen Aufgabe unterzogen, das Lebenswerk Goldblatts mit einer Ausstellung zu würdigen. Die Exposition beginnt mit den frühen Arbeiten, die seinerzeit in «On the Mines» (1973) die Arbeit südafrikanischer Minenarbeiter in infernalischer Umgebung unter Tage darstellt. Bereits hier, explizit dann aber in «The Transported of Kwandebele» (1989), wird Goldblatt sich Sujets der Wege zur Arbeit annehmen. In den 80er Jahren hatte er diese Serie aufgenommen, die in unscharfen und grobkörnigen Bildern ein durch den Wahn der Rassentrennung entstandenes Phänomen ins Licht rückt. Nach der räumlichen Trennung der Wohngebiete mussten die schwarzen Bergleute lang vor Tagesanbruch stundenlang mit dem Bus durch die Nacht fahren, um zur Arbeit zu kommen, nur um dann mitten in der Nacht wieder zurück nach Hause zu fahren. Goldblatt arbeitet jedoch auch hier nicht mit schockierenden Bildern, man sieht den Arbeitern zwar die Erschöpfung an, dennoch behalten sie ihre Würde. Drastisch werden die Fotografien durch die Bildlegenden, die zugleich zeigen, dass Goldblatt mehr als nur ein unbeteiligter Beobachter war. In aller Knappheit werden die zurückliegenden oder noch kommenden Wege präzise beschrieben und den Fotografien somit der Charakter des eingefrorenen Augenblicks genommen. Aus Momentaufnahmen werden punktuelle Ausschnitte einer anhaltenden und sich immerzu wiederholenden Tortur.

David Goldblatt selbst wurde 1930 in Randfontein, einer Minenstadt 40 Kilometer westlich von Johannesburg, als dritter Sohn einer jüdischen Familie geboren. Seine Eltern waren aus Litauen nach Südafrika eingewandert. Als 1948 die burische National Party die Wahlen gewinnt und unaufhaltsam ihre rassistischen Prinzipien auf das Land überträgt, dürfte die vor dem Antisemitismus im Baltikum geflohene Familie sensibel reagiert haben.

Eine Sensibilisierung, die sich in Goldblatts Werk niederschlägt und sich auch in der eindrücklichsten Sammlung seines Werks zeigt: «South Africa: The Structure of Things Then», die 1998 endlich erscheinen konnte. Auch hier versammeln sich Fotografien aus zwei Jahrzehnten, die sich nun dem Niederschlag der Rassentrennung im geografischen und sozialen Raum zuwendet. In die unendlich weite Landschaft Südafrikas unter ebenso weitem Himmel eingebettet sind hier ihre architektonischen Auswüchse zu erkennen. Abgerissene Wohnstätten von Schwarzen, die nun unter freiem Himmel leben, Denkmäler oder einfach ein «Heldenacker», auf den ersten Blick einfach ein Stück eingezäunte Prärie, in Wirklichkeit aber ein Friedhof für die weißen Mitglieder der Sicherheitspolizei. Immer wieder sind auch offenbar nie realisierte Siedlungsprojekte und deren Überreste zu erkennen, mit denen das weiße Südafrika versucht hatte, seinen Traum vom «Cape Dutch» auch baulich zu manifestieren.

Im Großteil seiner bisherigen Arbeiten ließ David Goldblatt das harte Licht seiner südafrikanischen Heimat in schwarzweiß widerscheinen. Ab «Intersections - Joburg» dann in Farbe. Neben der bemerkenswerten Idee, handgemalten Werbeschildern zu folgen und die Handwerker, die sich hinter diesen Hinweistafeln verstecken, bei der Arbeit zu porträtieren, zeigt er hier vorwiegend Straßenhändler in den Straßen von Johannesburg. In digital bearbeiteten großflächigen Bildern sind hier die täglichen und ärmlichen Versuche scheinbar wertlose Ware an den Mann zu bringen. Den Abschluss der Ausstellung bildet eine Serie von Amtsträgern im heutigen Südafrika. Durchweg Menschen, die sich selbst in ihren oftmals völlig überdimensionierten Büros inszenieren. Hier bringt Goldblatt sein lebenslanges Unterfangen, Menschen in ihrer Umgebung zu zeigen auf den Höhepunkt, spielt erneut mit der Korrespondenz von Mensch und Umgebung. Diesmal in Farbe und mit ironischem Unterton. Viele Probleme hat Südafrika immer noch; vielfältiger und bunter wurde es bereits.

Moritz Reininghaus

 

 

Die Ausstellung «David Goldblatt, südafrikanische Fotografien 1952-2006» ist noch bis zum 20. Mai im Fotomuseum Winterthur zu sehen.

Fotomuseum Winterthur,
Grüzenstrase 44+45, CH-8400
Tel. +41 52 234 10 60;
Fax +41 52 233 60 97
www.fotomuseum.ch


Buch zur Ausstellung:
David Goldblatt, Südafrikanische
Fotografien 1952-2006.
Hg. Fotomuseum Winterthur / Christoph Merian Verlag.
Mit Texten von Urs Stahel und Rory Bester sowie einer Chronologie von Alex Dodd.
256 Seiten, 128 s/w Duplex- und 50 Farbabbildungen, Hardcover mit Schutzumschlag.
Preis: CHF 69.-

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2007