«Sarahs Schlüssel»

von Tatiana de Rosnay

Noch tiefer hinein in die Geschichte der französischen Judendeportationen und der Kollaboration der Vichy-Behörden mit dem Nazi-Regime, diesmal allerdings mit den Mitteln eines großen Romans, führt uns die neue, mittlerweile achte Buchveröffentlichung der französisch-amerikanischen, auf Englisch schreibenden Schriftstellerin und Journalistin Tatiana de Rosnay. «Sarahs Schlüssel» hat sich mit seiner den Leser unmittelbar packenden, ausgeklügelten thrillerartigen Erzählstruktur in Frankreich bereits zu einem veritablen Bestseller entwickelt, Übersetzungen erscheinen in 15 verschiedenen Ländern, so auch jetzt in Deutschland. Der Roman beginnt am 16. Juli 1942: die Juden von Paris werden in ihren Wohnungen verhaftet und im Radstadion «Vélodrome d'Hiver» zusammengetrieben, von wo aus ihre Deportation in die französischen Lager und dann nach Auschwitz erfolgen wird. Die zehnjährige Sarah hat zuvor ihren kleinen Bruder Michel in einem Wandschrank versteckt und eingeschlossen, im festen Glauben, später zurückkehren zu können, um ihn zu befreien. Sechzig Jahre später entdeckt die in Paris lebende amerikanische Journalistin Julia im Verlauf einer Recherche für ihre Zeitung, dass die Wohnung, in der sie mit ihrem französischen Mann lebt, vor 1942 Juden gehörte, dass dessen Familie also zu den Profiteuren des 16. Juli gehörte. Erschüttert von der kühlen Gleichgültigkeit ihrer Verwandten intensiviert Julia ihre Nachforschungen und versucht, mehr über das Schicksal der jüdischen Vorbesitzer herauszufinden. Währenddessen drängt sie ihr Mann, ihre ungewollte Schwangerschaft abzubrechen - das ganze bisheriges Leben der Protagonistin wird somit radikal in Frage gestellt und steuert auf eine Gewissensentscheidung von ungeheuerlichen Ausmaßen zu. Mit «Sarahs Schlüssel» ist Tatiana de Rosnay ein wirklich beeindruckender Roman von großer sprachlicher Gestaltungskraft gelungen, dessen Spannungsbogen und konsequente Erzählhaltung scheinbar mühelos Thrillerniveau erreichen.

Florian Hunger

 

 

«Sarahs Schlüssel»
aus dem Amerikanischen von Angelika Kaps
Bloomsbury Berlin, 349 Seiten
19,90 Euro

 

«Jüdische Zeitung», Mai 2007