Buchcover

«Ich suche die Spuren meiner Mutter»

Caroline Piketty

 

Ähnlich wie die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron («Warum bist du nicht vor dem Krieg gekommen»), ehemalige Mitarbeiterin von Yad Vashem und frischgebackene Preisträgerin des Jeanette Schocken Preises 2007 der Stadt Bremerhaven, ist auch die französische Historikerin Caroline Piketty durch ihre langjährige Archiv- und Recherchetätigkeit im Pariser Nationalarchiv, insbesondere für die sogenannte Mattéoli-Kommission, die seit 1997 die Enteignung und Verfolgung der französischen Juden während des Vichy-Regimes erforscht und erstmals öffentlich zugänglich gemacht hat, zu einer bewegenden literarischen Dokumentation ihrer Arbeit angeregt worden. Anders jedoch als Doron, die aus ihren zahllosen Begegnungen mit Überlebenden und deren Nachkommen ebenso kraft- wie kunstvolle Romanstoffe gewebt hat, verlässt Caroline Piketty ihre Rolle als Archivarin nicht. Sie betont sogar, dass sie die Anfragen ihrer Klienten immer nur nach deren spezieller Maßgabe weiterverfolgt habe und nicht etwa aus eigenem Interesse oder ihrer verständlichen Betroffenheit weiterführende Fragen herausgearbeitet und erforscht habe. Die Demut, die aus dieser Haltung spricht, bekommt ihrem Buch gut: wir erleben neben den unfassbaren, leider nur allzu bekannten Geschichten von der Banalität der Abwicklung der Deportationen auch die vielfältigen Belastungen und wenigen, aber überaus bereichernden Erfolgsmomente einer Frau, die tagtäglich mit den Anfragen von Menschen konfrontiert ist, die auf der Suche nach ermordeten Verwandten oder nach ehemaligem Besitz ins Archiv kommen - in der vergeblichen Hoffnung, wie Georges-Arthur Goldschmidt in seinem lesenswerten, sensiblen Vorwort konstatiert, «dass irgendeine Auskunft, irgendein echtes Überbleibsel ihre ewige, stille Hoffnungslosigkeit doch noch lindern könnte». Was Caroline Pikettys Buch ganz und gar einzigartig macht ist ihre ebenso respektvolle wie detaillierte empathische Beobachtungsgabe, mit der sie in 22 kurzen Rechercheprotokollen überaus bewegende Kurzporträts der Suchenden und ihrer Familiengeschichten entwirft.

Florian Hunger

 

«Ich suche die Spuren meiner Mutter»
aus dem Französischen von Uli Aumüller
Nagel & Kimche, 158 Seiten
12,90 Euro

«Jüdische Zeitung», Mai 2007